Veröffentlicht von Isabel Klaus am Mo., 30. Mär. 2020 15:53 Uhr

Googeln Sie noch oder puzzeln Sie schon? 

Wie macht der das nur, mein Kollege von der Telefonseelsorge? Dort laufen doch jetzt die Leitungen heiß. Zu den Sorgen, die er sich selber persönlich anhört, kommen auch noch Gespräche mit den ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die sich dieser wichtigen Arbeit zur Verfügung stellen und damit nicht selten selber eine schwere Last tragen.

In einem Interview des Weserkuriers berichtete er, dass er zur Zeit nur noch einmal täglich die Nachrichten höre und sich bemühe ganz bewusst in freien Zeiten ein gutes Buch zu lesen. Einmal am Tag nur die Nachrichten?! Bei mir kommen im Laufe des Tages wohl gut und gern ein paar Stunden zusammen, in denen ich nach neuen Informationen Ausschau halte. In denen ich mit anderen diskutiere über Einschätzungen und Aussichten der Pandemie. Viele, auch ich, haben ja jetzt einen „Virologen ihres Vertrauens“, dessen Argumente sie ins Feld führen. Manchmal ist es schon wie ein Kampf, wer die „richtigere“ oder aktuellere Information zur Hand hat. In unserer Familie haben wir uns gelegentlich sogar schon richtig gestritten. 

Doch im Grunde genommen scheint mir diese permanente Suche und Diskussion wie ein Versuch unsere innere Unruhe und das Gefühl der totalen Ohnmacht zu überdecken. Die meisten von uns haben ja bisher in dem Gefühl gelebt ihr Leben ganz gut in der Hand zu haben. Und bei fast allen bröckelt diese Sicherheit. Es ist kaum auszuhalten.

In dieser Zeit schickt mir eine gute Freundin aus unserer Gemeinde gelegentlich Mails mit Bildern. Sie ist schon weit über 80 und als Seniorin von den Kontaktbeschränkungen besonders betroffen. Vor ein paar Jahren hat sie nach einem Unfall eine lange Leidenszeit durchstehen müssen, verbunden mit extremen Schmerzen und oft totaler Hoffnungslosigkeit. Sie hat überlebt, weil sie die Fähigkeit besitzt, sich dank ihrer Phantasie zeitweise neben ihren Schmerz zu stellen. Manchmal schreibt sie Geschichten über die kleinen Dinge um sie herum. Das können Regentopfen an der Fensterscheibe sein oder die Vögel im Baum. Ein ganzes Buch ist entstanden über Phantasievögel, die sie aus Gräsern, Blumen und Blättern gelegt und abfotografiert hat. 

Zur Zeit hilft ein neues Projekt ihr in der Einsamkeit ihrer Wohnung. Sie gestaltet Bilder mit „vegetarischen Fischen“. Zauberhafte kleine Kunstwerke, Phantasiefische mit klangvollen Namen, die mich beim Anblick schmunzeln lassen, liebevoll beruhigend für einen kurzen Moment berühren und in Verbindung bringen mit der verwandelnden Kraft des Lebens, die auch aus dem Zerbrochenen Neues entstehen lassen kann. 

Von anderen höre ich, dass sie angefangen haben zu puzzeln. - Und auch sie erleben dabei, wie die Sorge in solchen Momenten der Konzentration kleiner wird und der Hoffnung Raum gibt, dass aus dem unübersehbaren Chaos langsam, Stück für Stück, ein neues Bild entsteht.

Diese „Fluchträume der Seele“ sind kein Verrat an der Wirklichkeit, ein Sich-weg-Beamen aus dem Schmerz, der uns alle mehr oder weniger erfüllt. Sie sind wichtige Kraftquellen um den Anforderungen der Realität Stand halten zu können.

Solche Inseln der Ruhe, Phantasie und Konzentration inmitten des aufgewühlten Meeres der Sorgen in uns und um uns wünsche ich Ihnen von Herzen!

Ihr Uli Bandt

Kategorien Predigten