Veröffentlicht von Uli Bandt am Sa., 20. Jul. 2019 12:44 Uhr

Predigt in St. Remberti am 14. Juli 2019

Sabine Müller und Pastor Uli Bandt

War und ist wirklich alles gut, wie es im biblische Schöpfungsbericht nach den jeweiligen Schöpfungstagen heißt? Und ist der erste Mord von Kain an Abel nicht ein Hinweis darauf, dass in Gottes Plan entscheidende Fehler sind? Uli Bandt hat versucht, sich dieser Frage in der Betrachtung der Geschichte von Kain und Abel anzunähern, Sabine Müller über den Begriff des Interseins des vietnamesischen Buddhisten Thich Nhat Hanh.

Uli Bandt:

Gut oder böse? - Wie man biblische Geschichten auch verstehen kann

Vielleicht war ja am Anfang wirklich alles gut. Damals im Paradies. Als der Mensch und alle wilden Tiere noch sanft und Vegetarier waren.

Vielleicht war sogar nach dem Rausschmiss aus dem Paradies noch alles gut. Adam und Eva haben sich emanzipiert. Als Partner Gottes auf Augenhöhe. Er wollte doch ein Gegenüber, weil's ihm zu langweilig war.

Der Sündenfall war kein furchtbares, über hunderte Generationen bis zu den Kindeskindern zu sühnendes Verbrechen gegen Gott. Es war der entscheidende Schritt zur Menschwerdung des Menschen. Als Möglichkeit schon angelegt in Gottes Schöpfung. Ja, sie waren aufsässig, die beiden Erstlinge, gegen Gottes Anweisungen. Aber war das nicht noch so wie ein pubertärer Protest, ein entwicklungsgeschichtlich notwendiger Akt der Ablösung, damit Gott und seine menschlichen Geschöpfe sich neu finden können? Auf der einen Seite ist er knallhart, aber andererseits kleidet er sie auch und gibt ihnen damit zu verstehen: Da geht noch was. Das ist nicht das Ende unserer Beziehung.

Man könnte sagen, das ist alles noch ganz gut. Gute Schöpfung. Ein guter, erzieherisch konsequenter, aber letztlich doch sehr liebevoller Vater- und Mutter-Gott.

Aber dann, gleich danach der erste Mord. Unmittelbar nach den Erzählungen vom paradiesischen Urzustand der Welt. Gleich nach der Geburt der Menschen drei und vier geht die Rivalität los. Da gibt’s keine schönen Kindheitsgeschichten. Kain und Abel wetteifern mit ihren Opfern um die Gunst des Schöpfers.

In ihrer Wahrnehmung nimmt er das eine Opfer an, das andere verschmäht er. Und zumindest Kain zieht daraus messerscharf den Schluss: Er hat den Abel mehr lieb als mich. Eine Lawine von Grübeleien und Gefühlen überrollt ihn. Großes Kopfkino. Wir kennen das: Was hat der, was ich nicht habe? Das ist so gemein und ungerecht! Habe ich mich nicht genauso angestrengt, ja vielleicht noch mehr?!

Wir suchen nach rationalen Gründen: Mag er den fetten Schafsschwanz mehr als meine Getreidekörner? Aber die sind vegetarisch und hinterlassen einen wesentlich kleineren ökologischen Fußabdruck. Erst redet der alte Herr immer so blumig von der Achtung vor der Schöpfung und plötzlich entpuppt er sich als Liebhaber von Fettschwänzen.

Und dann bringt Kain seinen Bruder Abel um.

Gar nicht gut! Spätestens da muss man hinter die „gute Schöpfung“ ein Fragezeichen setzen. Nein, wenn so schnell der Bruder den Bruder tötet, dann hat der Schöpfer. einen Fehler gemacht. Und man kann das auch nicht alles Kain zuschieben.

Lese ich diese Geschichte mit meinen Schülern in der 5. Klasse, dann inszenieren wir in der Regel im Anschluss einen Prozess im Himmel: Mit Kain, Abel und Gott und einem Ankläger und einem Verteidiger. Und regelmäßig sitzt sehr schnell nicht mehr der Mörder Kain auf der Anklagebank, sondern Gott. Er ist an allem Schuld, denn wie kommt er dazu die beiden Söhne so ungleich zu behandeln? Wo ist denn da seine Liebe? Wenn er allmächtig und allwissend ist, dann hätte er wissen können, dass er Zwietracht sät durch seine Ungleichbehandlung.

An dieser Stelle könnte man die Bibel eigentlich gleich wieder zuschlagen. Einen solchen bigotten Tyrannen will man nicht zur Richtschnur seines Handelns nehmen. Und als guter Schöpfer hat er gänzlich versagt.

Es ist gar nicht so einfach, an dieser Stelle die Kurve zu bekommen. Vielleicht gelingt es mir mit Ihnen, eine andere Perspektive zu gewinnen, was mir mit den Kindern nur selten gelingt:

Die biblischen Geschichten beschreiben nicht mit unhinterfragbarer Autorität, wie Gott wirklich ist. (Wer könnte das schon mit Sicherheit behaupten!) - Die biblischen Geschichten versuchen unerklärliche Grundbedingungen unserer menschlichen Existenz mit Hilfe des Wirkens einer höheren Kraft zu erklären. Dass es zum offenbarten Glaubensdogma erhoben wird, das müssen wir nicht glauben, aber wir können den Schmerz erspüren, der sich in der Tiefe dieser Geschichten ausdrückt:

Bei Kain und Abel ist es die Erfahrung der unerklärlichen Ungleichheit zwischen Gleichen. Warum bin gerade ich krank geworden und nicht der? Warum fliegen der anderen die Herzen der Menschen nur so zu und ich kann nicht in Kontakt mit ihnen kommen?

Wenn es etwas gibt, das man nach dem Genuss der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis als Sünde bezeichnen kann, dann ist es, dass die Menschen plötzlich anfangen sich zu vergleichen. Dass sie trennende Kategorien geschaffen haben für gut und böse, gerecht und ungerecht...

Man kann die Geschichten der Bibel als Geschichten lesen, die uns aus der Warte einer unhinterfragbaren Offenbarung erzählen wie Gott ist. Wir werden dann ständig über unseren Verstand stolpern.

Wir können die Geschichten aber auch lesen als Geschichten, die uns etwas sagen darüber wie wir Menschen sind und in welche existenziellen Probleme wir hineingestellt sind. Und dann können wir in unserem Menschsein wachsen.

Und hier übergebe ich an Sabine...

Sabine Müller:

Tja, spannend… Ich neige dazu, die Paradies- und Kain-und Abel-Geschichte als Bilder für innere Erfahrungen zu verstehen. . Mir fällt dazu ein Traum ein, den ich vor einigen Jahren während einer längeren Zeit der Meditation hatte.

Ich träumte ein Abendmahl.

Es waren schwarze und weiße Kekse, die ich im Traum meiner Meditationslehrerin reichte.

Und sie aß einen nach dem andern, mit Freude, ohne Zögern.

Die Gegensätze schwarz und weiß hoben sich auf in dem unterschiedslosen Einverleiben der weißen und schwarzen Kekse. So wurde das Ganze zu einem Abendmahl. Das dachte ich im Traum.

Die schwarzen und weißen Kekse. Dunkel und hell . Gut und schlecht. Ja und nein. Dualität.

„Dualität ist so schmerzhaft!“ sagte ein Meditationsmeister aus Tibet.

Von ihm lernte ich, dort hin zu schauen, den Schmerz überhaupt erst einmal zu fühlen und ihn zu bemerken. Ein Schmerz, den mein Geist erschafft, wenn er die Welt, die Menschen und alles was lebt, einschließlich meiner eigenen Person als isolierte Erscheinungen sieht. Dann beginnt das Vergleichen. Alleinsein wird zu Einsamkeit, Trennung äußerst bedrohlich, Schutzmauern scheinen unvermeidbar und Nähe und Verbundenheit ist dann nur mit sorgsam ausgewählten Menschen möglich. Dualität ist so schmerzhaft. Sie kostet viel Kraft, um alles zu kontrollieren, was ja nie gelingen kann.

Der Fall aus dem Paradies – vielleicht ist er eine Metapher für die Spannung, in der wir seither leben: Im Innersten in Gleichheit miteinander und mit Gott verbunden – und zugleich einzeln, verschieden und selbst verantwortlich.

Der Buddhismus lehrt, mehr auf die Gleichheit als auf die Dualität zu schauen und unterscheidet zwei Dimensionen der Gleichheit: alle Wesen, nicht nur die Menschen, wollen Glück und kein Leid. Darin sind wir uns gleich. Wir werden schon sanfter im Umgang mit anderen, wenn wir dies anerkennen.

Zum Zweiten sagt die buddhistische Lehre, wir bestehen alle aus einer grundlegenden Gutheit, einer Weisheit, die unser tiefster Seinsgrund ist. Der Grund unseres Herzens. Dort ist Klarheit, offene Verbundenheit, Liebe, Mitgefühl. Verwandtsein ohne Frage. BuddhistInnen nennen dies Buddha-Natur. Die christlichen Mystiker und Mystikerinnen nennen diese innere Erfahrung Gott. Den göttlichen Urgrund. Die göttliche Umarmung. Gottesbegegnung und Gottvertrauen. Etty Hillesum nennt es den tiefen Brunnen in ihr, in dem Gott wohnt. Wie schön und friedlich ist es, aus solchem Vertrauen zu leben – und den Bruder, die Schwester leben zu lassen! Manchmal erkennen wir diese Gutheit wie ein Blitz in dunkler Nacht. Und dann wissen wir mühelos, wir sind verbunden.

Jene Meditationslehrerin (mit den schwarzen und weißen Keksen) schrieb mir in einem Brief:

„Gott ist das, was die Getrenntheit bemerkt und uns die Sehnsucht gibt, sie zu überwinden.“ (Sylvia Wetzel 2016)

Die Sehnsucht und auch der Schmerz der Dualität bringen uns in Bewegung. Irgendwo ist da ein intuitives Wissen, dass die klaren Trennungen zwischen schwarz und weiß nicht stimmen. Wir wissen doch, dass wir vereinfachen, kurzsichtig schauen und engherzig werden. Das spüren wir doch. Weil wir anscheinend wissen, was Gott in den Mund gelegt wurde: Und siehe, es war sehr gut?

Das ist ein „gut“, das nicht im Gegensatz zu einem „schlecht“ steht. Ein Ja, dem kein Nein gegenüber steht. Vielmehr ein Ja zur Schöpfung, so wie sie ist, zu unserem kleinen Leben im großen Ganzen, in dem nicht Partei ergriffen wird für eine Seite, für weiß oder schwarz. Sondern ein umfassendes Ja, ein grundlegendes Ja, tiefer als alle Gegensätzlichkeit. Dort hört das Kämpfen auf, dort ist die Abwehr zuende. Ein Ja zum Sein. Mut zum Sein. Mut zum Sein aus Vertrauen ins Unbedingte (Tillich).

Manchmal geschieht es uns, dass unser Spüren diese durchdringende, umfangende Dimension berührt. Die zugleich unfassbar bleibt, letztlich unbeschreibbar. Doch dann wissen wir, alles ist nach seiner Art und es ist gut so (wie es in der Schöpfungsgeschichte heißt).

Gott entlässt uns dann wieder aus den wunderbaren Einheitserfahrungen, diesen Blitz-Momenten, in denen wir zur tieferen Wirklichkeit erwachen. Gott scheint uns das zuzutrauen. Schließlich hat er uns so geschaffen. dass wir in beiden Dimensionen leben, einzeln getrennt und tief verbunden. Mit dem Potential zum Mut, Mut zum Leben obwohl es Ungleichheit und Ungerechtigkeit gibt. Und so stehen wir nach der Paradieserfahrung wieder in der Welt voller Widersprüche, im Schwarz- und Weiß-Denken, Sachzwängen und herzlich unreligiösen Erfahrungen. Wir streiten uns wieder und wollen Recht haben, üben Nächstenliebe, unvollkommen und sind bestenfalls genährt aus diesem Ja. Jesus aus Nazareth lebte wohl aus diesem Bejahtsein inmitten von Verfolgung und Gewalt. Er blieb verbunden, mit sich, den Menschen, mit Gott. So zeigt er uns ein tiefes Vertrauen, daß Leben in menschlicher Begrenztheit und zugleich im göttlichen Umfangensein möglich ist. Daraus gewinnen wir Zuversicht, auch wir können in beiden Dimensionen leben. Es erlöst uns nicht von den trennenden Erfahrungen in der Dualität. Aber es schenkt uns die Möglichkeit, sie nicht für das letzte Wort zu halten.

So heißt es im 2.Korintherbrief, 1, 19-20: Jesus Christus … war nicht Ja und Nein, sondern in ihm war immer Ja. (2.Kor. 1, 19-20)

Das braucht Mut, schreibt Paul Tillich. „Solch ein Mut ist nur möglich, weil es ein Ja jenseits vom Ja und Nein des Lebens und der Wahrheit gibt. Und das ist ein Ja, das nicht das unsere ist.“

Amen.



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