Spaziergang mit Huntemann

von | 22. Februar 2022

In diesen in vielfacher Hinsicht trüben Tagen bietet sich der Riensberger Friedhof, nicht weit von unserer Rembertikirche, zum Spazierengehen an.  Bei einem solchen Spaziergang stieß ich kürzlich auf diesen Grabstein, der auf dem Grab eines ehemaligen Pastors der Rembertikirche steht:

Huntemann war zehn Jahre lang bis 1967 Pastor unserer Gemeinde, erlebte eine Art „Bekehrungserlebnis“ bei einem Besuch der Veranstaltungen Billy Grahams und wurde dann zu einer Stimme des evangelikalen Protestantismus. Er wurde Pastor an der Martinikirche, deren liberales Selbstverständnis er zu dem Profil umdrehte, das sie bis heute ‚auszeichnet‘: Speerspitze der ‚Rechtgläubigkeit‘, Fürsprecher von Homophobie, gegen das Predigtrecht für Frauen, für die Verächtlichmachung anderer Religionen und, und, und… 

Über seine Todesanzeige im „Weserkurier“ setzte die Familie diese Worte: „Der Herr hat seinen Kämpfer für eine rechtgläubige Kirche zu sich gerufen“. 

Das Grabkreuz kommt recht breitbeinig daher, der verstorbene Pastor ist nicht einfach nur ein Pastor, sondern ein „Primarius“, etwas Besseres. Der klingende Titelschmuck des Doppeldoktorprofessors wird auch in der Ewigkeit nicht zu überhören sein.

Vor vielen, vielen Jahren moderierte ich einmal ein Streitgespräch bei Radio Bremen zwischen Huntemann und Inge Gurlitt, einer ehemaligen Bauherrin unserer Gemeinde, die 1989 zur Vizepräsidentin der Bremischen Kirche gewählt wurde. Aus diesem Gespräch ist mir die bullige, physische Präsenz von Huntemann fast körperlich in Erinnerung. An Selbstbewusstsein und der entsprechenden Lautstärke mangelte es ihm nicht.

Zu Hause schlage ich den auf dem Grabstein angezeigten Bibelvers nach:

Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Ein harmloser Bibelvers, oder mehr?

Leider mehr und sicherlich kein Zufall, dass gerade diese Bibelstelle als Gedenkwort ausgewählt wurde. Sie adressiert nicht den Spaziergänger, der am Grab vorbeigeht, sondern die „Juden“, die an Jesus glauben, bzw. glauben sollen. Denn Jesus ist die einzige Wahrheit. Dieser Satz steht ganz in der antijüdischen Stoßrichtung des Johannesevangeliums. 

Ich lese gerade den Aufsatz des 2020 verstorbenen bedeutenden Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich: „Wie eine Religion der anderen die Wahrheit wegnimmt. Notizen über das Unbehagen bei der Lektüre des Johannes Evangeliums.“

Das Johannesevangelium ist, so weist es Heinrich nach, ein grundlegender Text für die antijüdische Tradition in der christlichen Glaubensgeschichte: Im Blick dieses Evangeliums sind und waren „die Juden… schon immer Wahrheitsmörder des lebendigen, die Finsternis erhellenden Schöpfungswortes“. Das Johannesevangelium proklamiert in seinen (doch so schönen und poetischen) Anfangsworten, dass Christus („das lebendige Wort“) schon der Grundgedanke der Schöpfung von allem Anfang an ist. Es spricht der Religion des Alten Bundes die Wahrheit selbst ab, sofern sie nicht anzuerkennen bereit ist, dass auch das Alte Testament schon überall auf Christus hinweist. 

Es ist hier nicht der Platz, die sehr subtilen und messerscharfen Gedanken Heinrichs wiederzugeben, er arbeitet heraus, wie Johannes die jüdische Religion zu einer im Irrtum befangenen Vorläufer-Religion des Christentums macht, die die Wahrheit (in Christus) verfehlt. Die diskriminierende und unselige Trennung des „Alten“ Testaments, in dem ein rächender Gott herrscht, von einem „Neuen“ Testament, in dem ein gottgleicher Jesus Gnade und Liebe verkündet, hat hier ihren Ursprung: Den Juden wird das kalte Parterre von Gesetz und Gesetzesgehorsam zugewiesen, während die Christen im Gnadenzimmer, in der Lounge von Nächstenliebe und Barmherzigkeit Platz nehmen dürfen. “Keine Schrift des Neuen Testaments hat eine so heillose Situation geschaffen, die bis heute die unsere ist…“ schreibt Heinrich.

Wir kennen die Konsequenzen dieses Denkens: Das religiös begründete Ressentiment gegen ‚die Juden‘ als eine Grundströmung des Antisemitismus. 

Man sollte diesen Gedenkstein auf dem Riensberger Friedhof unter Denkmalsschutz stellen:

Er ist das Denkmal eines sehr selbstgewissen Protestantismus, der noch seine fatalen Seiten als ein stolzes Bekenntnis ausstellt. 

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