Veröffentlicht am Mo., 6. Apr. 2020 14:09 Uhr

Als Kind habe ich im Herbst die ersten zu Boden gefallenen Kastanien meiner Mutter gebracht, weil ich wusste, sie liebt es, diese glatten, warmen, unrunden Handschmeichler in ihrer Manteltasche hin und wieder zu erspüren. Ein Gruß von der sich vollendenden Natur.

Ich bildete mir ein, dass es für die Kastanien wohl die höchste Erfüllung sein müsste, in solcher Tasche zu landen. Dem käme an Wertschätzung eigentlich nur gleich, als Bastelmaterial verwendet zu werden und dann, auf einem Regalbrett ausgestellt, die Zeit zu überdauern. Auch als Futter im Bauch hungriger Wildtiere zu landen, gäbe der Kastanie noch einen Lebenssinn. 

Der Horror jedoch wäre es, unbeachtet in den Dreck getreten zu werden. Oft fand ich solche Kastanien, dreckig, mitunter zerquetscht, unbrauchbar für höhere Zwecke. Manchmal waren gar Autos über sie gefahren. Die Straßenreinigung und reinliche Anwohner sorgten dann in den folgenden Monaten dafür, dass die Bodenscheibe rund um den Baum schön glatt und eben gehalten wurde.

Jahre später erst wohnte ich neben einem Kastanienbaum, dem eine solche Behandlung nicht zuteil wurde. Im späten Frühjahr war er umgeben von einer Vielzahl kleiner Kastanienschösslinge.

Vielen geht es momentan wie den zertretenen Kastanien. Träume und Pläne haben sich zerschlagen. Manchmal betrifft es nur einen Urlaub, ein Fest in diesem Jahr; oft aber auch die ganze Existenz, den Lebensplan. In der Einsamkeit der sozialen Isolation tauchen viele düstere Gefühle auf und nehmen rücksichtslos von unseren Herzen Besitz. Dann wird aus einer gelegentlichen Angst plötzlich Panik, aus Traurigkeit eine tiefe Depression. Und falls die Angst um die eigenen Existenz noch Raum lässt, bedrückt uns das unfassbare Leid von Menschen in der Ferne: In den Flüchtlingslagern auf Lesbos oder in den von Heuschrecken kahl gefressenen Staaten Ostafrikas.

Wie Kastanien in der Erde sind wir. Dunkelheit um uns herum. Wer jetzt wagt, seine schützende Schale zu öffnen, der riskiert unsicher im Dunkeln zu tasten. In diesem Jahr ist uns Karfreitag weitaus näher als das fröhliche Fest der Auferstehung. Dass die Ostergottesdienste nicht, wie gewohnt, in strahlender Fröhlichkeit in unseren Kirchen gefeiert werden können, wird zur Verlockung sie gleich ganz ausfallen zu lassen. Wie soll man in diesem Jahr glaubwürdig über Auferstehung predigen jenen, deren Existenzen gerade zerbrechen? 

Es gibt kein wirkliches Ostern ohne das Ernstnehmen dieses Schmerzes. Es gibt kein wirkliches Ostern ohne die Bereitschaft „hinabzusteigen in das Reich des Todes“, wo es keine Hoffnung auf Auferstehung gibt. Wir können uns in diesem Jahr Ostern vielleicht am ehesten annähern, wenn wir uns gedanklich mit jenen Frauen verbünden, die zwischen dem Freitag der Kreuzigung und dem Morgengrau des folgenden Sonntags den Sabbat über den unendlichen Schmerz der Hinrichtung Jesu und der Zerstörung all ihrer Hoffnungen ausgehalten und sich dann auf den Weg begeben haben, einem unwürdig Gestorbenen Würde zuteil werden zu lassen. Ihre Enttäuschung und ihre eigenen existenziellen Ängste halten sie nicht davon ab, sich einem Menschen zuzuwenden, der in ihrer Wahrnehmung noch schwächer ist als sie. Sie wählen nicht die Flucht, sondern die Mitmenschlichkeit. Dass es eine Auferstehung gibt, wissen sie nicht. 

Auch wir können es heute nicht wissen. Es gibt keine Garantie dafür, dass „alles wieder gut“ wird. Aber es gibt diese Geschichte von den Frauen, die trotz allen Schmerzes nicht danach fragen, was wohl kommen wird, sondern im Hier und Jetzt tun, was sie meinen der Würde des Lebens, zu dem auch das Sterben gehört, schuldig zu sein. Diese Geschichte lasst uns mit unserem Leben neu erzählen. Hier und heute.

Kategorien #KircheZuhauseErleben