Veröffentlicht von Isabel Klaus am Mo., 20. Apr. 2020 14:00 Uhr

Isabel Klaus: Lieber Bernhard, als Bauherren habt ihr im Moment vieles für Remberti zu regeln. Was sind eure Themen? 

Bernhard Gleim: Ein konkretes Beispiel: Gerade gestern habe ich mit unserem Lenkungsausschuss für Hohenfelde zusammengesessen. Wir saßen im Abendlicht im Innenhof, mit schönem Abstand zueinander. Was machen wir, wenn wir möglicherweise eine ganze Saison in Hohenfelde verlieren? Welche Arbeiten können die Mitarbeiter dort oben jetzt trotzdem unternehmen? In welchen Fristen müssen wir die Freizeiten absagen? Wie könnten Freizeiten in Hohenfelde in kleinerer, abstandswahrender Besetzung aussehen?  

Isabel Klaus: Deine Amtszeit ist mit vielen Schwergewichten versehen: Pastor*innenwahl, Diakon*innenwahl, unsere neue Kantorin und vieles mehr. Hättest du gedacht, dass deine Bauherrenzeit so intensiv wird? 

Bernhard Gleim: Nein, das hätte ich niemals gedacht. Aber als Pastor Dirk von Jutrczenka ging, ahnte ich schon, dass da ein ganzer Packen auf mich, Martin und Dörte zukommt. Die Kantorinnenwahl war aber eine reine Freude, und auf die anderen beiden Wahlvorgänge freue ich mich auch, denn das sind ja immer auch Gelegenheiten zu fragen: Wo stehen wir? Was wollen wir von Kirche? Wie frei, aber auch wie verpflichtend ist der Glaube? Belastend empfinde ich eher den vielen Kleinkram, den man in diesem Amt an den Hacken hat. Die Zusammenarbeit mit den anderen Ehrenamtlichen ist aber sehr erfrischend. Zu unserer Hohenfelde Gruppe, um bei dem Beispiel zu bleiben, gehe ich manchmal hin mit dem Gefühl: „Ach Du könntest jetzt eigentlich auch ein schönes Buch lesen“. Komme ich zurück, fragt mich Christine: “Wie ist es gewesen?“, dann sage ich: „Gut, eine tolle Truppe“ und bin geradezu verjüngt. 

Isabel Klaus: Gibt es Momente, wo du dir die Zeit zurückwünschst ein ganz einfaches Gemeindemitglied zu sein, ohne all die Verantwortung, die Du nun zu tragen hast? Und wonach sehnst du dich?

Bernhard Gleim: Im Augenblick sehne ich mich eigentlich mehr danach zurück, dass wieder ein Stück Normalität einkehrt, obwohl mir klar ist, dass es eine Normalität wie vorher mindestens für eine lange Zeit nicht geben wird. Das Planen unter dem Gefühl des „als ob“ und in einem unklaren Zeithorizont, empfinde ich als schwierig. Und wenn ich dann wieder ein einfaches Gemeindeglied bin, werde ich hoffentlich nicht so einfach sein und als Zwischenrufer von der hinteren Bank motzen, wenn mir mal was nicht passt. 

Isabel Klaus: Du bist ja bekannt für deine schöne Sprache und deine besonderen Wortbilder. Wenn du dir eine Zeit nach dieser Pandemie vorstellst, wie würden deine Worte diese Vision beschreiben?

Bernhard Gleim: Puh, wenn man so gefragt wird, muss man seine Worte ja schleifen wie Edelsteine! Aber ich wünsche mir wirklich, dass wir einige der Erfahrungen aus dieser Zeit nicht vergessen. Ich habe zum Beispiel das Osterfest in diesem Jahr so intensiv erlebt wie eigentlich selten zuvor. Gerade, wenn etwas nicht so da ist, wie man es gewohnt ist, erfährt man seinen Wert. Man sieht Dinge aus der Perspektive der Sehnsucht manchmal schärfer, intensiver. Ein Spaziergang am Ostermorgen in einem Wald nahe Bremen. Mittendrin platzt die Nachricht per Handy, dass meine einzige ‚echte‘ Tante im Anbruch des Ostermorgens gestorben ist. Von den ‚drei Uralten‘ unserer Familie ist nun nur noch meine Mutter übrig, nachdem meine Schwiegermutter zwei Wochen zuvor an Corona ziemlich elend und isoliert gestorben war. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Ringsum das zarte, noch fast transparente Grün der Bäume. Das schmerzliche Gefühl, dass sich vieles für immer verändert hat. Neubeginn. Ich glaube nicht, dass nach der Pandemie alles wieder gut wird, es war ja auch nicht alles gut vorher. Aber ich möchte, dass wir danach unsere Erfahrungen in dieser Zeit nicht vergessen. Auch nicht vergessen, was wir vielleicht gelernt haben. 

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