Veröffentlicht von Isabel Klaus am Mo., 30. Mär. 2020 16:00 Uhr

Einsamkeit – ein Wort, das ich in den letzten Wochen häufig höre. Vor allem am Telefon.

Die alte Dame ist einsam, weil sie alleine zu Hause wohnt. Ihr Mann verstarb vor drei Jahren. Nun ist da niemand mehr, der mit ihr gemeinsam die vier Zimmer belebt. Vier Zimmer sind jetzt seit 14 Tagen alles, was sie sieht. Asthma und Corona und 82 Jahre alt sein – sie schützt sich.
Einsamkeit – meine Gedanken schweifen kurz ab, als die alte Dame am Telefon dieses Wort sagt. Einsamkeit, denke ich. Ich schmecke den Silben einzeln nach. Ein-sam-keit. In meinem Kopf zieht es sich sehnsuchtsvoll zusammen.

Einsamkeit. Seit zwei Wochen ist immer jemand in meiner Nähe. Morgens, mittags, nachmittags, abends, nachts. In der Küche, im Schlafzimmer, auf dem Klo. Mein Mann, Kind 1, Kind 2, das Telefon.

Mama! Hör mal! Guck mal! Hast du das gelesen? Ich will nicht mehr Mathe machen! Kann man mit einer Batterie und Stahlwolle Feuer machen? Mama. MAMA! Malen wir das Fenster an? Wie schreibt man Hyazinthe? Soll ich noch zum Baumarkt fahren? MAAAAAAMAAAAA!

Einsamkeit – wie unterschiedlich ein Wort klingt oder schmeckt. Wie unterschiedlich die Lernaufgaben sind, die jetzt vor uns liegen. Wie gerne wir einander helfen wollen und nicht dürfen.

Die alte Dame war Mathematiklehrerin. Tochter 2 besucht liebend gerne Menschen. Dieses Wissen bringt mich derzeit nicht weiter. Und ich ahne: Die Einsamkeit der alten Dame hat mit meiner Sehnsucht nach Einsamkeit wenig zu tun.

Einsamkeit. Wir reden am Telefon noch ein bisschen über dieses Gefühl. Irgendwann traue ich mich ihr davon zu erzählen, dass ich im Moment gerne mit ihr tauschen würde. Sie lacht. Sagt: Nein. Das wollen sie nicht. Aber ich würde gerne mit ihnen tauschen. Ich lache. Sage: Nein. Das wollen sie nicht.

Sie schweigt einen Moment. Sagt: Doch. Meine Einsamkeit ist leise und schweigt mich an. Ein Echo des Todes. Ihre Sehnsucht nach Einsamkeit ist ein Echo des Lebens.

Dann muss ich das Gespräch beenden. Kind 2 will endlich das Aquarium ans Fenster malen. Und die alte Dame überlegt, ob sie nicht auch irgendwo noch einen Tuschkasten im Haus hat.

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