Reformiert in Bremen

von | 30. Oktober 2022

Predigt von Pastorin Esther Joas am 30. Oktober 2022

Antonin Dvorak l Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen

Begrüßung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.

Auf dem Altar steht heute nur die Bibel, keine Kerzen. Wir hören und singen Psalmen-Lieder, der Ablauf ist schlicht, die Predigt wird entgegen meiner üblichen Herangehensweise lang und gleicht einem Vortrag. Denn heute folgen wir den Spuren der calvinistisch-reformierten Tradition, die Bremen und auch die Remberti-Gemeinde geprägt haben. Reformierte Kirchenmusik, wie wir sie angekündigt haben, ist ein Oxymoron, ein Widerspruch in sich. Denn die reformierte Tradition in Folge von Zwingli und Calvin stand der Musik im Gottesdienst immer skeptisch gegenüber. Allein das Wort zählt. Nur in der Vertonung von Psalmen finden wir reformierte Spuren. Dass Antonin Dvorak Katholik war und „Wohl denen, die da wandeln“ von einem Lutheraner geschrieben wurde, nehmen wir mit einem Augenzwinkern hin und sehen es als Zeugnis unserer evangelischen Freiheit, um die es heute auch gehen soll.

Psalm 119 (EG 748)

Lied: Wohl denen, die da wandeln (EG 295)

Gebet

Eröffnungsgebet von Ulrich Zwingli, dem Schweizer Reformator der ersten Stunde:

Allmächtiger, ewiger und barmherziger Gott, dessen Wort
eine Leuchte ist für unsere Füße und ein Licht auf unseren
Wegen, öffne und erleuchte unsere Herzen, auf dass wir
deine Worte lauter und rein verstehen und uns umwandeln
lassen zu dem, was wir richtig verstanden haben, durch Jesus
Christus, unseren Herren. Amen.

Schriftlesung (2 Kor 3, 2-9)

Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth im zweiten Korintherbrief, sie bräuchten kein Empfehlungsschreiben, um sich zu bewähren, denn, so sagt er in Kapitel 3:

Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von allen Menschen! Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid durch unsern Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen. Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott. Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als von uns selber; sondern dass wir tüchtig sind, ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

Lied: Wie lieblich schön, Herr Zebaoth (EG 282, 1-3)

Predigt

Die Reformation in Bremen begann mit einem Augustiner-Mönch. Er hatte an der renommierten Universität in Wittenberg Theologie studiert und 1521 streitbare Thesen publiziert über den wuchernden Kult innerhalb der Papstkirche. Kurz darauf wurde er gefangengenommen, konnte jedoch befreit werden. Sein Name lautet … Heinrich von Zütphen.

Der Bremer Rat und einflussreiche Bürger luden ihn daraufhin nach Bremen ein und gewährten ihm Schutz. Ab dem 9. November 1522 hielt Heinrich von Zütphen aufgrund des enormen Zulaufs täglich Predigten in St. Ansgarii, damals eine der großen Innenstadtkirchen. Die Predigten sind leider nicht erhalten, aber seine fleißigen Feinde haben mitgeschrieben, um ihn später im Inquisitionsverfahren zu überführen. Und ja: vorsichtig war der Reformator demnach nicht! Er war charismatisch und auch hetzerisch.

Bruder Heinrich habe behauptet, so heißt es in dem überlieferten Ketzer-Bericht des Erzbischöflichen Generalofficials von 1524, die Bischöfe seien Räuber, Diebe und Mörder; sie ließen sich das teure Öl bezahlen und betrügen die Seelen. Er nannte Papst Leo X. den Antichrist und sagte, dass jeder „kleine Priester“ die gleiche geist­liche Macht besitze wie der Papst selbst. Er besaß sogar die Frechheit zu behaupten, es gäbe keinen Unterschied zwischen Priestern und Laien! Die Geistlichen unterstünden ebenso der Obrigkeit und sollten gleichermaßen Steuern zahlen, sogar Einfuhrzölle für das Bier, wie die weltlichen Menschen! Er meinte auch, sie sollten mit der gleichen Strafe bestraft werden und wie die Laien dem bürgerlichen Gerichtsverfahren unterstehen!

Das sind Äußerungen mit politischem Zündstoff, übrigens in mancher Hinsicht bis heute. Den Bremer Hanseaten spielte das in die Hände, denn die Macht und Korruption der Geistlichen konnte damit bekämpft werden. Natürlich hatten auch die im engeren Sinn theologischen Gedanken Zündstoff:

Weil allein Gott in Jesus Christus zu verehren sei, solle man die Jungfrau Maria und die Heiligen nicht mehr verehren und ihre Bilder ins Feuer werfen. Kerzen sollten nicht dem Herrgott oder seinen Heiligen geweiht werden. Messopfer seien unnötig. Die Gebote solle man ohne Angst befolgen, denn sie würden allein aus Liebe und aus Zutrauen zu Gott eingehalten. Außerdem gebe es das Fegefeuer nicht und Höllenstrafe müsse man um Christi willen nicht fürchten. (Aus dem Bericht des Erzbischöflichen Generalofficials an den Erzbischof Christoph über Heinrich von Zütphen, 1524)

Als ein Mönch ihm einmal die Beichte abnehmen wollte, soll Heinrich von Zütphen gesagt haben: „Habe ich dir etwas angetan?“ Als der Mönch verwundert verneinte, zitierte der Reformator das Markusevangelium und antwortete: „Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?“ (Mk 2,7)

Somit sind die großen Themen der Reformation genannt: Die Kritik am Papsttum und den korrupten Bischöfen, die Entkräftigung des priesterlichen Standes in der Mittelalterlichen Gesellschaft, die Konzentration auf Jesus Christus und die Bibel als einzige Quelle des Heils, die Befreiung von der Höllenangst.

So gerne wir als Evangelische Kirche die theologische Botschaft der Reformation hervorheben, wird man dennoch sagen müssen, dass es der politische Zündstoff war, der seine größte Wirkung entfaltete. Es ging um soziale Gerechtigkeit, um Macht und Geld. Der Bremer Bürgermeister Daniel von Büren (der Ältere) und der Bremer Rat gewährten Heinrich von Zütphen Polizeischutz und riskierten damit einen Angriffskrieg der Dänen, nicht, weil sie seine theologischen Gedanken so spannend fanden, sondern weil der Reformator – dieser allerdings als Glaubender und Theologe – den Machtmissbrauch des geistlichen Standes in Frage stellte und großen Zuspruch fand.

Heinrich von Zütphen folgte nach seinem fast zweijährigen Aufenthalt in Bremen einer Einladung nach Meldorf in Schleswig-Holstein. Dort wurde er Opfer eines geplanten Überfalls und verbrannte auf dem Scheiterhaufen. Doch sein Gedankengut vermochten die Feinde der Reformation nicht zu verbrennen. Im Gegenteil: es flammte auf. Die Stadt Bremen verteidigte sich in den kommenden Jahrzehnten – auch militärisch – gegen den Kaiser und die päpstliche Macht und blieb evangelisch.  

Allerdings suchte die Hansestadt wieder einen Sonderweg: Sie schloss sich nicht der lutherischen Kirche an wie das niedersächsische Umland, sondern es waren neben Philipp Melanchton mehr die Gedanken von Zwingli und Calvin, den Schweizer Reformatoren, die hier fruchteten. Die katholische Lehre sei „eine Mistgrube von Irrtümern“, wie Calvin 1539 an den Bischof Sadolet schrieb.Davon müsse man die Gläubigen befreien.

Calvin selbst verurteilte übrigens schon zu Lebzeiten das Wort „calvinistische Kirche“. Es ginge um die eine Kirche, die von Auswüchsen, von Entstellung und Beschmutzung gereinigt, also reformiert werden müsse. Sie berufe sich deshalb nicht auf eine Person und dürfe nicht seinen Namen tragen.

Je mehr ich mich für diese Predigt in das reformierte Gedankengut vertieft habe, desto klarer wurde mir: Unsere Remberti-Gemeinde ist nicht in erster Linie „liberal und undogmatisch“, sondern sie ist eine Gemeinde, deren Gedanken und Strukturen zunächst mal der reformierten Tradition entstammen. Noch klarer erkennt man das in der Friedensgemeinde im Viertel, die diese Theologie nach ihrer jüngsten Renovierung auch architektonisch hervorhebt. Ein Halbkreis um Lesepult und Altar, das schlichte weiß, das fehlende Kreuz. Würden Sie eine lutherische Messe in Franken besuchen oder einfach einen evangelischen Gottesdienst auf dem niedersächsischen Land, Sie würden vermutlich meinen, es sei katholisch. Hier wird oft noch die Liturgie gesungen und zum Abendmahl gehört das Trishagion und das Agnus Dei.

Um den reformierten Spuren unserer Gemeinde nachzugehen, beginne ich mit äußerlichen Dingen und komme dann auf theologische Besonderheiten zu sprechen. Am Ende frage ich, wo wir uns als Gemeinde neu reformiert haben und es immer wieder tun.

Es beginnt mit der Liebe zum Schlichten: Kein Schnörkel, keine Bilder, ursprünglich auch kein Kreuz und kein Kreuzzeichen mit den Händen, keine erhobenen Hände zum Segen, das Abendmahl als Erinnerungsfeier. Dass es in reformierten Gemeinden nur äußerst selten stattfindet, hatte übrigen schon Calvin bedauert.

Allem Magisch-Kultischen steht man skeptisch gegenüber. Denn, ganz aus dem Humanismus erwachsen, gilt allein der Geist/die Vernunft als Ort der Erkenntnis und des Glaubens. Das Sinnliche, also Kerzen, Gerüche, Gesten, Bilder, Rituale lenken ab von der Klarheit des Wortes, führen zu Entfremdung und Verfehlung.

In einem wichtigen Bekenntnisschreiben (Zweites Helvetisches Bekenntnis) der reformierten Kirche heißt es in strenger Auslegung des Zweiten Gebots: „Zweifellos ist da keine Religion, wo ein Bild ist.“ Denn Gott ist unsichtbarer Geist und unendliches Wesen, nicht darstellbar in Bildnissen. Gottes Form der Offenbarung ist die Unsichtbarkeit. Hieraus erwuchsen, wie viele bestimmt wissen, die Bilderstürme, der viele große Kunstwerke zum Opfer fielen. Auch in Bremen wurden die Bilder aus den Kirchen entfernt. Martin Luther verurteilte (wenn auch nicht konsequent) Hetze, Fundamentalismus und Kleingeistigkeit. So verurteilte er es auch scharf, als seine Gedanken im Zuge der Reformation Gegenstand von Ausschreitungen und chaotischen Umstürzen wurden. Martin Luther war gemäßigter und kirchlichen Traditionen zugeneigter als viele der nachfolgenden Reformatoren.  

Die reformierte Kirche zeichnet sich seit ihren Anfängen durch ihre Vielfältigkeit aus. Nicht Konsens, sondern die jeweilige Auslegung der Schrift konstituieren sie. Es gilt die Hoheit der Gemeinden. So kennen wir das aus Bremen. Aber manches hat sich bewährt. Die „Diakonie“ der Gemeinde verwaltet das Geld und sorgt materiell für die Bedürftigen, sie ist nicht sozialarbeiterisch tätig, wie das mit dem Beruf des evangelischen Diakons/der Diakonin verbunden ist. Die Presbyter, bei uns „Bauherren“, leiten ehrenamtlich die Gemeinde und sind seelsorgerlich im Gemeindegebiet tätig. Die Pastoren sind in ihrem Amt ausschließlich Prediger und theologische Lehrer…

Der Remberti-Gottesdienst entspricht in seinem Aufbau der reformierten Prädikantenordnung, einem schlichten Predigtgottesdienst, der den Abendmahlsgottesdienst weitgehend ersetzt. Während zunächst eine grundlegende Skepsis gegenüber Musik im Gottesdienst galt, etablierte sich auch in der reformierten Kirche eine „gepflegte Kirchenmusik“ (RGG), die jedoch niemals sich selbst galt. Gesungen wurde schlicht und einstimmig, in der Regel aus dem Genfer Psalter. Liturgische Kleidung fand schon Martin Luther nicht so wichtig („Adiaphora“). Die reformierten Prediger lehnten dann alle Messgewänder als priesterlich ab. Man trug einen Gelehrtenmantel oder einfach weltliche Kleidung. Erst später setzte sich der schwarze Talar oder die Albe in vielen reformierten Kirchen durch. Dreißig Minuten konnte eine reformierte Predigt leicht dauern. Gerd Bronsema berichtet in unserem aktuellen Gemeindeheft aus seiner „calvinistisch“ geprägten Kindheit im ostfriesischen Rheiderland, wie die Landwirte zwar alle sonntags um 9 Uhr im Gottesdienst saßen, aber bei den langen Predigten kräftig mit dem Schlaf zu kämpfen hatten.

Zum Predigtstil kann man Zwingli und Calvin so zusammenfassen: Keine Theatralik, keine Show, kein Gehabe. Nur das Wort. Und das reichlich. Deshalb bin ich auch längst noch nicht am Ende. 😉

Das theologische Zentrum der Reformation ist die Besinnung auf die Bibel als zentrale Erkenntnisquelle und einziger Weg zum Glauben. Nicht durch die Kirche, sondern durch den biblisch vermittelten Glauben finde man zum Heil. Martin Luther hat daraus seine alles umwälzenden Gedanken entwickelt.

Es war die Hoffnung der überaus gelehrten Reformatoren, dass durch Bildung und das Hören von Predigten jede und jeder aus der Abhängigkeit und Bevormundung in die biblisch begründete Freiheit und Selbstbestimmung geführt würde. Die Kirche sollte dazu befähigen. Das ist noch heute ihr evangelischer Auftrag.

Diese Freiheit gründet auf der Vorstellung, dass Erlösung und Seelenfrieden nicht von uns selbst erwirkt werden können, was auch immer wir tun. Ein erlöstes Leben, ein Leben also, das nicht von der Angst vor dem Tod und vor Strafe geleitet ist, finden wir demnach allein im Glauben an Gott, wie er sich in Jesus Christus offenbart hat.

Um diese Freiheit zu demonstrieren, feierten Züricher Bürger in Anwesenheit von Zwingli 1522 mitten in der Fastenzeit das berühmt gewordene „Züricher Wurstessen“. Allein der Glaube zähle, erfundene Buß- und Fastenrituale seien nicht relevant.

Die Ethik ist, entgegen der katholischen Vorwürfe, ganz am Nächsten ausgerichtet. Unser Leben dient der Ehre Gottes und damit allem, was lebt. Alles, was wir tun, tun wir Gott zur Ehre. Calvin schreibt in dem Brief an den Bischof Sadolet: „Für Gott nämlich, nicht für uns, sind wir zuallererst auf der Welt. (…) Ein Christenmensch muss höher greifen, als sich nur um sein eigenes Seelenheil zu kümmern und alles darauf zu beziehen.“ Es gehe in der Folge des Glaubens um soziales Miteinander, auch um Zugang zu Bildung und Erkenntnis. Fleiß und Askese sollten den Charakter des Dienens betonen. Wie zynisch, dass Max Weber gerade hier die Wurzel des Kapitalismus entdeckt haben will. Man kann darin aber mit Sicherheit die Wurzeln zwanghafter Vorbildlichkeit, Spießigkeit und Bürgerlichkeit finden, denn ein tragischer Auswuchs der reformierten Tradition ist strenge Kirchenzucht, die gegenseitige Sittenkontrolle. Auf das komplizierte Gedankengebäude der Vorsehung und des Auserwähltseins gehe ich hier nicht näher ein.

„Ein Christenmensch muss höher greifen, als sich nur um sein eigenes Seelenheil zu kümmern und alles darauf zu beziehen“, das zitierte ich eben. Der ewige Seelenfriede, dessen Sehnsucht die mittelalterliche Papstkirche so schändlich missbraucht hat, werde laut Calvin allein durch das Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch erreicht. Er belegt das mit einem Vers aus dem Johannesevangelium: „Denn dies ist ewiges Leben, Dich, den wahren Gott, zu erkennen und den Du sandtest, Jesus Christus“ (Johannes 17,3).

Wie dieses Erkennen funktioniert, beschreibt Paulus in dem Brief an die Korinther, den wir in der Lesung gehört haben. Ich umschreibe manche Sätze. Sie haben ja vorhin den Bibeltext gehört:

Indem ihr euer Leben Gott zur Ehre führt, seid ihr ein Brief Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des Lebendigen, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln der Herzen. Darauf dürfen wir vertrauen. Und das haben wir nicht uns selbst zu verdanken, sondern dem, der es in unsere Herzen schrieb. Wir sollen Diener des Neuen Bundes sein, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig. (nach 2. Kor 3)

Im Grunde kann man mit Paulus sagen, das Wort Gottes ist in denen zu finden, die danach leben. Damit unterstützt das Pauluszitat meine Kritik an dem reformatorischen Schriftprinzip, dem „sola scriptura“: allein die Bibel zählt. Und somit komme ich zu meinem letzten Punkt:

Wer das Interview von uns drei Pastores im Gemeindebrief gelesen hat, wird feststellen, dass wir mit dem Schriftprinzip hadern. Das ist auch nichts Neues.

Die Bibel ist nicht, wie die Reformatoren behaupteten, unmittelbare Quelle von Erkenntnis, führt nicht durch das schlichte Lesen zum erlösenden Glauben. Sie ist ein komplexes historisches Werk, dessen Entstehung die historisch-kritische Bibelforschung in den letzten zweihundert Jahren aufgebarbeitet hat. Manche Worte der Heiligen Schrift können, ungefiltert und ohne Zusammenhang, gefährlich, ja vernichtend sein. Wir müssen immer wieder neu, mit Fachwissen und Kenntnis unserer Umwelt, nach der Auslegung suchen, die nicht tötet, sondern lebendig macht, wo also nicht der Buchstabe, sondern der Geist Gottes zum Tragen kommt. Manches gilt es zu verwerfen.

Hier steckt natürlich eine große Gefahr. Denn der Beliebigkeit sind Tür und Tor geöffnet. Der Zeitgeist kann vom Gesprächspartner zum Verkündiger werden. Insofern sind wir als Kirche gut beraten, die Bibel weiterhin zum Zentrum unserer Verkündigung zu machen. Andere Erkenntnisquellen – die Wissenschaft, Geschichte, Philosophie, Literatur und Kunst- werden aber als Analogien, auch als wichtiges Korrektiv herangezogen. Menschengemachte Erkenntnis gegen göttliche Offenbarung auszuspielen, wie es der reformatorischen Lehre entspricht, ist sehr problematisch.

Einen zweiten Punkt möchte ich als Fehlentwicklung der reformierten Tradition benennen: die Vorstellung, dass allein die Vernunft, allein das Wort im Gottesdienst zu Erkenntnis führt. Was für ein Irrtum! Heute wissen wir durch die Erforschung der menschlichen Psyche noch viel besser, dass wir mit allen Sinnen lernen und erkennen. Gerüche, Klänge, Gesten, Geschmack, Ritual, Emotionalität, Bilder, all das darf sein im Raum des Glaubens. Sie sind eine spirituelle Erfahrungsquelle; Trost- und Hoffnungsmomente sind hier anders erfahrbar als durch das Wort. Ich mag das Leuchten der Kerzen, ich mag den Segen, der mit erhobenen Armen gesprochen wird, ich mag wiederkehrende Rituale und feierliche Musik. Ich finde das Kruzifix von Ernst Barlach wertvoller als so manche Predigt.

Und zuletzt finde ich auch, man gibt Gott die Ehre, wenn man mal richtig verschwenderisch ist, feiert und es sich gut gehen lässt, als wäre man im Paradies. Da können wir uns von den Katholiken eine Scheibe abschneiden. Wie Calvin von der Ehre Gottes zu Fleiß und Kirchenzucht kam, ist mir ein Rätsel.

Zum Glück sind wir in Remberti eben auch liberal und undogmatisch, insofern wir den Geist, der lebendig macht, immer wieder neu suchen und nicht verharren, in den Strukturen, aus denen wir geworden sind, die in ihrem Werdegang übrigens durchaus auch evangelische Mischformen in sich vereinen. Kirche muss immer wieder aufbrechen, so wie Abraham es einst tat als Gott zu ihm sprach: „Geh aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ (Gen 12, 1-3)

Denn Kirche kann nicht nur ein Ort für trockene Predigten sein, sondern sie soll ein segensreicher Ort sein für alle, die danach suchen. In ihrem Umfeld soll das Wort Gottes spürbar sein, dass das Himmelreich nahe herbeigekommen ist.  

Und alle, die daran bauen, sind Priesterinnen und Priester, sind ein „Brief Christi“ oder  

auch einfach Menschen auf der Suche nach dem lebendigen Gott. Amen.

Lied: EG 294, 1-2

Bekanntmachungen

Fürbitten

Wir bitten für die Angehörigen von [ ]. Sie sollen spüren, dass sie nicht allein sind. Lass Menschen um sie sein, die ihnen jetzt guttun. Zeige deine Zuwendung und deinen Trost besonders all denen, die trauern und einsam sind.

Wir bitten dich, erhöre uns.

Wir bitten für die weltweite Kirche in all ihrer Vielfalt. Lass sie zum Segen werden. Lass sie vom Himmelreich zeugen, das bereits angebrochen ist. Da ist Heil und Gerechtigkeit, Liebe und Barmherzigkeit. Sie soll allen gelten, einfach allen.

Wir bitten dich, erhöre uns.

Wir bitten für dein lebendiges Wort. Lass es aufleuchten in jedem von uns und in den Menschen, die uns begegnen. Es leuchtet, wo wir als geliebte Gotteskinder auf andere zugehen, wo wir uns verschenken und doppelt beschenkt werden, wo wir Hörende sind, Mitfühlende, Helfende, Vertrauende.

Wir bitten dich, erhöre uns.

Wir bitten für uns. Lass uns die Freiheit spüren, von der die Bibel spricht. Lass uns frei sein von Angst, frei von Eifer und Neid, frei von lähmender Schuld. Lass uns glücklich sein, dir zu Ehre und uns zur Freude.

Wir bitten dich, erhöre uns.

Vaterunser

Lied: Komm, Herr, segne uns (EG 170)

Segen

Antonin Dvorak l Singet ein neues Lied, singet dem Herrn


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