Veröffentlicht am Mo., 8. Jun. 2020 13:42 Uhr

Erinnerungen an Pfingsten

In Remberti

Im Kaminsaal unseres Gemeindehauses fand er einige Jahre statt, der pfingstliche Geburtstag der Kirche, den Pastor Langel mit den Eltern und den Kindern des Kindergottesdienstes feierte. Meine Erinnerung ist schon ein bisschen verblasst, aber ich sehe uns da um den Tisch herumsitzen, Eltern (oder waren es nur die Mütter?) hatten Brot gebacken, ein kleiner Altar war aufgestellt, eine Geburtstagsfeier mit Liedern, ein geselliger Gottesdienst. Happy birthday Kirche!

Pfingsten ist mir fast das sympathischste der großen christlichen Feste. Pfingsten erzählt von einer Gruppe von Menschen, die schon ein bisschen durchgeknallt wirken und obwohl sie sich nicht verstehen, leidenschaftlich aufeinander einreden und sich zu verstehen suchen. Auch wenn nicht alle den Geist sehen, fühlen tun sie ihn auf jeden Fall, er ist über ihnen und ganz nah in ihrer Mitte.

Du Geist der Wahrheit

Und dann denke ich an die Pfingstfeiern jedes Jahr auf dem Jahrestreffen des Evangelischen Studienwerks, wo die Studenten, die jungen und die ehemaligen, in der kleinen Dorfkirche in Villigst mit vielstimmigen Gesang den Pfingstgeist herbeiriefen: O komm Du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein, ein evangelischer Lied-Klassiker, entstanden in einer Zeit, als die „Mission der Heiden“ zum Beispiel in den Kolonialgebieten kräftig aufblühte, man aber entdeckte, dass auch das eigene Land zum Missionsgebiet zu werden drohte und eine bis heute dauernde Entchristlichung (oder sollte man besser sagen Entkirchlichung?) einsetzte. Deutlich drückt das ein heute nur noch selten gesungener Liedvers aus:

In aller Heiden Lande

erschallt dein kräftig Wort,

sie werfen Satans Bande

und ihre Götzen fort;

von allen Seiten kommen

sie in das Reich herein;

ach soll es uns genommen,

für uns verschlossen sein?

 

Mein Zweifel am Lied hat aber gar nichts mit seinen Entstehungsbedingungen zu tun. Es bleibt für mich ein wunderbar schwungvolles Lied und trotzdem zögere ich. Geht es wirklich um den Geist der Wahrheit? Oder sollten wir nicht gerade den Geist der Wahrheiten feiern, oder besser den Geist in den Wahrheiten?

Gescheckte Schönheit

In Deutschland kennt man ihn kaum, den Dichter Gerald Manley Hopkins, er hat den englischen Vers in Stolpern und ins Schwingen gebracht, dieser merkwürdige katholische Priester, und er hat ein schönes Gedicht geschrieben, das ich dem Geist der Wahrheit direkt entgegensetzen möchte.

Dies Gedicht heißt „Pied Beauty“, „Gescheckte Schönheit“, und preist Gott, den Einen Unwandelbaren für seine Sichtbarkeit gerade im Verschiedenen, im Immer-Wechselnden, in einer endlosen Kreativität, die sich nicht festlegen lässt. Gegen die Monochromie, für die Vielfarbigkeit, gegen das Festgelegte, für das Entstehende, gegen das von vornherein Eindeutige, für das Faszinierend-Changierende. Hopkins‘ Gott ist ein Gott der Diversität.

Gott sei gerühmt für das Getüpfelte beginnt das Gedicht, eine andere Übersetzerin schreibt: Ehre sei Gott für diese getigerte Welt und dann wird in knappen Sprachbildern die subtil flirrende Mehrfarbigkeit der Natur beschrieben, die flinke Forelle, getüpfelt mit rotfarbigem Kreis, die Kastanie, die aufglühend fällt, das quere krause Allerlei, herbe wie süß, schnell-langsam, aufgrellend- leis

Nur im Vielfältigen, im unendlich Differenzierten und immer Neuen der uns umgebenden Welt lebt er, der Geist der Wahrheit.

Er zeugt es, Schönheit, er von Wandel frei: Ihm Preis. 

O komm, Du Geist der Wahrheiten.

Bernhard Gleim

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