Veröffentlicht am Sa., 11. Mai. 2019 16:00 Uhr

Konfirmationspredigt in Remberti am 11. Mai 2019
Pastor Dirk von Jutrczenka

Als wir letzte Woche die Bibelführerscheinprüfung hatten, da saßen manche von euch etwas eingeschüchtert hier in den Bänken und zogen die Köpfe ein. Trau dich!, habe ich manchem zugerufen, sag etwas, du weiß es doch. Und tatsächlich haben wir alle miteinander im Schweinsgalopp durch die wichtigsten biblischen Geschichten festgestellt, wie viel ihr wisst. Von den beiden Schöpfungsgeschichten über die Arche Noah und den Turmbau zu Babel hin zu Abraham, der den Auftrag bekommt, sich auf einen langen Weg zu machen. Auch von Mose hatten wir im Verlauf unserer Konfirmandenzeit oft und reichlich gehört. Er führt die Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten, ebenfalls ein langer Weg, vierzig Jahre soll es der biblischen Überlieferung zufolge gedauert haben. Und als er dazu berufen wurde, hat er auch lange rumgedruckst und sich nicht getraut.
Vorhin haben wir nun gehört, wie auch sein Nachfolger Josua erstmal guten Zuspruch braucht, bevor er sich dann auf den letzten Teil des Weges ins Gelobte Land macht. Sei getrost und unverzagt, heißt es da gleich dreimal. Sei stark und mutig und erschrecke nicht! Trau dich! (Josua 1)
Anders als Josua und die Israeliten habt ihr nun keinen vierzigjährigen Weg hinter euch, sondern einen etwa vierzehnjährigen. Und den seid ihr auch nicht ganz selbst gegangen, sondern ihr habt euch in den ersten Jahren tragen oder schieben lassen, seid erst auf allen vieren gekrabbelt bis zu euren ersten eigenen Schritten. Doch dann wurden eure Schritte größer, genau wie ihr. Mehr und mehr habt ihr eure Umgebung erkundet, habt zunehmend weitere Wege hinter euch gebracht, durch die verschiedenen Phasen der Kindheit bis heute. Nun seid ihr keine Kinder mehr, sondern Jugendliche. Vor euch liegt – genauso wie vor Josua – ein noch unbekanntes Land. Etwas, das ihr von weitem schon lange gesehen habt, von dem ihr schon viel gehört habt. Doch nun kommt der Zeitpunkt, an dem ihr euch selber aufmachen sollt, um euch dieses Land anzueignen.
Wie machst du das? Wie kommst du da hin? Und wie gelingt es dir, dich dort heimisch zu fühlen? Oder anders gefragt: Wie wirst du erwachsen? Was brauchst du dafür? Was wird von dir erwartet?
Anders als früher ist die Konfirmation heute nicht mehr der Tag, an dem mit einem Schlag das Erwachsenenleben beginnt. Vor sagen wir mal siebzig Jahren haben etliche Konfirmanden am Tag ihrer Konfirmation zum ersten Mal eine lange Hose getragen und am Montag drauf ihre Ausbildung begonnen. Das ist heute anders. Ihr habt alle noch ein paar Jahre Schule vor euch. Zugleich ist aber vieles, was früher erst den Erwachsenen vorbehalten war, heute deutlich früher dran. Ihr seid auf dem Schulhof und in den sozialen Medien so vielen Dingen und Einflüssen ausgesetzt. Da ist es nicht so einfach, sich zu orientieren. Selber herauszufinden, was mir gut tut oder was mir schadet. Viel Blendwerk ist dabei, falsche Versprechungen, aber auch Einschüchterndes. Das ist anstrengend und überfordernd. Manche haben das Gefühl, dem ausgeliefert zu sein.
Habe Mut! ist da ein ganz brauchbarer Zuruf. Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, wie der Philosoph Immanuel Kant den Leitspruch der Aufklärung auf den Punkt gebracht hat. Trau dich, selber zu denken. Fall nicht darauf rein, wenn andere versuchen, dich zu manipulieren. Sei kritisch gegenüber dem, was dir als Wahrheit präsentiert wird. Ich gebe zu, das ist ganz schön schwer in einer Zeit, in der gerade diejenigen, die die größten Lügen verbreiten, anderen ebendies vorwerfen. Ein amerikanischer Präsident, der jeden Tag nachgewiesenermaßen die Unwahrheit sagt und den kritischen Medien vorwirft, sie seien Fake News. Internettrolle, die ohne Ende falsche Meldungen posten und die öffentlich-rechtlichen Sender dafür angreifen, dass sie nicht in ihrem Sinn berichten.
Habe Mut, nachzufragen und nachzuhaken! Schau genau hin! Das betrifft auch den Bereich des Religiösen. Wir haben ja mit euch gemeinsam die verschiedenen Weltreligionen angesehen und auch unsere eigene Tradition im Christentum. Und ich hoffe, es ist deutlich geworden, dass wir euch eine kritische und selbstkritische Sicht vermitteln wollten. Alle Religionen haben ein großes Potential für Frieden, Nächstenliebe, Freiheit, aber eben leider auch für das Gegenteil: Gewalt, Hass und Unterdrückung. Als Immanuel Kant vor 250 Jahren seine aufklärerischen Gedanken verbreitete, waren Religion und Kirche eher auf der Seite seiner Gegner zu finden. Und auch heute gibt es viele, die im Namen Gottes viel Unsinn verbreiten und mancherlei Denkverbote errichten wollen. Andererseits gibt nicht wenige, die im Namen der Vernunft gegen die Religionen zu Felde ziehen. Das ist genauso schräg. Denn damit tun sie so, als ob das Leben nur aus dem bestünde, was sich zweifelsfrei messen, wiegen, analysieren lässt. Ich glaube nur, was ich sehe, sagt einer. Aber siehst du zum Beispiel die Liebe?
Glauben, so haben wir euch zu vermitteln versucht, heißt nicht so sehr, etwas für wahr zu halten, was einem eigentlich merkwürdig und unvernünftig vorkommt. Glauben heißt vertrauen. Sich selbst vertrauen und anderen Menschen. Aber eben auch noch mehr. Gottvertrauen haben, hat man das früher genannt. Ein Gefühl dafür, dass die unsichtbare und unendliche Kraft, die hinter allem Leben steckt und die ich nie ergründen kann, es gut meint mit mir. Es ist eine Grundeinstellung dem Leben gegenüber. Gehe ich an alles voll Misstrauen, Abwehr, Widerwillen heran oder empfinde ich ein grundlegendes Vertrauen, Offenheit, Mut?
Wenn ihr nun vor eurer Zukunft steht, die wie ein unbekanntes Land vor euch ausgebreitet ist, dann hoffe ich und wünsche ich euch, dass ihr nicht so sehr Angst und Misstrauen, sondern genau dieses Vertrauen spürt. Sicher, es gibt viele Gründe, der Zukunft mit gemischten Gefühlen entgegenzusehen. Wie wird das mit dem Klimawandel? Werden die politischen Konflikte bei uns und weltweit zunehmen? Wohin wird sich unsere Gesellschaft entwickeln? Und wie sieht es für dich ganz individuell aus? Welchen Beruf wirst du ergreifen, wie wirst du leben? Welche Menschen werden in dein Leben treten? Das sind alles sehr spannende Fragen und keiner von uns kennt die Antwort. Wenn ich in 25 Jahren noch leben sollte, könnt ihr es mir bei eurer Silbernen Konfirmation erzählen.
Das Schöne ist ja, dass eure Konfirmation heute kein reines Abschiedsfest ist, sondern ihr auch weiterhin untereinander, zu den Jugendleitern und zu den Menschen in der Gemeinde Kontakt halten könnt. Auch wenn dies für mich meine letzten Konfirmationen sind und ich danach nicht mehr als Gemeindepastor hier bin, bleibe auch ich in Reichweite. Dennoch, machen wir uns nichts vor, ein Abschied gehört auch dazu. Eure Kindheit liegt jetzt hinter euch. Ihr könnt euch ein letztes Mal umdrehen und ihr wehmütig zuwinken. Aber dann müsst ihr euch aufmachen, eure Sachen packen und losgehen.
Sei getrost und unverzagt! Sei stark und mutig! Trau dich!

Kategorien Predigten