Veröffentlicht am So., 19. Mai. 2019 10:00 Uhr

Konfirmationspredigt in Remberti am 19. Mai 2019
Pastor Dirk von Jutrczenka

Sei stark und mutig. In Luthers Übersetzung klingen diese Worte zwar etwas altbacken, aber irgendwie auch nostalgisch schön: Sei getrost und unverzagt. Sei getrost. Da steckt Trost und trösten drin, getröstet werden angesichts dessen, was einem Leid oder Druck oder Ungemach bereitet. Und das Wort unverzagt ist doch auch wunderbar. Wie ein Wort mit Stuck oder anderer vergessener Schönheit. Verzage nicht. Gib nicht auf. Verlier nicht die Lust.
In der Bibel kommt diese Wendung an mehreren Stellen vor. Zum einen gehäuft im Zusammenhang der Geschichte um Josua, die wir vorhin gehört haben. Er soll das Volk Israel über den Jordan ins Gelobte Land führen, nachdem es zuvor vierzig Jahre mit Mose auf der Flucht durch die Wüste war. Die andere Geschichte, in der das Wortpaar auftaucht, ist die vom Bau des Tempels in Jerusalem. König David, so wird dort erzählt, will Gott einen großen Tempel bauen. Weil er viel Unrechtes getan hat, lehnt Gott das jedoch ab und bestimmt, das Davids Sohn Salomo diese Aufgabe übernehmen soll.
Wie passend für den Tag heute. Da wird eine große Aufgabe weitergegeben an die Jüngeren. Bau den Tempel!
Die Erzählungen über König David sind ein Musterbeispiel dafür, wie irdisch (um nicht zu sagen: unterirdisch) und interessegeleitet manche biblischen Texte sind. Ich empfehle zur Lektüre den wunderbaren Roman „Der König David Bericht“ von Stefan Heym. Wer noch ein Konfirmationsgeschenk braucht… Es ist mit den Händen zu greifen, wie in diese biblischen Texte königliche Geschichtsschreibung, theologische Interpretation, politische Propaganda eingeflossen sind. Sensationsjournalismus und Erbauungsliteratur, Herrschaftsideologie und vorsichtiger prophetischer Einspruch dagegen sind zu einem bunten Geflecht verwoben. Wir können das heute mit großem Interesse und Vergnügen lesen, im Wissen, dass hier keine historischen Fakten erzählt, sondern die Fakten interpretiert, in eine Geschichte gebettet werden.
Und David sprach zu seinem Sohn Salomo: Sei getrost und unverzagt und mache es! Fürchte dich nicht und lass dich nicht erschrecken! Gott der HERR, mein Gott, wird mit dir sein und wird die Hand nicht abziehen und dich nicht verlassen, bis du jedes Werk für den Dienst im Hause des HERRN vollendet hast. (1. Chronik 28,20)
Bei der Einweihung des Tempels, bei der die Bundeslade mit den Gebotstafeln ins Allerheiligste gebracht wird, wird Salomo später davon sprechen, dass der Himmel und aller Himmel Himmel Gott nicht fassen können; wie sollte es dann der Tempel tun? Im Wissen darum, dass Gott immer viel größer ist als alle Räume, weiter als alle Vorstellungen und Bilder, wurde der Tempel in Jerusalem gebaut. Wir haben darüber gesprochen, auch dass er zerstört und wieder aufgebaut und wieder zerstört wurde und heute nur noch die  westliche, die sogenannte Klagemauer steht.
Bau den Tempel!, sagt David zu seinem Sohn Salomo. Gib du Gott einen Ort, unserer Religion einen Raum, unseren Gebeten eine Gestalt. Mach etwas, was eigentlich nicht möglich, aber dennoch nötig ist. Und sei dabei getrost und unverzagt.
Wie es aussieht, ist dies heute das letzte Mal, dass ich einen Konfirmationsgottesdienst verantworte. Ab August werde ich nicht mehr als Gemeindepastor arbeiten, sondern im forum Kirche. Damit wird für mich nach über 25 Jahren, in denen ich unmittelbar mit Konfirmandinnen und Konfirmanden zu tun hatte, weit über tausend Jugendliche konfirmiert habe, ein wichtiger Teil meiner Arbeit vorbei sein. Auch wenn ich dort weiterhin mit Konfirmandenarbeit und Religionspädagogik zu tun haben werde, ist das doch etwas anderes. Vielleicht habe ich deshalb heute noch stärker als bisher das Gefühl, als ein Alter den Jungen eine Aufgabe mit auf den Weg geben zu müssen. Baut die Kirche! Wir haben euch in den letzten anderthalb Jahren gezeigt, warum wir es wichtig finden, sich mit der Frage nach Gott und den Religionen auseinanderzusetzen. Wir haben gesehen, was passiert, wenn wir uns Zeit und Raum dafür nehmen, die alten Geschichten zu erzählen und nach ihrer Bedeutung für unser Leben zu fragen. Wir haben erlebt, dass es Kraft geben und Spaß machen kann, dass es für die Gruppe und für jeden einzelnen etwas bringt. Genauso haben vor uns Menschen Erfahrungen gemacht mit dem Glauben und der Gemeinschaft, mit Remberti und Hohenfelde, mit dem Wissen, zur weltweiten Gemeinschaft der Christenmenschen zu gehören. Was war, wird weitergegeben. Und es ist hoffentlich auch dem Letzten deutlich geworden, dass das für uns nicht heißt, einfach alte Formeln nachzusprechen, sondern sehr kritisch auf das Überlieferte zu schauen und immer auch nach neuen Worten und Formen zu suchen.
Baut die Kirche! Ihr seid die Zukunft. Wenn es stimmt, was aktuelle Umfragen sagen, wird in den nächsten 40 Jahren die Anzahl der Kirchenmitglieder in Deutschland um die Hälfte sinken. Es sterben mehr als nachgeboren werden. Und schon jetzt ist es so, dass viele der Kirche den Rücken kehren, weil sie nicht das Gefühl haben, dass sie das interessieren könnte, was in der Kirche geschieht. Wir haben euch zu vermitteln versucht, warum es sich lohnt, dabei zu bleiben. Es liegt an euch und eurer Generation, wie es weitergehen wird.
Baut die Kirche! Sucht nach Worten und Bildern, nach Räumen und Formen, nach Orten und Zeiten, in denen die Frage nach Gott Platz hat! Verbannt das Engagement für eine gerechte und solidarische, friedliche und nachhaltige Welt nicht aus der Zukunft! Lasst euch nicht einreden, dass es im Leben nur um Geld und Erfolg, Gesundheit und Profit, Zerstreuung und gute Laune geht! Lasst euch nicht berieseln von Instagramm und Youtube, Snapchat oder Netflix, von Katzenbildern und Falschmeldungen. Glaubt nicht, dass Menschen und Religionen einander bekämpfen müssen, kämpft aber für die Werte, die Menschen und Religionen verbinden: Liebe und Geschwisterlichkeit, Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung!
Baut die Kirche! Anders als das früher getan wurde und wir es heute tun, aber im Bewusstsein, dass ihr nicht alles neu erfinden müsst. Dass ihr manches Alte ausleihen und ausprobieren, verwenden oder verwandeln könnt. Manchmal steckt gerade im Alten ein Zauber, eine Kraft, eine Wärme oder ein verlorenes Wissen. Baut die Kirche! Nun mag mancher von euch denken: Wieso sollte ich die Kirche bauen? Ich will erstmal mein eigenes Leben bauen, meinen eigenen Weg finden, meine Ziele verfolgen. Das ist euer gutes Recht. Mit eurer Konfirmation heute verlasst ihr endgültig eure Kindheit und seid einen großen Schritt weiter auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Ihr könnt und müsst zunehmend mehr selbst bestimmen, eigene Entscheidungen treffen.
Aber ich wünsche euch, dass ihr dabei nicht aus dem Blick verliert, was wir das Abenteuer Religion genannt haben. Und das besteht ja daraus, hinzusehen und wahrzunehmen, auf welche Weise Menschen ihre Erfahrungen mit Gott und dem Göttlichen zum Ausdruck gebracht haben, und eben auch selber Ausdrücke zu finden. Ihr habt Bilder gemalt und Texte geschrieben, habt Vertrauensbekenntnisse verfasst und euch mit Gebeten, Liedern, Gedanken eingebracht. Ihr habt Geschichten von Jesus gespielt und gehört. Ihr habt ein Stück eures Lebens miteinander und mit uns geteilt. Nun ist es an euch, zu sehen, ob und wie das alles in eurem weiteren Leben eine Rolle spielt.
Baut die Kirche! Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden, aber auch ihr Eltern und Verwandten, ihr Menschen aus der Gemeinde. Zu Beginn der Konfirmandenzeit haben wir uns zum Thema „Mehr als ein Gebäude: Die Kirche“ getroffen. Damals haben wir uns diese Kirche angeschaut und darüber gesprochen, dass Kirche eben nicht nur dieses Haus, sondern auch die Gemeinde und die weltweite Gemeinschaft der Christen ist. Und wir haben die berühmten Sätze aus dem Brief des Apostels Paulus an die Korinther gelesen: Die verschiedenen Körperteile bilden zusammen den Leib, jeder und jede hat seinen Platz. Ihr alle seid zusammen der Leib von Christus und jeder einzelne ist ein Teil davon. Ihr seid der Leib Christi. Das sollt ihr wissen.
Baut die Kirche! Seid getrost und unverzagt und macht es!

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