Veröffentlicht von Uli Bandt am Do., 2. Jan. 2020 20:24 Uhr

Predigt in St. Remberti am 31.12.2019 von Pastor Uli Bandt

„Suche den Frieden und jage ihm nach!“ - Das war die Jahreslosung 2019. Die war wenigstens verständlich auch für Menschen, die nicht mit „Kirchensprech“ groß geworden sind. Mit der konnte man sich sehen lassen: So verstaubt ist das Denken der Christen dann doch nicht.

Aber wie wird die Jahreslosung 2020 wohl ankommen bei jenen, die nicht zum innerkirchlichen Zirkel der Eingeweihten gehören? Wenn wir diesen Spruch in unseren Schaukasten hängen, was wird er auslösen bei den Menschen, die ihn beim Vorbeifahren in der Linie 4 flüchtig lesen? Bestenfalls Befremden. Aber wahrscheinlich wird der Spruch wie eine Botschaft aus einer fremden Welt wahrgenommen werden, die nichts mit der Wirklichkeit der meisten Straßenbahnfahrer zu tun hat. „Glauben“ und noch mehr „Unglauben“ sind kaum noch Kategorien unseres heutigen Sprachgebrauchs.

Ohne die Mitglieder der „Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen“ und ihre Auswahlkriterien für die Jahreslosung zu kennen, habe ich die Phantasie, dass sich diesmal diejenigen durchgesetzt haben, denen es nicht so sehr darum ging, die breite Öffentlichkeit neugierig zu machen auf das, was Kirche in unserer Zeit zu sagen hat, sondern dass hinter der Wahl des Spruches eher die Überzeugung stand: „Jetzt hilft nur noch beten!“. Die Lage der Menschheit und unserer Welt ist so desolat, dass wir all unser Vertrauen in Jesus, unseren Heiler und Heiland legen müssen.

Unter dem Gesichtspunkt, dass die Jahreslosung auch eine Art Aushängeschild unserer Kirchen ist, finde ich die Wahl unglücklich. Aber das heißt nicht, dass ich die Provokation der Jahreslosung nicht anzunehmen bereit bin. Ich lade Sie ein, es mit mir zu tun.

Die Bitte „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ gehört zu einer Geschichte, die der Evangelist Markus erzählt.

Sie gehört zu den Heilungsgeschichten, die über Jesus erzählt werden. Man könnte sie fast als einen Tatsachenbericht lesen, zumal in der neueren Theologie es für durchaus historisch gehalten wird, dass Jesus auch als Heiler tätig war. Und gerade diese Geschichte klingt so unwahrscheinlich nicht.

Ich möchte Sie allerdings einladen, sich dieser Geschichte anzunähern wie einem eindrücklichen Traum, von dem Experten meinen, es spiegelten sich in den handelnden Personen unterschiedliche Persönlichkeitsanteile von uns selbst. Unser Unbewusstes spiegele uns verschiedenste Rollen wider und unsere innerseelischen Konflikte, die daraus entstehen. Aber nicht nur Konflikte, sondern auch Lösungsmöglichkeiten.

Da ist zunächst ein junger Mensch, der nicht ins Leben kommen kann. Er erlebt sich als Opfer von Mächten, die er nicht zu beeinflussen vermag. Er ist nicht schuld daran und hat sich dem Schicksal ergeben. Völlig unberechenbar können die Katastrophen in seinen Alltag hineinplatzen und jeden kleinen Fortschritt zerstören. Eine lebenswerte Zukunft hat er nicht.

Und da ist der Geist. Ein böser Geist heißt es in der Geschichte. Er selbst würde sich nicht als böse bezeichnen. Er ist nun mal eine Art Parasit. Das gehört zu seinem Wesen. Dabei bringt er seinen Gastwirt nicht gleich um. Er versucht ihn möglichst lange am Leben zu erhalten. Aber schließlich, wenn er alle Resssourcen seines Opfers ausgeschöpft hat, wird er einfach umziehen zu einem neuen Wirt.

Da ist ein Vater, der seinen Sohn über alles liebt und sich eine gesunde Zukunft für sein Kind wünscht. Er ist bereit zu kämpfen und alles zu versuchen. Und seien die Chancen auch noch so klein. Er gibt nicht auf.

Da sind die Jünger. Spezialisten, die es eigentlich können sollten: Böse Geister austreiben. Menschen wieder eine Zukunft öffnen. Das alles traut Jesus ihnen zu. Aber ihnen fehlt die Liebe und die Beziehungsfähigkeit. Sie sind wie Fachärzte, die mit ihren Patienten nicht reden, geschweige denn sie anfassen. Sie wissen ganz gut, was zur Heilung nötig wäre. Aber sie wollen sich die Hände nicht schmutzig machen und über ihren eigenen Schatten nicht springen.

Und dann gibt es noch eine ganz Reihe von Leuten, die einfach nur zuschauen. Mit ihren Handys ein paar Fotos machen. Wer weiß, vielleicht geschieht ja etwas Spektakuläres.

Die alle sind schon mal auf der Bühne als Jesus kommt. Er fragt, was für ein Tumult das hier sei. „Mein Sohn ist von einem bösen Geist befallen, der ihn sprachlos macht“, erklärt ihm der Vater. „Deine Jünger haben versucht ihn auszutreiben, aber nichts gekonnt.“ Da wird Jesus sauer auf seine engsten Vertrauten und schimpft: „Warum habt ihr so wenig Vertrauen?“ Er lässt sich vom Vater zum Jungen führen und befragt ihn zu dessen Krankheitsgeschichte. Schließlich bittet ihn der Vater den Jungen zu heilen, wenn er die Macht dazu habe.

Jesus ranzt ihn an: „Was heißt hier Macht dazu haben? Alle Dinge sind möglich denen, die vertrauen.“ Da nimmt ihn der Vater beim Wort. „Ich vertraue!“, schreit er und fügt verunsichert hinzu: „Hilf meinem Mangel an Vertrauen.“

(Sie merken, hier übersetze ich anders: pisteuein kann im Griechischen sowohl glauben als auch vertrauen bedeuten.)

Er macht sich da ziemlich nackt. Natürlich vertraut er nicht richtig. Und Jesus könnte ihn nach dieser Steilvorlage rethorisch so richtig auseinandernehmen.

Eigentlich sagt der Vater doch: Ich habe kein Vertrauen mehr. Aber ich will das Leid meines Kindes nicht einfach so hinnehmen. Ich werde so lange ich lebe und mein Kind lebt, lieber so tun als hätte ich Vertrauen, als dass ich jemals den Kampf um die Zukunft meines Kindes aufgeben würde!

Vielleicht hat Jesus genau diesen Untertext gehört. Er diskutiert nicht lange und vertreibt den bösen Geist.

Der Junge fällt zunächst einmal wie tot um. Es ist wie ein Schock für ihn aus der Opferidentität plötzlich zum handelnden Gestalter der eigenen Zukunft zu werden. Aber dann tut er mit Jesu Hilfe die ersten Schritte und geht.

Später, als ihn seine Anhänger befragen, warum ihnen die Heilung nicht gelang, sagt Jesus: „Diese Art Geist lässt sich nur durch das Gebet austreiben.“

Ha, könnten Sie da rufen. Da schließt sich ja der Kreis. Offenbar hilft eben wirklich nur noch beten!

Aber was ist denn Gebet? Das Abgeben der Verantwortung an Gott, im Vertrauen darauf, dass er es schon richten wird?

Im Sinne dieser Geschichte verstehe ich unter Gebet das Bewussthalten und Ernstnehmen des Leidens von Mensch und Schöpfung. Es ist ein stetiges in Beziehung gehen auch mit dem, was weit weg ist von mir. Den fremden Schmerz nicht zu verdrängen und nach der eigenen Verantwortung und den eigenen Möglichkeiten zu fragen. Das ist Gebet.

Wir sind der kranke Junge, der gefräßige Geist, der kämpferische Vater, die halbherzigen Helfer, die sensationslüsternden Gaffer, und wir sind der heilende Jesus. All diese Potentiale sind in uns und sie streiten gelegentlich miteinander.

Das Gebet, die stille Innenschau, das Gewahrwerden dessen, was in uns und mit uns los ist, könnte tatsächlich ein Weg sein, der unserem inneren, stolpernden Kind neue Kraft verleiht, sich nicht nur als Opfer zu empfinden, sondern sich handelnd auf den Weg zu begeben.

Wie aber übersetze ich den Spruch für „die da draußen“?

Ich habe zwei Vorschläge:

In meiner Praxis als Paartherapeut gab es eine gefürchtete Eingangsfrage an die im Streit liegenden Partner, die sogenannte „Highlightfrage“: „Gab es zwischen Ihnen in der Zeit seit der letzten Sitzung ein besonders schönes gemeinsames Erlebnis? Eine freundliche Geste, ein gutes Gespräch, eine unerwartete Zärtlichkeit?“

So etwas wahrzunehmen war für die zerstrittenen Paare oft eine große Herausforderung. Nicht, weil es keine solchen Erlebnisse gab, sondern weil sich in ihrem Konflikt ihre Perspektive sich immer mehr darauf verengt, das Negative und Bedrohliche wahrzunehmen.

Sobald die Kontrahenten jedoch staunend entdeckt hatten, dass die Krise nicht die alles bestimmende Wirklichkeit für ihre Partnerschaft war, öffneten sich ihnen plötzlich ungeahnte Lösungsmöglichkeiten.

Ich glaube, dass diese Erfahrung symptomatisch für uns Menschen ist: Wenn wir in einer Krise sind (und wir sind zweifellos in einer riesigen globalen Krise!), verengt sich unser Horizont und wir nehmen ganz überwiegend nur bedrohliche Nachrichten auf. Wir erschaffen damit eine noch entmutigendere Wirklichkeit, die uns das Gefühl vermittelt all unser Tun habe ja doch keinen Zweck.

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, könnte heißen: Ich will diese Erde und die Zukunft unserer Kinder nicht aufgeben. Ich will bei allem bedrückenden Realismus, ja auch berechtigten Pessimismus, ein Optimist der Tat bleiben.

Und als zweites und zum Abschluss eine Geschichte Hugo Gryns, die mir Ian Bild, Antiquar aus Worpswede, erzählte:

Hugo Gryns Familie wurde 1944 aus der damaligen Tschechoslowakei nach Auschwitz deportiert . Hugo Gryn und seine Mutter überlebten, aber sein zehnjähriger Bruder Gabriel wurde bei seiner Ankunft in Auschwitz vergast. Sein Vater starb einige Tage nach der Befreiung. Hugo Gryn wurde später ein berühmter Reform-Rabbiner in Großbritannien. Schauplatz dieses Textes ist Chanukka, das jüdische Lichterfest, in Auschwitz.

„Es war der kalte Winter 1944, und obwohl wir keinen Kalender hatten, brachte mich mein Vater, der dort mein Mithäftling war, und einige unserer Freunde, in eine Ecke in unserer Baracke. Er verkündete, dass es der Vorabend von Chanukka sei, brachte eine Tonschale mit seltsamer Form hervor und begann, einen Docht anzuzünden, der in seine kostbare, aber jetzt geschmolzene Margarineration getaucht war. Bevor er den ersten Segen vortragen konnte, protestierte ich gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Er sah mich an, dann die Lampe und sagte schließlich: "Du und ich haben gesehen, dass es möglich ist, bis zu drei Wochen ohne Essen zu leben. Wir haben einmal fast drei Tage ohne Wasser gelebt, aber man kann nicht drei Minuten lang ohne Hoffnung leben.“ Amen

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Kommentare

Dieter Haver
Dienstag, 11. Februar 2020, 20:04 Uhr
Sehr viel drin in dieser Ansprache. Etwas glaubt wohl jeder, selbst der streitbarste Atheist. Ein Leben ohne Glauben, und sei er noch so zaghaft, ist perspektivlos. Auf den zweiten Blick wird darum aus der Jahreslosung doch noch ein Schuh: Glauben ist Optimismus. Im Grunde genommen kann es doch nur besser werden. Aber das dachten Jesus und seine juedischen Zeitgenossen vor 2000 Jahren auch schon. Vergeblich, Und so beten wir noch heute in jedem Vaterunser: "Dein Reich komme.... " Hilf mir in diesem Unglauben.

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