Veröffentlicht von Isabel Klaus am Mo., 23. Mär. 2020 11:45 Uhr

Ewiger hier nun,

der uns Atem gibt

gesegnet du

Diese Worte aus dem 150.Psalm in der Übertragung von Huub Oosterhuis berühren mich gerade jetzt. Ich wünsche: Wenn doch alle atmen könnten aus gesunden Lungen! Und wenn wir uns doch nicht den Atem nehmen lassen von dieser Krise! Mögen wir die Kostbarkeit jedes Atemzugs dankbar erleben!

Was für Zeiten! Wie leben wir jetzt Gemeinde? Bekommen alle Hilfe, die sie brauchen? Es gibt Sorgen. Um ältere, kranke, alleinstehende Menschen. Um den Beruf, das Einkommen. Wir können  uns nicht treffen, nicht zusammensitzen in der Kirchenbank und auch nicht zusammenstehen im Gespräch. Keine Gottesdienste. Kein Passionsklang  am Mittwochabend. Ich vermisse die Kirche, das lebendige Miteinander. Doch Fürsorge bedeutet jetzt Abstand. Ich habe ein paar Tage gebraucht, um zu verstehen, dass ich genauso gemeint bin wie alle anderen. Als Psychotherapeutin will ich für meine Klient*innen gerade jetzt da sein und die Verunsicherung auffangen helfen. Denn die aktuelle Lage löst verständlicherweise viel Angst aus. Gespräche können helfen. Zugleich müssen wir uns alle schützen vor Ansteckung und Überlastung der Krankenhäuser. Wir helfen der Gemeinschaft, indem wir soziale Kontakte reduzieren. Da ist jede und jeder mit verantwortlich. Ich wäge ab und werde telefonische Termine anbieten und Gruppen absagen. Wie mir geht es vermutlich vielen: die Gefühle pendeln zwischen Anspannung und Hoffnung. Beide Reaktionen haben ihre Berechtigung.  Ich versuche, beidem Raum zu geben. Wir müssen uns mit verständlichen intensiven Bedrohungsgefühlen, innerem Chaos, Ängsten und Befürchtungen auseinandersetzen. Zusätzlich zu den bisher noch nie dagewesenen Einschränkungen im  ökonomischen und im sozialen Miteinander belastet die Ungewissheit, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Gleichzeitig haben wir glücklicherweise Telefon und Internet und die Post wird weiter ausgetragen.

Ja unser Leben ist zerbrechlich, unser Körper ein vergängliches Wunder und ein Tempel zugleich. Wir haben trotz aller Fortschrittsgläubigkeit nicht alles im Griff. Nicht nur weit weg in Afrika geschehen Heimsuchungen wie Hungersnöte, Heuschreckenplagen - sondern hier sind wir konkret von einem Virus betroffen, für das es bisher keine heilenden Medikamente gibt.  Nächstenliebe  und Mitgefühl beginnen bei uns selbst. So schlicht das klingt, es ist doch so wahr. Wenn ich mir Raum gebe, innezuhalten und zu spüren, wie es mir geht, dann merke ich, was ich jetzt brauche, um mit dieser Situation umzugehen. Ein Gespräch, einen Spaziergang, Musik, Schlaf und vieles mehr. Wir können immer noch füreinander da sein, in Verbindung bleiben, anfragen, wenn wir Hilfe brauchen und selbst Hilfe anbieten. So bleiben wir hoffentlich nicht in der Angst stecken. Stilles Gebet und selbst das Lieblings-Kirchenlied tun auch am Küchentisch oder im Wohnzimmer gut. Bei mir brennt jetzt ständig eine große Kerze für alle Kranken und Verstorbenen. Ich atme oft tief ein und noch tiefer wieder aus. Dankbar, dass da eine Kraft ist, die uns Atem gibt. Jeder Atemzug ein Segen.

Sabine Müller

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