Hehres Glänzen, heil’ges Schauern

von | 16. Dezember 2020

Markt und Straßen stehn verlassen,
still erleuchtet jedes Haus,
sinnend geh‘ ich durch die Gassen,
alles sieht so freundlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
buntes Spielzeug fromm geschmückt.
Tausend Kindlein stehn und schauen,
sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
bis hinaus ins freie Feld.
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
aus den Schnees Einsamkeit,
steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

(»Weihnachten« – Joseph von Eichendorff)

Als mein Sohn das Gedicht lernen musste, erinnerte auch mich sofort an die Schulzeit. Denn auch wir mussten dieses Gedicht lernen. Es war mir so vertraut und erweckte – obwohl es damals purer Stress war, dieses Gedicht zu lernen – ein wohliges Gefühl. Es fühlte sich an wie Weihnachten. Wie früher.

Dieses Jahr wird anders, das ist mal sicher…

Irgendwie fühlte ich mich beim Lesen des Gedichts in die Hauptperson hinein versetzt. Wer am letzten Samstag früh aufgestanden ist, der wurde mit einer (leichten) weißen Pracht überrascht. Es hat leicht am Morgen geschneit. Eine Einsamkeit überzog die Nachbarschaft, die meisten schliefen noch. Zuhause leuchtete eine Kerze am Adventskranz. „In Schnees Einsamkeit“. Und da war dieser eine Moment…

Als ich am Nikolausabend durch die Straßen ging, waren diese mittlerweile verlassen. Die Kinder waren wohl bereits im Bett. Am Nachmittag herrschte hier noch Trubel: Hier und da, gab es kontaktlosen und stillen Nikolauslauf. Bei Remberti wurden Schuhe geputzt.
Ich ging jedoch in Gedanken durch die kleinen Wege und freute mich über Kerzen auf Bänken, über leuchtende Sterne im Fenster und über den Schein in der Nachbarschaft. Und wieder war da dieser eine Moment: es passieren genau diese Sekunden, wofür ich immer so dankbar bin. Es ist ein Gefühl beim Jetzt und Hier. Kein Gedanke dazwischen. Einfach auf den Moment bedacht. Als stünde die Zeit still. Als gäbe es nichts andere um einen herum.
Das gleiche Gefühl, als wenn man im Puppentheater sitzt und sich plötzlich in den Puppen und der Geschichte verliert und man das Publikum und den Raum vergisst. Oder als würde man einem lachenden Kind zuschauen und alles andere um einen herum vergessen.
Eine völlige Herzenswärme die man erfährt.

Aber was bleibt nun dieses Jahr? Schwingt in Eichendorffs Gedicht ebenfalls nicht auch ein melancholischer Unterton mit, fast eine Sehnsucht? Und trotzdem merkt man dem Protagonisten nicht an, dass er betrübt wäre. Dieses Weihnachten wird anders, aber es muss nicht traurig werden. Die Ruhe, die Besinnlichkeit all das wird bleiben. Und wenn wir dann wandern, ob in den Gassen oder aus den Mauern bis hinaus ins freie Feld, so werden wir auch vielleicht den einen oder anderen Moment erleben, in dem wir alles andere vergessen. Hehres Glänzen, heil’ges Schauern – mit dem Blick auf Gottes Schöpfung und ganz bei uns. Unbekümmert.

Ich bin mir sicher, eins wird bleiben: die Herzenswärme die weiter in uns ist.

O du gnadenreiche Zeit!  

René Bärje-Keßler

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