Veröffentlicht am Mo., 4. Mai. 2020 15:03 Uhr

"God is gay“

Es wird heftig gestritten in Deutschland. Im Bundestag, in Internetforen und in Familien. Und zunehmend geht es dabei auch um fundamentale Fragen; um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit und die Gewichtung unserer Grundwerten. Denn nicht alles, was uns in den letzten Jahrzehnten selbstverständlich geworden ist, können wir uns in der derzeitigen Krise im gleichen Maß erhalten. 

Wolfgang Schäuble hat das in einem Interview des Tagesspiegels deutlich gemacht als er sagte, dass der Satz „alles habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten … in dieser Absolutheit nicht richtig“ sei. „Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar.“

Diese Worte gehen mir in diesen Tagen durch den Kopf, nicht im Zusammenhang mit der Coronapandemie, sondern im Nachdenken darüber wie ich oder auch wir als Gemeinde auf die verletzenden homophoben Aussagen Olaf Latzels in einem Eheseminar der Martinigemeinde im Oktober 2019 reagieren sollten. In martialischen Worten redet er in der Aufnahme, die auf Youtube zu hören war, mittlerweile aber vom Netz genommen ist, von Homosexualität als „todeswürdigem Verbrechen“ und dass der „ganze Genderdreck zutiefst „teuflisch und satanisch“sei. Überall liefen „diese Verbrecher rum vom Christopher Street Day, feiern ihre Partys“.

Mittlerweile hat er sich für diese Aussagen entschuldigt. Jeder der Zuhörenden in seinem Seminar habe gewusst, dass es sich bei dem Wort „Verbrecher“ nicht um Homosexuelle im Allgemeinen handele, sondern um jene, die im Zusammenhang mit einem Gottesdienst Ullrich Parzanys in der Kirche und vor dem Gemeindehaus protestierten, „God is gay“ an die Wand sprühten und Kondome vor die Kirche warfen. 

Auch wenn ich es verurteile, dass es zusätzlich zu diesen Protesten offenbar in jüngster Zeit vermehrt zu Sachbeschädigungen an seinem Auto und sogar zu Morddrohungen gekommen sein soll, nehme ich ihm seine Entschuldigung nicht ab, denn Latzel hat den Mitschnitt seines Seminars auf Youtube einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die von diesen Hintergründen nichts wissen konnte und deshalb seine Aussagen konkret auf Homosexuelle münzen musste.

Ich bin mir sicher, dass Olaf Latzel genau das einkalkuliert. Seine Aussagen, die durch fundamentalistisch interpretierte und aus ihrem historischen Kontext herausgerissene Bibelstellen gedeckt scheinen, zielen darauf andere Personengruppen in ihrer Menschenwürde zu verletzen. Nicht selten geht es auch gegen Buddhisten, Muslime oder Katholiken. Vor seinem „rechten“ Glauben hat kaum eine Menschengruppe Bestand. Es erstaunt kaum, dass aus der Bremer Bürgerschaft einzig der AfD-Abgeordnete Magnitz laut „buten un binnen“ verlauten ließ, er teile Latzels Ansichten weitgehend. Es würden viel zu selten christliche Positionen vertreten, wird er zitiert.

Wenn Latzels Äußerungen wieder einmal keine dienst- oder strafrechtlichen Konsequenzen haben werden, dann nicht deshalb, weil die Leitung der BEK oder die Bremische Staatsanwaltschaft seine Meinung stillschweigend gutheißen, sondern weil sie in der Abwägung der Güter seine Würde höher einschätzen als die Tatsache, dass er die Würde anderer Menschen verbal mit Füßen tritt. Latzel kann sich auf den Schutz seiner Meinungs- und Glaubensfreiheit berufen, obwohl sein Auftreten und seine Predigten nahelegen, dass er große Probleme mit demokratischen Strukturen hat und sich meinem Empfinden nach eher eine evangelikal-autoritäre Regierung wünscht.

Ich möchte behaupten, dass die vielen tausende Klicks auf dem Youtube-Kanal der Martinigemeinde nicht nur von bibeltreuen Christen stammen, sondern zu einem großen Teil von Menschen, die sich im rechten bis rechtsextremen politischen Milieu bewegen. Dort fischt Latzel mit seinem martialischen Auftreten und seiner gewalttätigen Sprache.

Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn unsere Kirche Latzel ein Recht gewährt, ja, in der Treue zu ihrer eigenen Verfassung gewähren muss, das er anderen nicht zugesteht. Doch wir sollten in Zukunft noch deutlicher machen, dass Olaf Latzel sich in seinen Hasspredigten nicht auf den bedingungslos liebenden Gott Jesu Christi berufen kann. Ich hoffe, wir werden dabei kreative und humorvolle Wege finden, wie es durchaus auch Mitglieder der „teuflischen Homo-Lobby“ schon taten und lade Sie herzlich zur Diskussion ein.

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