Veröffentlicht am So., 23. Jun. 2019 12:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 23. Juni 2019
Pastor Dirk von Jutrczenka

Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Geduld aber habt ihr nötig, auf dass ihr den Willen Gottes tut und das Verheißene empfangt. (Hebräerbrief 10,35-36)

Bitte nicht wegwerfen! Im Umgang mit noch zu gebrauchenden oder wiederverwendbaren Dingen haben wir in den letzten Jahren gelernt, sorgsam zu sein. Nicht zuletzt die Tatsache, dass wir im Supermarkt für eine Plastiktüte bezahlen müssen, hat viele dazu gebracht, solche praktischen Dinge nicht voreilig wegzuschmeißen.
Werft euer Vertrauen nicht weg!, heißt es im Vers aus dem Hebräerbrief. Das klingt erstmal merkwürdig. Denn Vertrauen ist, da sind wir uns doch einig, etwas ganz anderes als eine billige Plastiktüte – oder nicht? Ich habe aber tatsächlich das Gefühl, dass Vertrauen nicht mehr viel gilt. Auch früher hieß es schon: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Doch mittlerweile ist für manche das Wort und die Vorstellung puren Vertrauens geradezu ein Skandal. Angela Merkels „Wir schaffen das“ angesichts der erhöhten Flüchtlingszahlen im Jahr 2015 gilt manchen als der Beginn vom Untergang des Abendlandes. Statt Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten, Vertrauen gegenüber Fremden, Vertrauen in die Gestaltungsfähigkeit der Zukunft haben viele vor allem Misstrauen, Zweifel, Angst. Die ganze politische Bewegung, die sich in den rechtspopulistischen Parteien und Gruppierungen niederschlägt, lebt im Wesentlichen von der Kultivierung des Misstrauens.
Oder wäre es zu einfach, das allein an bestimmten politischen Strömungen festzumachen? Sind auch die Fridays for Future, die vermutlich wichtigste und hoffnungsvollste Gegenbewegung zu den rückwärtsgewandt Resignierten, den borniert Betonierten, den Klimawandelleugnern und Euroskeptikern, eine Bewegung, die nicht so sehr auf Vertrauen, sondern eher auf Misstrauen setzt? "Wenn wir Jungen jetzt nichts ändern, fahrt ihr Alten die Welt an die Wand."
Vertrauen ist nicht ein naives „Es wird schon alles gut“. Vertrauen ist eine Grundhaltung zur Welt, die sich nicht einschüchtern lässt. Die davon ausgeht, dass Dinge verändert werden können. Und nicht hinter allem Unbekannten das Schlimmste befürchtet.
Der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz haben in einem gemeinsamen Wort, an dem unser Gemeindemitglied Professorin Eva Senghaas-Knobloch mitgewirkt hat, vor einigen Wochen für "Vertrauen in die Demokratie" geworben. Globalisierung, wirtschaftliche Ungleichheit, Migration und Digitalisierung werden dort als die zentralen Herausforderungen benannt, die gerecht gestaltet werden müssen. Nicht durch ein weniger sondern durch ein Mehr an Demokratie. Da können sich die Kirchen und Gemeinden nicht wegducken, sondern müssen Flagge zeigen. So wie es auf dem Kirchentag geschieht, wenn die Rettung von Menschen auf dem Mittelmeer ohne Wenn und Aber gefordert wird.
Es gibt in der Bibel jede Menge Vertrauensgeschichten. Ich bin davon überzeugt, dass fast jede Szene aus den Evangelien, jede Begegnung zwischen Jesus und den Menschen, jeder Dialog und jede Wundergeschichte in der ein oder anderen Weise mit Vertrauen zu tun hat. Und immer ist es Jesus, der seinen Jüngern und den Menschen Vertrauen vermittelt. Gebt ihr ihnen zu essen, ihr könnt das. Geh hin, dein Vertrauen hat dir geholfen. Das griechische Wort pistis, das in der Lutherübersetzung meistens mit Glauben wiedergegeben wird, heißt auch Vertrauen.
Glauben heißt vertrauen. So das Konfirmationslied, das eure Vorgänger geschrieben haben, und das wir nachher noch singen werden. Wenn mich jemand fragt, was ich meinen Konfirmand*innen vermitteln will, sage ich: Glauben heißt vertrauen. Übrigens wurde ich das tatsächlich mal gefragt. Und aus gegebenem Anlass habe ich in der letzten Zeit häufiger daran gedacht. Ich hatte damals - vor elfeinhalb Jahren, also noch bevor ich gewählt war - einen ersten Probe-Gottesdienst in der Rembertikirche gefeiert und saß anschließend unten im Albert-Schweitzer-Saal vor etwa 180 Leuten, die mir Fragen stellten. Was ich denn so machen wollte in der Gemeinde und ob ich auch bestimmt nach Hohenfelde fahre und was ich von den Theologen Bultmann, Tillich, Lüdemann und Drewermann hielte. Das alles ging ja noch. Aber dann sagte jemand: „Welches sind die drei Dinge, die Sie den Konfirmanden vermitteln wollen?“ Ich weiß bis heute nicht, warum es gerade drei Dinge sein sollten. Aber ich weiß noch, wie ich da saß und grübelte. Was sage ich jetzt? Wie soll ich in drei Stichworte packen, was bei anderthalb Jahren Konfirmandenarbeit rauskommen soll?
Ich wollte gerade ausholen und etwas über Gemeinschaft sagen, über grundlegendes Verständnis des Christentums und der anderen Religionen, der Bibel und der Traditionen, etwas über Gottesbilder, etwas über Pädagogik und Erfahrungen und Erlebnisse, das alles wollte ich sagen, aber stattdessen sagte ich nur drei Worte: Glaube, Hoffnung, Liebe. Man muss ja nicht alles neu erfinden. Und während ich das sagte und erläuterte, wurde mir klar, dass diese Worte des Apostels Paulus ziemlich genau das trafen, was ich, ohne dass ich es vorher hätte sagen können, als Ziel für die Konfirmandenarbeit vor Augen hatte. Glaube, Hoffnung, Liebe. Und im Vertrauen ist das alles enthalten.
Glaube. Nicht in dem Sinn, dass wir euch ein komplettes Gebäude aus Geschichten und Traditionen beibringen und dann von euch verlangen: Glaubt das. Sondern Glauben so, wie er in Wirklichkeit gemeint ist, eben als Vertrauen. Es geht nicht darum, bestimmte Aussagen über Gott für wahr zu halten und deswegen zu sagen: Ich glaube das, sondern es geht um eine grundlegende Einstellung, eine Lebensart, ein Fundament, auf das ich bauen kann: Ich vertraue, dass Gott da ist. Hinter und unter und mitten zwischen den vielen Bildern und Vorstellungen, die wir Menschen uns von Gott machen, die alle immer nur vorläufig, ausschnitthaft, verzerrend sind. Wir versuchen, euch möglichst viele von diesen menschlichen Versuchen vorzustellen. Es ist eine gute Tradition in unserer Gemeinde, dass wir sehr ausführlich die verschiedenen Weltreligionen anschauen, uns in der Auseinandersetzung mit Hindus und Buddhisten, Juden und Muslimen und sogar den Naturreligionen klarmachen, wie überall die Menschen Erfahrungen des Göttlichen machen. Und wir tun das nicht, um hinterher zu sagen „Seht, was die anderen falsch machen“, sondern um wahrzunehmen, wie ähnlich und verwandt die unterschiedlichen Religionen sind. Keine hat ein Monopol darauf, die Sache mit Gott wahr und richtig verstanden zu haben. Und wenn das doch behauptet wird, wenn Menschen sich im Namen ihrer Religion gegenseitig Leid bereiten, dann müssen wir uns dem kritisch gegenüberstellen und Einhalt gebieten.
Das ist zugegebenermaßen nicht ganz einfach. Ein Blick in die Weltgeschichte zeigt uns, wie anfällig wir Menschen dafür sind, alle möglichen politischen oder weltanschaulichen oder religiösen Systeme zu verabsolutieren. Darum sind nicht zuletzt im Blick auf den Frieden der Religionen untereinander Hoffnung und Liebe wichtig. Hoffnung, dass trotz aller Konflikte Frieden möglich wird in der einen Welt. Aber auch im ganz persönlichen Bereich: Hoffnung heißt, ich lasse mich nicht allein von dem bestimmen, was ich auf meinem Weg durchs Leben an äußeren Bedingungen, Schwierigkeiten und Hindernissen sehe. Wenn ich Hoffnung habe, dann kann ich schwierige Phasen im Leben überstehen. Dann gebe ich nicht gleich auf, wenn mir etwas nicht gelingt. Dann reicht mein Vertrauen, mein Glauben über das hinaus, was ich unmittelbar vor mir habe. Wenn wir in der Osternacht Konfirmanden taufen, ziehen wir zuerst ganz im Dunkeln in die Kirche ein. Hoffnung heißt, ich weiß, dass es nicht immer dunkel bleiben wird.
Und schließlich die Liebe. Die ist nach den Worten des Paulus die größte unter diesen dreien. Ich kann alles mögliche aus meinem Leben machen, aber wenn ich dabei keine Liebe habe, ist alles nichts wert. Aber was heißt das: Liebe haben? Anders als bei anderen Dingen und Gegenständen, die ich haben, besitzen, festhalten kann, ist das mit der Liebe ja nicht so. Liebe ist ein Gefühl, das mich durchdringt, das in mir ist. Und zugleich ist Liebe auch außerhalb von mir selbst, sie kann mich umhüllen, mir von außen entgegenkommen. Gott ist die Liebe, heißt es in der Bibel. Gott ist in diesem Gefühl, in dieser Erfahrung, die die Menschen miteinander verbindet und zueinander führt. Gott selbst ist die Liebe, er ist nicht ein abstraktes Prinzip oder ein alter Mann im Himmel, Gott ist die Liebe, in uns und um uns. Und weil Jesus bei allem, was er tat und sagte voller Liebe war, darum haben die Menschen gesagt: In ihm ist Gott selbst sichtbar.
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde, das ist es tatsächlich, was mir von allem am wichtigsten ist. Diese drei Dinge sollt ihr und sollen Sie wissen, sie sollen euch bei eurem Weg begleiten und stärken. Im Vertrauen ist alles enthalten: Glaube, Hoffnung, Liebe. Alles andere kommt dann von selbst. Oder wie der alte Kirchenvater Augustin es gesagt hat: Liebe, und dann tu was du willst.
Amen.

Kategorien Predigten