Veröffentlicht am So., 18. Aug. 2019 10:00 Uhr

Aus dem Gottesdienst zur Verabschiedung von Pastor Dirk von Jutrczenka am 18. August 2019 in St. Remberti

Lesung "Was wir gehört haben und wissen"

Wir haben gehört…

…und gesehen

Wir haben gehört, wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt… (Jos 2,10) 

… wir haben von ihm gehört und von allem, was er in Ägypten getan hat. (Jos 9,9)

Darum bist du groß, EWIGER! Denn es ist keiner wie du, und ist kein Gott außer dir nach allem, was wir mit unsern Ohren gehört haben. (2 Sam 7,22) 

Gott, wir haben mit unsern Ohren gehört, unsre Eltern haben's uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten, vor alters. (Ps 44,2) 

Was wir gehört haben und wissen und unsre Eltern uns erzählt haben, wir halten es nicht geheim vor unseren Kindern. Wir erzählen davon der nächsten Generation: vom Ruhm des EWIGEN und seiner Macht, von seinen Wundern, die er getan hat. (Ps 78,3) 

Ich will nun der Werke Gottes gedenken und erzählen, was ich gesehen habe. Durch die Worte des Ewigen sind seine Werke geworden. (Sir 42,15) 

Geht und verkündet, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt. (Lk 7,22) 

Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben. (Joh 3,11) 

Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben. (Apg 4,20) 

Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens – (1 Joh 1,1) 

… was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. (1 Joh 1,3) 


Abschiedspredigt in St. Remberti am 18. August 2019
Pastor Dirk von Jutrczenka

Ich will damit anfangen, wie ein Film aufhört. In Yesterday, der gerade noch in den Kinos läuft, wacht ein junger Musiker nach einem Unfall in einer Welt auf, die die Beatles nicht kennt. Nur er erinnert sich an Let it be und Hey Jude und gibt sie als seine eigenen Kompositionen aus. Die Leute sind begeistert und völlig hingerissen von den Songs, die sie da hören. Doch schließlich holt ihn sein schlechtes Gewissen ein und er gesteht alles. Nachdem er das geschafft hat, sagt er ganz am Ende zu seiner Freundin: Ich habe mich gefühlt wie Harry Potter vor dem Kampf gegen Voldemort. Und sie fragt: Wer ist Harry Potter?

Was ist das für ein Gefühl, wenn die anderen nicht kennen, was mir so wichtig ist? Wenn ich etwas liebe und teilen möchte – und die anderen reagieren völlig ignorant? Ich glaube, viele hier kennen das auf die ein oder andere Weise. Ich zeige dir mein Lieblingsbuch oder meinen Lieblingsfilm, mit roten Ohren vielleicht, weil ich mir wünsche, dass es dir auch etwas bedeutet. Doch du zuckst nur mit den Achseln oder blickst unauffällig auf die Uhr oder schlimmer noch schüttelst verständnislos den Kopf.

So ähnlich geht es der Kirche in Deutschland im 21. Jahrhundert. Vielen unserer Zeitgenossen ist das, was wir hier sonn- und alltags machen, bestenfalls egal. Viele haben keinen blassen Schimmer. Jesus? Keine Ahnung. So wie die Leute im Film, die John, Paul, George und Ringo nicht kennen. Und nicht wenige denken beim Stichwort Kirche vor allem an Mittelalter und Kreuzzüge, Inquisition und Hexenverbrennungen – ganz gleich, wie aufgeklärt und liberal und bunt wir das hier machen. Das ist manchmal frustrierend.

Dabei ist das, was uns hierher zieht, doch nicht eine fade alte Brühe, sondern es sind ganz lebendige Erfahrungen, die wir gemacht haben und immer wieder machen. Eine anrührende Musik. Ein biblischer Vers, der mich trifft. Ein gemeinsames Erlebnis. Zeit in Hohenfelde oder an einem anderen heiligen Ort. 

Uns hat sich der Himmel aufgetan. Irgendwann haben wir einen dieser magischen Momente erlebt, haben gespürt, wie die Welt sich weitet, eine andere Tiefe bekommt. Wir haben etwas gehört und gesehen, etwas wahrgenommen und verstanden, vielleicht nur für einen kurzen Augenblick eine Ahnung gehabt davon, dass da noch mehr ist als wir für gewöhnlich erkennen, mehr als das, was es scheint. Wie eine Perle, ein Schatz im Acker. Und die Sehnsucht danach zieht uns, sei es hierher in die Kirche oder in die Gemeinschaft, in die Stille oder – was paradox scheint, aber es nicht ist – mitten hinein in die Welt, die wir mit ganzer Kraft ein bisschen weniger stumpf machen wollen. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das die Sehnsucht nach Resonanz, nach einer lebendigen, klingenden Weltbeziehung: Ich werde berührt von etwas, antworte darauf, und es kommt wieder etwas zurück, gerät ins Schwingen.

So etwas kann sich ereignen. Es ist möglich. Das hoffen und wissen wir. Wir haben es gehört und gesehen. Und deshalb wollen wir es weitersagen, die Erinnerung daran wachhalten wie eine Flamme. Darum geht es doch in der Tradition, um die Weitergabe der Flamme, der Glut, nicht um die Bewahrung der Asche.

Wenn ich heute hier stehe und auf die letzten elf Jahre zurückblicke, dann fallen mir viele Momente ein, die mich auf diese Weise bewegt haben. Das Feierabendmahl im Albert-Schweitzer-Saal, beim großen Kirchentag 2009, die aufleuchtende Gastlichkeit. Wenn wir hier um den Altar oder den Brunnen, um das Taufbecken oder um einen Sarg versammelt waren. Sonnenstrahlen am Ende der Osternacht oder Kerzen zur Christmette. An glückstrahlende Gesichter von Konfirmanden und ihren Eltern am großen Tag erinnere ich mich oder an Momente der absoluten Stille in der vollen Kirche. An Sonnenuntergänge am Strand von Hohenfelde. Ich denke zurück an Begegnungen und Gespräche, auf dem Weg, in Gruppen oder unter vier Augen. An Filmszenen, die wie Offenbarungen sein können. Oder an das Wunder, wenn aus Stimmen und Tönen begehbare Klanggebäude entstehen.

Wir haben es gehört und gesehen. Wir können’s ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben, sagen Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat in Jerusalem, noch immer angefüllt von ihren Erlebnissen mit Jesus, dem Christus, der ihr Leben von Grund auf verändert hat. Von Jesus ging, sie hatten es erlebt, eine solche Energie aus, dass Sprachlose wieder Worte finden und Gebückte aufrecht gehen konnten, ganz so, wie die alten Lieder es erträumt hatten. Und sie zitieren damit den 78. Psalm, in dem seit Alters her gesungen wird: Was wir gehört haben und wissen und unsere Eltern uns erzählt haben, wir halten es nicht geheim vor unseren Kindern.

Die Kirche ist eine Hör- und Erzählgemeinschaft. Wir überliefern, was uns erzählt wurde. Aber, wir wissen es, die großen Erzählungen, die über Jahrhunderte die Welt geprägt und Menschen bestimmt haben, sie sind brüchig geworden und haben an gestaltender Kraft verloren. Sollen wir deshalb aufhören, zu erzählen? Sollten wir uns auf andere Dinge verlegen?

Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher. Wir müssen immer wieder neue Formen, eine neue Sprache finden, andere Wege gehen, um Menschen zu erreichen. Und ich finde, da hat sich in Remberti in den letzten Jahren eine ganze Menge getan. Wenn man mir vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass sich in unserem Schwachhauser Gemeindehaus wöchentlich Flüchtlinge und Einheimische zum Kaffee und Deutschlernen treffen, hätte ich das kaum für möglich gehalten. Mittlerweile machen die regelmäßige Ausflüge und andere Aktionen, es ist unglaublich wuselig und lebendig.

So bleibt die Kirche die ekklesia, die Gemeinschaft der Herausgerufenen und zu Gottes- und Menschendienst Berufenen, zu Liturgie und Diakonie und eben auch zum Zeugnis des Glaubens.

Wir hören und erzählen, wir zeigen, was uns lieb und wichtig ist, und müssen dabei in Kauf nehmen, dass andere darüber die Nase rümpfen. Wir werden weder den Religionsunterricht noch den Sonntagsschutz, weder das Tanzverbot am Karfreitag noch den Reformationstag einfach so durchziehen können, weil es schon immer so war. Wir müssen gesprächsbereit und werbend, konfliktfähig und überzeugend darstellen, warum all das uns so lieb und wichtig ist und warum wir finden, dass es auch anderen dienlich und schützenswert ist.

Mit den ganz großen Dingen, die uns auch in Zukunft beschäftigen werden, ist es genauso. Wir müssen von dem reden, was wir unter Menschenwürde und Frieden, unter Gerechtigkeit und nachhaltigem Umgang mit der bedrohten Schöpfung verstehen und warum uns das angeht. 

Und ich finde, dass die Kirche dafür der richtige Ort ist. Die Kirche nicht als ein Gebäude, in das sich Menschen vor der Welt zurückziehen, sondern als Raum, in dem sie hören und sehen und erzählen. Die Kirche als Gemeinde und Gemeinschaft und zugleich als Forum, als Teil der Zivilgesellschaft, als Angebot und Ausdruck dessen, was wir in die Debatten einbringen wollen. Darum ist für mich der Wechsel aus der Kirche als Gemeinde in einen anderen kirchlichen Ort ein spannender Schritt. Ich habe gehört, du verlässt die Kirche, sagte neulich jemand zu mir. Nein, das tu ich nicht, ich wechsle nur den Ort, an dem Kirche sich zeigt.

Ich will herzlich Danke sagen für so vieles, was ich in dieser Gemeinde und mit euch und Ihnen erleben durfte. Was mich berührt und verändert hat, mein Leben bestimmt hat. Ich muss danken für all die vielen Menschen, die so viel Zeit und Kraft und Ideen in diese Gemeinde bringen, die so vieles möglich machen und gestalten, die auch mich begleitet, unterstützt, motiviert und gestärkt haben. Viele sind heute hier. Danke. Zugleich will und muss ich um Entschuldigung bitten für das, was ich falsch gemacht oder übersehen, nicht richtig eingeschätzt oder versäumt habe, wo ich Menschen enttäuscht oder allein gelassen habe. Zu dem Teil unserer Erinnerung, den wir besonders lange behalten, gehören ja gerade auch die besonders konflikthaften. Aber zum Glück auch die besonders schönen.

Ich will damit aufhören, wie ein Film anfängt. Im Film Deutschkurs, den wir im Projekt FilmZuFlucht mit vielen Leuten gemeinsam entwickelt und weitgehend in unserem Gemeindehaus gedreht haben, sieht man zu Beginn aus einer Straßenbahn heraus auf das frühmorgendliche Bremen. Während die Vorspanntitel eingeblendet werden, wird es heller, schließlich fährt die Bahn die lange Waller Heerstraße entlang. Im Hintergrund der Fernsehturm, der mit zunehmendem Abstand immer größer zu werden scheint. So etwas gibt es, dass etwas mit Abstand größer wird. 

Im neuen Gemeindebrief sind viele für mich sehr nette und liebe Erinnerungen aufgeschrieben, die mir in dieser Fülle etwas peinlich sind. Schließlich geht es ja bei dem, was wir hier machen, nicht um mich. Manchmal habe ich da auch den Eindruck, dass etwas im Rückblick größer wird. Und mancher in der Gemeinde wird sich fragen: Wer ist dieser Harry Potter? 

Aber das ist ja das Tolle: Was wir gehört und gesehen haben und wovon wir erzählen wollen, es gibt uns Kraft für das, was kommt. So wie die Protagonisten in unserem Film sich auf den Weg machen aus ihren Verstrickungen und Alpträumen heraus und die Kraft dafür im Erzählen, in der Kreativität finden. Gerade haben wir erfahren, dass der Film tatsächlich beim Filmfest Bremen im September seine Premiere feiern wird.

Wer mich weiterhin sehen will, weiß, wo er oder sie mich findet. Im Kino. Vielleicht eines Tages ja auch wieder im RembertiKino oder einem anderen Projekt, dass ich von meiner neuen Arbeitsstelle aus auf den Weg bringen kann. Und natürlich immer mal wieder im Gottesdienst. Dann eben nicht hier auf der Kanzel, sondern dort bei euch und bei Ihnen. 

So sage ich nur vorläufig Tschüß, Adieu. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Kategorien Predigten