So viel Karfreitag war noch nie…

von | 17. April 2022

Predigt von Uli Bandt | Karfreitag 15.04.2022

So viel Karfreitag und so wenig Ostern war noch nie. In meinem Leben jedenfalls noch nicht.

Im Donbass bringen sich russische Truppen in Stellung, um endlich auszuradieren, was in ihrer Welt keine Lebensrecht hat. Und wenn es ihnen nicht schnell genug geht, drohen sie mit chemischen oder Atomwaffen.

In Mariupol werden die letzten Überlebenden abgeschlachtet.

In Afrika wird noch mehr gehungert, weil der Weizen aus der Ukraine fehlt.

In Deutschland hamstern Menschen Mehl und Öl.

Atomkraft und Kohle feiern fröhliche Urstand.

Der Kampf gegen den Klimawandel um Jahre zurückgeworfen.

Eine Familienministerin tritt weinend zurück, weil sie Urlaub brauchte, als man keinen machen durfte.

Shanghai seit Wochen wie eine Geisterstadt.

Und und und…

So viel Karfreitag war noch nie…

Am schlimmsten aber, dass alles , was wir mit jesus verbinden, geopfert wird: Die Wahrheit, was ist das noch? Eure Rede sei Ja,ja oder Nein, nein…

Doch Ja kann jetzt Nein sein und Nein Ja. Wer will das schon genau wissen? Von unabhängigen Quellen nicht zu bestätigen, heißt es zurückhaltend in den Nachrichten.

Die Welt aufgeteilt in unterschiedliche Wahrheitszonen; abgeschirmt mit einem digitalen Sicherheitsschirm, der Zweifel zuverlässig aussperrt.

Liebet eure Feinde, hat er gesagt und Gewaltlosigkeit gepredigt.

All das nicht mehr realitätstauglich.

Selbst eingefleischte Pazifisten sind verstummt vor der zynischen Grausamkeit der russischen Kriegsführung in der Ukraine.

Würde Jesus heute unbewaffnet in den Donbass gehen? Welche Jünger und Jüngerinnen würden mit ihm reisen? Petrus gewiss nicht. Vielleicht der humpelnde Franziskus mit seinem Hüftschaden.

Aber dann womöglich einfach weggebombt. Und Schuldzuweisun-gen von allen Seiten. Und sowieso alles nur Fake. Und von unabhängigen Quellen nicht zu bestätigen.

„Frieden schaffen ohne Waffen“; „Wandel durch Handel“ oder „Wandel durch Annäherung“ – das alles war gestern.

Naiv und illusionär gelten jene, die eine solche Politik versuchten.

Am Pranger stehen sie, denn eigentlich treffe sie eine Mitschuld am Wahnsinn Putins.

Ein gemeinsames, friedliches Europa von Lissabon bis Wladiwostok?

Auf Jahrzehnte hin undenkbar.

Abschreckung ist das Gebot der Stunde.

Eine Zeitenwende sei angebrochen, sagt der Bundeskanzler und verbindet dies mit der Zusage von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr. Wir werden Opfer bringen müssen dafür, denn das Geld wird an anderen Stellen fehlen. Und es wird vor allem die kleinen Leute treffen…

Wischt dies die Zeitenwende Gottes zum Pessachfest in Jerusalem vor 2000 Jahren hinweg?

Um Opfer ging es da auch.

Nicht um ein Sühnopfer, wie es heute die Ukraine in der russischen Kriegsrethorik bringen muss, um die Verfehlungen der NATO und die Kränkung Russlands zu sühnen.

Jesus stirbt nicht, damit Gottes Stolz wieder hergestellt werden kann. Er stirbt in der Konsequenz seiner radikalen Nächstenliebe, die die bestehende staatliche Ordnung zu bedrohen scheint und selbst unter seinen Anhängern Unruhe und Widerwillen erzeugt.

Und Gott identifiziert sich mit ihm und geht den Weg des Leidens mit ihm.

Die Zeitenwende heißt: Gott steht bei den Opfern! Ohne Wenn und Aber! Und er kennt dabei keine Nationalität! Die Konsequenz seiner Liebe schließt auch im Tod die Feinde noch ein. Es ist für uns kaum auszuhalten und schon gar nicht irgendjemandem im Osten oder Süden der Ukraine als Rezept zu empfehlen: Aber Jesus soll tatsächlich gesagt haben „Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Angesichts der maßlosen Gewalt der russischen Militärmaschinerie und des unendlichen Leides, das sie verursacht, können wir uns in der jetzigen Situation nicht mehr hinter pazifistischen Positionen verstecken und die militärische Unterstützung der Ukrainer verurteilen. – Aber wir können mit aller Macht einem neuen Freund-Feind-Denken widerstehen, das unterschiedslos alle Russen zu Feinden erklärt.

Wir sollten unsere Hilf- und Ratlosigkeit angesichts der ungeahnten Gewalteskalation zugeben. Vielleicht auch die Naivität oder Überheblichkeit, mit der wir die Warnungen unserer osteuropäischen Nachbarn vor einem russischen Imperialismus in den Wind geschlagen haben; aber wir sollten uns nicht der neuen Aufrüstungs- und Abschreckungslogik beugen, die die Welt in Freunde und Feinde einteilt.

So sehr wir jetzt Stellung beziehen und der Ukraine auch militärisch helfen müssen, so sehr sollten wir doch an Gottes Friedensvision festhalten, die uns sagt, dass tragfähiger Frieden nur ohne Waffen und nur durch Annäherung geschaffen werden kann.

Ostern 2022:

Um der Opfer in der Ukraine willen opfern wir unsere Bequemlichkeit, pazifistische Rechthaberei und Überzeugungen.

Und lassen uns dennoch nicht zu Feinden machen.

Und irgendwann werden auch wieder Visionen in uns wachsen.

Amen

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