Veröffentlicht am Mo., 6. Apr. 2020 14:04 Uhr

Heute

Wie ist die Welt so stille, das erfährt man selbst im sonst auch nicht gerade lärmenden Schwachhausen. Ab und dann fährt ein Auto vorbei, ab und an kommt eine Straßenbahn, nicht sehr voll besetzt; wir messen unseren Umkreis aus, wenn wir an anderen vorbeigehen. Manchmal denke ich, ich bewege mich wie in einem Kinderspiel, bei dem ich unerkennbar sein muss, weil der, der mich sucht, sonst auf mich aufmerksam werden könnte. Wir sind Teil eines großen sozialen Manövers der Selbstkontrolle, und wenn wir versuchen, das Gesicht des anderen zu finden, darf es uns nicht zu nahekommen, denn gerade aus seinem Gesicht könnte das gefährliche Virus zu uns überspringen. Wir leben in einer angespannten Stille. 

Erinnerung

Häufig muss ich in diesen Tagen an den 11. September 2001 denken. Auch das war damals ein Gefühl der Zeitwende: Jäh abgebrochen schien, was mit dem Fall des Eisernen Vorhangs so hoffnungsfroh begonnen hatte, das friedliche und freiheitliche Zusammenrücken der Welt.

Einen Tag nach 9/11 war ich in Berlin. Um mein aufgewühltes Herz zu beruhigen, besuchte ich eine Abendandacht in der Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche, in deren blauleuchtender Mitte der auferstandene Christus seine Arme ausbreitet. Ich weiß nicht mehr vieles von diesem eindringlichen und schlichten Gottesdienst, man konnte förmlich spüren, wie die Menschen von Sorge bewegt nach ein bisschen Halt suchten. Die Pastorin sprach ein Gebet, das ich als Kindergebet von früher kannte: 

Müde bin ich, geh‘ zur Ruh‘

Schließe beide Augen zu.

Vater, lass die Augen Dein

Über meinem Bette sein.

Und sie schloss mit einem Vers, den ich schon nicht mehr sicher auswendig wusste:

Müden Herzen sende Ruh,

nasse Augen schließe zu.

Lass den Mond am Himmel stehn

und die stille Welt besehn.

Als die Pastorin das Gebet sprach, schossen mir die Tränen in die Augen, es waren Tränen der inneren Bewegtheit, eines großen, warmen Gefühls, das sich in mir ausbreitete. Besonders die letzten beiden Zeilen mit dem Mond und der stillen Welt habe ich seitdem nicht wieder vergessen. Besungen wird der Mond, wie man ihn in alten Kinderbüchern freundlich am Himmel sehen kann; besungen wird die glücklich erschöpfte Stille des Abends, in der Menschen, Städt‘ und Felder, die ganze Welt ruhen, ein Bild des Trostes und einer angstfreien Geborgenheit.

Und jetzt Ostern?

In der angespannten Stille der Corona Welt sollen wir jetzt Ostern feiern? Das ist doch ein lautes Fest, ein Fest, das mit einem unerwarteten Ereignis beginnt und sich fortsetzt mit einer von Haus zu Haus laufenden Freude.

Für mich ist Jesus nicht im Grab geblieben, er hat sich auf und davon gemacht, und ist nun überall da, wo wir ihn nicht erwarten. Vielleicht da, wo der Kummer gestillt wird und wo ausgelaugte und resignierte Herzen ein Stück wirklicher Ruhe erfahren. Und sicher auch da, wo wir im zugewandten Gesicht des Anderen den Glanz Gottes selber sehen. 

Mein Osterevangelium im Jahr 2020 schreibt Paulus (2.Kor. 6,18): 

In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten…und siehe, wir leben; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben.

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