Du bist nicht schuld!

von | 04. April 2022

Predigt von Uli Bandt | 03. April 2022

Es gibt erstaunlich viele Predigten über Passionslieder. Und darunter eine ganze Reihe über das Lied von Adam Thebesius „Du großer Schmerzensmann“. Ich habe mir gestern mehrere solcher Predigten angeschaut. Sie alle versuchen das große Wunder in unsere Zeit zu übersetzen, dass Gott sich selbst durch den Tod am Kreuz stellvertretend opfert für alle Schuld, die eigentlich wir Menschen zu verantworten haben. Durchweg alle Menschen, jeder, vom Politiker bis zum Kleinkind.

Strophe um Strophe folgen die Ausleger der theologischen Logik des Liedes. Jedoch nicht eine Predigt nimmt Bezug auf eine Textzeile, die mich schon als Kind in ihrer Bildlichkeit getroffen und nicht losgelassen hat: „Vom Vater so geschlagen“. Wie kann man so von Gott reden? Ein Vater, der seinen Sohn zu Tode prügelt. Das wird auch nicht besser dadurch, dass es offenbar meine Schuld ist, die ihn dazu zwingt, so zu handeln.

Wie kann man in einer Zeit, in der die Zeitungen voll sind von Berichten über Kindesmisshandlungen, einfach hinweggehen über eine solche Liedzeile?

Wie oft sind wir schon in den ersten Geschichten des Alten Testamentes gestolpert über die Erzählung der (Fast-)Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham. Da kann man sich theologisch und religionsgeschichtlich versuchen zu beruhigen mit dem Hinweis auf die Ablösung des Menschenopfers durch Tieropfer. Also alles gar nicht so schlimm. Aber, wenn ich mich in die Rolle Isaaks versetze oder auch in Sarah, die als Mutter einfach zu Hause gelassen wird, wenn es zur Schlachtung ihres einzigen Kindes geht, dann wird mein Glaube an den liebevollen Vatergott schon brüchig.

Ganz genau so ergeht es mir mit der Sühnopfertheologie, von der wir heute alles Nötige in den zwei Passionsliedern gehört haben. Da ist Vieles überwältigend theo – „logisch“. – Wenn man von dem Hintergrund einer Feudalgesellschaft ausgeht, wie sie unsere Lieddichter erlebt haben. Gott war für sie wie ein Feudalherr, dessen Rechte und Entscheidungen unhinterfragbar waren. Und wenn einer etwas falsch gemacht hat, dann auf jeden Fall immer ich, weil ich nur ein „kleines Licht“ bin und er der allmächtige Herr ist. Nur ein kleines Stimmchen meldet sich da im Hintergrund, dass vielleicht in dem ganzen Spiel etwas nicht stimmt. Dass dieser schauerliche Gerichtsprozess nicht das überzeugende Beispiel bedingungsloser Liebe ist. – Und ich habe die starke Vermutung, dass Thebesius, weil auch er solche Zweifel verspürt, diesen kleinen distanzierenden Halbsatz einflicht: „Vom Vater so geschlagen“. Er nimmt ihn gleich wieder zurück, diesen ketzerischen Gedanken: Dass vielleicht nicht alles an unserer Schuld liegt, wir vielleicht sogar schuldlos einer unbegründeten Gewalt ausgeliefert sind.

Ich habe nur eine Erklärung, warum diese Zeile so schamvoll in den Liedinterpretationen auch unserer Zeit verschwiegen wird: Weil sehr viele auch noch in unserer Zeit die Erfahrung von willkürlicher Gewalt in ihrer Kindheit gemacht haben. Geschlagen worden zu sein, mit Missachtung und Liebesentzug bestraft, – alles unter dem Vorzeichen, dass es einem höheren, liebevollen Ziel dient. Viele von uns haben dies in ihrer Kindheit erlebt. Und da wir grenzenlos abhängig von der Zuwendung unserer Eltern waren, blieb uns nur eine Möglichkeit das Dilemma zu lösen: Da Eltern, wie auch Gott, für Kinder unfehlbar und unhinterfragbar sind, müssen wir etwas falsch gemacht haben. Wenn wir die Schuld für das schmerzhafte Verhalten unserer Eltern auf uns nehmen, können wir ihr Idealbild erhalten. Nicht sie sind falsch, sondern wir. Nicht sie haben Schuld, sondern wir.

Nur hin und wieder erhebt eine kleine widerständige Stimme in unserem Hinterkopf Einspruch und sagt vielleicht „Gewalt kann nicht Liebe sein!“ Aber sie wird schnell wieder zum Schweigen gebracht. Wollte ich dieser Stimme folgen, so würde ich mich abschneiden von meinen familiären Wurzeln. Dann würde ich wie ein Geächteter durch die Wälder ziehen. Dann müsste ich verzichten auf die fast aussichtslose Hoffnung, jemals noch einmal wirklich gesehen und geliebt zu werden von meinen Eltern, von meinem Feudalherren. Und so richte ich mich ein in meinen Schuldgefühlen. Erkläre für richtig, was sich im tiefsten Grunde meines Herzens falsch anfühlt.

Ich kann mir vorstellen, dass Jesus in seiner Kindheit ähnliche Verletzungen erlebt hat. Zum Beispiel durch den unlösbaren Konflikt, dass er seinen leiblichen Vater nicht erreichen kann. Doch es gelingt ihm die ewige Spirale der Schuldgefühle zu durchbrechen. Auch wenn manchmal gesagt wird, dass Jesu enge Gottesbeziehung eigentlich nur ein Notbehelf für ihn war, eine Transzendierung seiner leidvollen Erfahrung der Vaterlosigkeit, so ist sein „Abba“ doch kein Feudalherr, dem er sich ein Leben lang „lieb Kind“ machen müsste. Jesu „Abba“ ist ein Vater, von dem er sich bedingungslos geliebt fühlt. Bei dem die Frage von Schuld weit hinter der Sicherheit einer unzerbrüchlichen Beziehung steht.

Aus dieser Sicherheit heraus geht er seinen Weg, ohne irgendwelchen Menschen gefallen zu müssen. Er spiegelt in seinem Verhalten die Liebe, von der er sich getragen weiß. Und er hält es für möglich, dass auch wir so leben können, wenn wir uns befreien aus unseren tiefsten Schuldgefühlen. Leben in seiner Nachfolge. Aus den Fesseln unserer Kindheit heraus wachsen. Den Pflock aus der Erde reißen, wie es der Elefant vor dem Zirkus tun könnte.

Doch wir tun es nicht. Dieses pauschale Schuldbekenntnis: „Ich bin schuld, ich bin schuld!“ ist auch eine Strategie, sich der Verantwortung zu entziehen. So schmerzhaft es ist, es ist auch bequem. Übersetzt heißt es: „Ich kann ja nichts ändern. Ich mache sowieso alles falsch“. – Und eigentlich heißt es sogar: „Ich will auch nichts ändern…“

In einem meiner Lieblingsfilme, „Good Will Hunting“, spielt Matt Damon einen hochbegabten Jugendlichen, einen fantastischen Mathematiker, der jedoch keine Verantwortung für seine Begabung übernimmt. Er hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, lässt keine Schlägerei aus, zieht mit seinen Freunden nachts durch die Kneipen und verlässt aus Furcht vor Verbindlichkeit und Verletzlichkeit die junge Frau, die er von Herzen liebt. Weil er nach einer Schlägerei eigentlich eine Gefängnisstrafe absitzen müsste, lässt er sich auf ein Resozialisierungsprogramm mit Psychotherapie ein. Vier Therapeuten verschleißt er durch seine arrogante Unnahbarkeit, ehe ihn der fünfte nach vielen Auseinandersetzungen im Herzen erreicht. Es stellt sich heraus, dass beide in ihrer Kindheit extreme Gewalt erlitten haben. In der entscheidenden Szene des Filmes packt der Therapeut Will Hunting an den Schultern, schüttelt ihn und sagt ihm immer wieder: „Du bist nicht schuld! Du bist nicht schuld!“ Und Will sträubt und wehrt sich dagegen. Doch sein Therapeut lässt nicht locker: „Du bist nicht schuld!“, spricht er eindringlich zu ihm. Als diese Botschaft endlich das Herz des Jungen erreicht, lässt er schluchzend seinem über Jahrzehnte aufgestauten Schmerz freien Lauf und umarmt seinen Therapeuten. Nach diesem Erlebnis gelingt es Will, sich seiner Verantwortung im Leben zu stellen. Er sagt ein lukratives Jobangebot ab, um seiner Freundin hinterher zu reisen und die Liebe zu ihr endlich zu riskieren.

Die Alternative zur Grunderfahrung „Du bist schuld, darum musst du lieb sein!“ ist „Du bist nicht schuld, du bist geliebt und darum kannst du lieben!“.

„Du bist schuld!“, ist der psychische Nährboden aus unserer Kindheit, auf dem die Sühnopfertheologie gedeiht.

„Du bist nicht schuld!“, ist die Botschaft von Jesu bedingungsloser Liebe, die uns einlädt uns nicht weiter klein zu reden, sondern auf volles Risiko Verantwortung zu übernehmen und uns liebevoll und mitfühlend, wie Jesus, unseren Mitgeschöpfen zuzuwenden.

Amen

Und hier noch die in der Predigt erwähnte Geschichte Jorge Bucays „Der angekette Elefant“:

Als ich ein kleiner Junge war, war ich vollkommen vom Zirkus fasziniert, und am meisten gefielen mir die Tiere. Vor allem hat es mir der Elefant angetan. Wie ich später erfuhr, ist er das Lieblingstier vieler Kinder. Während der Zirkusvorstellung stellte das riesige Tier sein ungeheures Gewicht, seine eindrucksvolle Größe und seine Kraft zur Schau. Nach der Vorstellung aber und auch der Zeit bis kurz vor seinem Auftritt blieb der Elefant immer am Fuß an einem kleinen Pflock angekettet. Der Pflock war allerdings nicht weiter als ein winziges Stuck Holz, das kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde steckte. Und obwohl die Kette mächtig und schwer war, stand für mich außer Zweifel, dass ein Tier, dass die Kraft hatte, einen Baum mitsamt der Wurzel auszureißen, sich mit Leichtigkeit von einem solchen Pflock befreien und fliehen konnte.

Dieses Rätsel beschäftigt mich bis heute. Was hält ihn zurück? Warum macht er sich nicht auf und davon? Als Sechs- oder Siebenjähriger vertraute ich noch auf die Weisheit der Erwachsenen. Also fragte ich einen Lehrer, einen Vater oder Onkel nach dem Rätsel des Elefanten. Einer von ihnen erklärte mir, der Elefant mache sich nicht aus dem Staub, weil er dressiert sei. Meine nächste Frage lag auf der Hand: „Und wenn er dressiert ist, warum muss er dann noch angekettet werden?“ Ich erinnere mich nicht, je eine schlüssige Antwort bekommen zu haben. Mit der Zeit vergaß ich das Rätsel des Elefanten und erinnerte mich nur dann wieder daran, wenn ich auf andere Menschen traf, die sich dieselbe Frage irgendwann auch schon einmal gestellt hatten. Vor einigen Jahren fand ich heraus, dass zu meinem Glück doch schon jemand weise genug gewesen war, die Antwort auf die Frage zu finden: Der Zirkuselefant flieht nicht, weil er seit frühester Kindheit an einem solchen Pflock gekettet ist. Ich schloss die Augen und stellte mir den wehrlosen neugeborenen Elefanten am Pflock vor. Ich war mir sicher, dass er in diesem Moment schubst, zieht und schwitzt und sich zu befreien versucht. Und trotz aller Anstrengung gelingt es ihm nicht, weil dieser Pflock zu tief in der Erde steckt. Ich stelle mir vor, dass er erschöpft einschläft und es am nächsten Tag gleich wieder probiert, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten… Bis eines Tages, eines für seine Zukunft verhängnisvollen Tages, das Tier seine Ohnmacht akzeptiert und sich in sein Schicksal fügt. Dieser riesige, mächtige Elefant, den wir aus dem Zirkus kennen, flieht nicht, weil der ärmste glaubt, dass er es nicht kann.
Allzu tief hat sich die Erinnerung daran, wie ohnmächtig er sich kurz nach seiner Geburt gefühlt hat, in sein Gedächtnis eingebrannt. Und das Schlimmste dabei ist, dass er diese Erinnerung nie wieder ernsthaft hinterfragt hat.
Nie wieder hat er versucht, seine Kraft auf die Probe zu stellen.”

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