Veröffentlicht am So., 31. Mai. 2020 09:45 Uhr

Sie hatten einen Traum… 

Sie hatten einen Traum. Alle an einem Ort. Beseelt. Begeistert. Sie teilen alles miteinander. Mit Kind und Kegel. Einmütig und vielstimmig. Ja, sogar multilingual. Sie, die hinterletzten Provinzler, von denen es immer hieß: Was soll schon Gutes kommen aus Galiläa? Sie würden in all‘ den gehobenen Weltsprachen sprechen. Das hätte ihnen keine*r zugetraut! Alle würden es hören und sich wundern.

Traumhaft – so wollte man sich an diese Zeit erinnern. Der Zauber des Anfangs. „Wir waren so ausgelassen, dass wir für betrunken gehalten wurden.“ Wie ein frisch verliebtes Paar. Glückstrunken und unkonventionell im Geisttaumel. Inspiriert bis unter die Haarwurzeln. Ihre Söhne und Töchter mit Visionen. Ihre Alten mit Träumen.

Ich glaube nicht, dass es de facto so traumhaft war, wie es in der Apostelgeschichte erzählt wird. Denn es gab auch viele Fragen und um diese Fragen durchaus Streit.

Die einen wohlhabend, aber die allermeisten lebten von der Hand in den Mund.

Die eine möchte in den Tempel der Isis gehen und dort den Kult mitfeiern. Da sind doch ihre Nachbarinnen und Geschäftskontakte! Beziehungen, die sie notwendigerweise pflegen will. Isis, eine Götzin… Ist denn das so schlimm…?

Ein anderer möchte nun gerne Jude werden, denn Jesus war ja auch einer – der Messias der jüdischen Menschen. Da möchte er gerne dazugehören.

Und manche verziehen das Gesicht jedes Mal, wenn diese Geschichte mit dem Kreuz zur Sprache kommt. Ist das nicht ganz schön… anstößig und eines Gottes unwürdig? War nicht Jesus vor allen Dingen ein Wundertäter?

Wer predigt eigentlich den „richtigen“ Jesus? Paulus? Apollos? Kephas? Oder vielleicht doch Maria?

Die Realität liegt wohl irgendwo zwischen den brennenden Fragen und dem gemeinsamen Traum.

Der Traum ist in die Jahre gekommen

Mittlerweile ist der Traum in die Jahre gekommen und manche meinen, die fetten Jahre seien längst vorbei. Und dass man das ganz besonders deutlich an der gegenwärtigen Krise sehen könne.

Vor allen Dingen die evangelischen Kirchen hätte in geradezu vorauseilendem Gehorsam dem Staat gegenüber völlig ohne Not ihre Gottesdienste als „nicht notwendige Veranstaltungen“ abgesagt. Und wenn nicht einmal mehr die Kirchen Gottesdienste für notwendig hält, wer denn dann?

„Voll des süßen Weins“ – Fehlanzeige. Unkonventionell im Geisttaumel? Inspiriert bis unter die Haarwurzeln? Davon sei die Kirche weiter entfernt als je zuvor. Keine Träume, keine Visionen. Stattdessen: Nüchternheit.

Ich muss sagen: Ich kann mit dieser Nüchternheit viel anfangen. Ich halte es für vernünftig, dass Mitte März Gottesdienste abgesagt wurden, die noch erlaubt gewesen wären. Vielleicht hätte man die zwei Wörter „nicht notwendig“ präzisieren können, ja. „Für den Moment und nicht äußerlich lebensnotwendig“ hätte man dann vielleicht gesagt. Es war not-wendig, Gottesdienste abzusagen. Es hätten mehr Menschen erkranken können (auch in Gottesdiensten). Und sie hätten vielleicht nicht versorgt werden können. Aus dieser Befürchtung heraus kann man einen Gottesdienst absagen, finde ich. Steht da nicht letztlich ein Traum dahinter? Davon, dass Menschen leben können? Und frei atmen? Davon, dass Pflegekräfte und medizinisches Personal davon bewahrt werden in überfüllten Häusern menschenunmögliche Entscheidungen zu treffen und unter den allerschlimmsten Bedingungen zu arbeiten. Die Bedingungen sind so oder so schwierig genug…

Mit einer solchen nüchternen Entscheidung kann ich viel anfangen. Bis zu einem gewissen Punkt.

Leben ist doch mehr als Überleben?!

„Eure Jungen sollen Visionen haben. Eure Alten sollen Träume haben.“

Übertriebene Nüchternheit kann in einen Albtraum münden.

Ein verwirrtes und verängstigtes Kind allein auf der Kinderstation, weil Papa oder Mama nicht mitaufgenommen wurden wegen der Ansteckungsgefahr – ein Albtraum.

Ein verzweifelter und verängstigter Mann sitzt weiter in einem Flüchtlingslager fest. Denn dem Versprechen einiger europäischer Staaten, wenigstens ein paar Menschen aufzunehmen, kam ein Virus in die Quere – ein Albtraum.

Ein verwirrter und verängstigter alter Herr ruft um Hilfe, weil eine Pflegekraft in Schutzmontur, die er nicht kennt oder jedenfalls nicht erkennt, ihn versorgen will – ein Albtraum.

Kirche wäre für mich nicht mehr sie selbst, wenn sie nicht laut und deutlich „Nein“ sagt zu diesen Albträumen. Mit der gebotenen Nüchternheit. Mit der notwendigen Leidenschaft.

Denn ich glaube: Der Traum davon, wie Leben sein könnte, weckt Lebensgeister. Der Traum, der in mir lebendig bleibt, sagt: Gib Dich nicht mit zu wenig zufrieden! Manche sagen „Träume sind flüchtig“ und doch verwandeln sie die Wirklichkeit.

Es wäre doch ein Traum: Alle an einem Ort. Beseelt. Begeistert. Wir brauchen keinen Mundschutz. Wir können alles miteinander teilen. Das laue Lüftchen und die Stürme, die über’s Meer peitschen. Das Hohe und das Tiefe. Mit Kind und Kegel. Einmütig und vielstimmig. No one is left behind. Zeichen dieses Traums ragen hinein in die Wirklichkeit.

GeisTraum

Ich glaube, dass in diesem Traum Gottes Geistkraft wohnt. Geistkraft wie Windhauch: Weht, wo sie will. Flüchtig. Aber mit der Kraft, die Wirklichkeit zu verwandeln.

Weil sie hilft auszuhalten, was auszuhalten not-wendig ist. Darauf hoffe ich.

Und weil sie hilft anzuprangern und zu verändern, was zu verändern not-wendig ist. Darum bete ich.

Und weil sie mich und Dich verwandelt. Immer wieder. Das glaube ich.

Der alte Traum ist wach: Alle an einem Ort. Beseelt. Begeistert. Alles miteinander teilen. Das Geld und die Ressourcen. Das Schwere und das Leichte. Erlittenes und Erhofftes. Land und Sprachen. Alle zusammen. Mit Kind und Kegel. Einmütig und vielstimmig. Inspiriert bis unter die Haarwurzeln. Söhne und Töchter mit Visionen und Alte mit Träumen. So sei es!

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