Veröffentlicht von Uli Bandt am Do., 6. Jun. 2019 14:57 Uhr

Predigt von Pastor Uli Bandt in St. Remberti am 02.06.2019

Es soll Kirchengemeinden geben, in denen das Osterlicht in den Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten gelöscht wird, als Zeichen der Verlassenheit und Hoffnungslosigkeit, von denen die Anhänger Jesu nach dessen Himmelfahrt überwältigt gewesen sein müssen. Mich berührt diese Symbolhandlung. Es ist ein starkes und existenziell bewegendes Zeichen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Himmelfahrt Jesu eine nachträgliche Komposition der frühen christlichen Gemeinde gewesen ist, weil Himmelfahrten im antiken Umfeld einfach Standard waren für religiöse Leuchtfiguren.

Das zeitweise Auslöschen des Osterlichtes ist ein symbolhaftes Ernstnehmen der Trauer, die in ihrem Wesen ein langer und wechselhafter Weg ist voller widerstreitender Emotionen, Höhen und Tiefen.

In unserem Kirchenjahr haben wir sie gut abgegrenzt. Rituell getrauert und geklagt wird in der Passionszeit und vor allem in den Tagen rund um Karfreitag. Ostersonntag, dann, hat das Leben schon den Tod besiegt. Breitet sich die Nachricht von der Auferstehung unaufhaltsam aus und entflammt Menschen für die Botschaft des in Jesus Mensch gewordenen Gottes.

Die Himmelfahrt Jesu ist in diesem großen Konzert der Siegesbotschaften nur noch ein weitere Bestätigung der Göttlichkeit Jesu, dessen Herrschaftsbereich sich von nun an über Erde und Himmel erstrecken wird. Aus solcher Perspektive heraus sind Himmelfahrt und schließlich Pfingsten als fröhlich-optimistische Gottesdienste und Gemeindefeste zu begehen. - Und das Osterlicht hat natürlich anzubleiben. Es wäre ein Zeichen von Kleinglauben, die Kerze auszulöschen!

Doch wer selber einmal wirklich getrauert hat, weiß, wieviel schwerer, kurvenreicher und länger der Weg aus tiefer Verzweiflung und der Erfahrung schwersten Verlustes hin zurück ins Leben ist. Es ist oft wie ein eigenes Tod-Sein, ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit und Hoffnungslosigkeit. Ein Taubsein für alles Lebendige, Schöne. Keine Idee, wie das Leben sich neu gestalten könnte. Ein Verlöschen allen Lichtes.

Die Psalmbeter und -beterinnen kannten diese Verzweiflung. „Tag und Nacht schreie ich vor dir, Gott. Mit Leid ist meine Seele gesättigt, mein Leben berührt die Totenwelt. Mein Auge erlischt vor Elend...“ So heißt es im 88. Psalm. Von diesem verzweifelten, unerhörten Schreien ist im 27. Psalm, dessen siebter Vers im Lateinischen unserem Sonntag den Namen gegeben hat, Exaudi - „erhöre mich!“, nur noch wenig zu spüren. Hier ist die Verlorenheit schon fest eingebettet in unerschütterliches Gottvertrauen.

Doch so einfach funktioniert das nicht. Jedenfalls nicht bei mir und auch nicht bei vielen anderen Menschen, die ich kenne und begleite.

Deshalb fühle ich mich der erloschenen Kerze heute näher als allem oberflächlichem Optimismus und Gottvertrauen. Möchte mich hineinversetzen in jene zweite Verlusterfahrung, die jene ersten Christen gemacht haben.

Es ist ein brutaler Schmerz, einen geliebten Menschen zu verlieren. Noch einschneidender, wenn es vor der Zeit passiert, die wir als angemessen für eine Lebensspanne halten: Jesus war bei seiner Kreuzigung ungefähr dreißig Jahre alt. Noch unfassbarer, weil es so ungerecht ist. Dass ein Unschuldiger, der die Gewaltlosigkeit gepredigt und gelebt hat, wie ein Schwerverbrecher hingerichtet wird. Gänzlich verstörend, dass Gott das zulässt!

Dann plötzlich das Gefühl, es ist nicht das Ende. Da ist eine ungeahnte Nähe und Verbundenheit zu jenem Gescheiterten. Neue Gemeinschaft und Lebendigkeit. Hoffnung und Freude sogar.

Und mit einem Schlag ist wieder alles weg. Eine Verlorenheit schlimmer noch als zum Zeitpunkt der Kreuzigung. Eine Achterbahn von Gefühlen: Von Wut, Depression, Lähmung, tiefster Ratlosigkeit.

Gibt es genügend Raum für solche Verzweiflung in unseren Gottesdiensten? Oder sind wir oberflächliche Vertröster, die den Schmerz der in ihren Seelen Aufgeriebenen nicht annähernd angemessen begleiten? Die unverzagt, Jesu „Fürchtet euch nicht!“in die Welt predigen. Wie ein Pfeifen im Walde, das unsere Angst vertreiben soll. Und die Angst jener, die zu dünnhäutig sind, sich die bedrohlichen Nachrichten vom Leibe halten zu können.

Dabei gibt es tausend Gründe zu verzweifeln an dieser Welt: Die Bienen und Hummeln in unserem blühenden Garten kann ich in diesem Jahr fast an den Fingern einer Hand abzählen; Schmetterlinge gibt es gar nicht mehr; frustriert verzichte ich auf das Pflücken eines Feldblumenstraußes, weil ich den wenigen Einzelexemplaren, die ich noch an den einstmals üppigen Feldrändern finde, nicht auch noch den Garaus machen möchte.

Und die Treppe der Ängste hinauf: Die Kriegstreiberei des amerikanischen Präsidenten gegenüber dem Iran. Der Erfolg nationalistisch-populistischer Parteien rund um die Welt. Die riesigen Stimmengewinne der AfD in Ostdeutschland. …

Und zu all dem noch die Ungewissheit, wie es in unserer Gemeinde weitergehen wird, nachdem Dirk von Jutrczenka nun sozusagen in Himmelfahrtssprache ausgedrückt von der Remberti-Erde in den Olymp der Bremischen Evangelischen Kirche in der Holler Allee emporfahren wird.

Schaue ich auf die Fülle der Probleme, von denen ich nur wenige unmittelbar beeinflussen kann, dann kann ich mich des Gefühls von Ohnmacht und beklemmender Angst nicht erwehren. Da ist von pfingstlich geisterfülltem Optimismus nichts zu spüren. „Exaudi, Domine, vocem meam…!“ „Erhöre, Herr, meine Stimme…!“ mag mir dann in den Kopf kommen. Kindlich hilfloses Beten in tiefster Angewiesenheit.

Zu dumm nur: Auch diese Fähigkeit ist mir abhanden gekommen. In meinem rational naturwissenschaftlichen Verständnis der Welt entschwunden in den Himmel, wie einst Jesus seinen Jüngern. Da ist kein Vater-Gott, der es schon für uns richten wird, wenn wir nur inbrünstig genug beten und vertrauen.

Für mich ist Gott der Urgrund des Lebens. Und das Leben wird weitergehen, dessen bin ich mir gewiss. - Aber, ob mit uns Menschen oder ohne uns, dessen bin ich mir nicht sicher.

Das ist meine Zeit zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Viele Menschen haben Zeiten tiefster Not durchgemacht. Weitaus schlimmer als ich es je ermessen kann. Zeiten absoluten Ausgeliefertseins: In Konzentrationslagern, Kriegen und Naturkatastrophen.

In den letzten Jahrzehnten haben Forscher vor allem einen Blick auf jene Menschen geworfen, die nach solchen Erfahrungen trotz ihrer tiefen Traumatisierungen wieder ins Leben zurückgefunden haben. Die sozusagen das Pfingstufer erreicht haben.

„Resilienz“, Widerstandsfähigkeit, nennen sie diese Begabung. Hunderte Bücher gibt es mittlerweile zu diesem Thema. Sie beschreiben Fähigkeiten, die Kinder schon mit der Muttermilch einsaugen sollten, aber auch Fähigkeiten, die wir noch als Erwachsene erlernen und trainieren können, damit wir widerstandsfähig inmitten von Krisen werden.

Zu den gut belegten Resilienzfaktoren gehört zum Beispiel die Fähigkeit, regelmäßig positive Emotionen in sich zu wecken, Herausforderungen mit einer zuversichtlichen Erwartungshaltung anzunehmen und ein funktionierendes soziales Netzwerk aufzubauen, auf das man in schwierigen Lebenslagen zurückgreifen kann.

Nach der Diskussion zwischen Fachleuten hat das Thema nun auch den Markt der Selbsthilfeliteratur erreicht. Es ist wie ein Zauberwort. Wenn wir resilienter würden, könnten wir die größten Probleme überwinden. In Anlehnung an ein Psalmwort könnte man sagen: „Mit meiner Resilienz kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18,30).

Diese naive Machbarkeitsillusion hat nun allerdings auch Theologen bewogen, sich an der Fachdiskussion zu beteiligen. Sie weisen darauf hin, dass Resilienz nicht nur aus aktiven Bewältigungsstrategien besteht, sondern auch passive Fähigkeiten beinhaltet. Nämlich die Fähigkeit Ohnmacht und Angst auszuhalten. Das vielleicht stumme Entsetzen über den Zustand unserer Welt ist nicht unbedingt gleich ein teilnahmsloses Danebenstehen. Der sprach- und ratlose Schmerz ist im Nachhinein betrachtet häufig die Geburtsstunde neuer Kräfte und Ideen.

Wenn es von Gott heißt „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“, dann beschreibt das genau diese Erfahrung.

Der Schmetterling, welcher sich aus dem Kokon herauskämpft, ist nicht der unermütliche, optimistische Kämpfer. Bevor sich die Kraft in seinen Flügeln verteilt, die ihn Fliegen lässt, ist er tausendmal gestorben.

Wir sind wie jener Schmetterling. Noch mitten im Kokon gefangen. So verheißt es uns die Erfahrung unserer Mütter und Väter im Glauben.

„Werden wir wirklich wie jener Schmetterling sein?“, fragen wir uns, im Kokon unserer Riesenprobleme gefangen.

Und diesen Spagat gilt es auszuhalten und ihm Raum zu geben in unserer kirchlichen Praxis.

Warum nun aber dieser merkwürdige Predigttext von der Berufung Samuels?

Er gehört erst seit einem Jahr zu den empfohlenen Predigttexten der neuen Perikopenordnung. Aber er ist eine unverzichtbare Ergänzung zu der Bitte „erhöre uns, Gott“, die dem heutigen Sonntag Namen und Thema gab.

Wer Gott um sein Gehör bittet, sollte damit rechnen, dass Gott auch antwortet. Er und sie sollten damit rechnen, dass irgendwo da draußen oder tief in uns drinnen nicht nur Bedrohung und Verwirrung auf uns warten, sondern auch eine Stimme, die uns anspricht.

Die Propheten, von denen das Erste Testament berichtet, haben lange geübt, auf diese Stimme zu hören. - Vielleicht waren sie darauf trainiert, Gottes Stimme in außergewöhnlichen, übernatürlichen Erscheinungen zu hören, vielleicht auch im Rauschen des Windes oder des Flüsterns des Wassers.

Samuel und Eli machen die für sie verwirrende Erfahrung, dass Gott offenbar auch in sehr menschlicher Sprache zu uns sprechen kann, sonst hätte Samuel nicht geglaubt, Eli habe nach ihm gerufen, als Gott ihn ansprach. Auch Eli, der erfahrene spirituelle Lehrer ist zunächst von dem Geschehen überfordert. Weiterschlafen soll Samuel. Kräfte sammeln für sein Tagewerk. Schlafloses hin- und herwälzen bringt nichts. Doch schließlich erkennt Eli die Bedeutung des Moments: „Wenn du wieder die Stimme hörst“, empfiehlt er seinem Schüler, „dann sprich: ' Rede, denn dein Knecht hört.'“

Die Geschichte von Samuels Berufung gibt unserem letzten Sonntag in der Osterzeit sein zweites Standbein:

Zu der Bitte „Erhöre uns!“ kommt die Bitte „Sprich, Gott, wir hören.“ Beides gehört zusammen. Es ist eine Aufforderung an uns, aber auch die Beschreibung einer Erfahrung: Die Klage, das Aushalten von Ohnmacht und Angst, kann in dem Hören von Antworten münden. Stimmen, die wir vor der schmerzvollen Orientierungslosigkeit vielleicht nie gehört hätten.

Beides gehört zusammen: Das schmerzvolle Mitspüren mit der geschundenen Welt und die Bereitschaft mit allen Sinnen zu hören. Zu beidem verleihe Gott uns die Kraft.

Amen


Nun noch die beiden Geschichten, auf welche die Predigt Bezug nimmt:

Die Berufung Samuels (1. Sam 3,1-10)

1 Und zu der Zeit, als der Knabe Samuel dem Herrn diente unter Eli, war des Herrn Wort selten, und es gab kaum noch Offenbarung.

2 Und es begab sich zur selben Zeit, dass Eli lag an seinem Ort, und seine Augen fingen an, schwach zu werden, sodass er nicht mehr sehen konnte.

3 Die Lampe Gottes war noch nicht verloschen. Und Samuel hatte sich gelegt im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war.

4 Und der Herr rief Samuel. Er aber antwortete: Siehe, hier bin ich!,

5 und lief zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen; geh wieder hin und lege dich schlafen. Und er ging hin und legte sich schlafen.

6 Der Herr rief abermals: Samuel! Und Samuel stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen, mein Sohn; geh wieder hin und lege dich schlafen.

7 Aber Samuel kannte den Herrn noch nicht, und des Herrn Wort war ihm noch nicht offenbart.

8 Und der Herr rief Samuel wieder, zum dritten Mal. Und er stand auf und ging zu Eli und sprach: Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben rief.

9 Und Eli sprach zu Samuel: Geh wieder hin und lege dich schlafen; und wenn du gerufen wirst, so sprich: Rede, Herr, denn dein Knecht hört. Samuel ging hin und legte sich an seinen Ort.

10 Da kam der Herr und trat herzu und rief wie vorher: Samuel, Samuel! Und Samuel sprach: Rede, denn dein Knecht hört!

Der Schmetterling

Auf seinem Spaziergang entdeckte ein Mann in den Zweigen eines Baumes einen Kokon. Neugierig trat er näher und sah, dass sich ein kleines Loch aufgetan hatte, eine winzige Öffnung. „Welch ein Glück“, dachte er bei sich, „bei der Geburt eines Schmetterlings dabei sein zu können.“ Er vergaß die Zeit und alles um sich, während er dem faszinierenden Schauspiel der Natur folgte. Stunde um Stunde mühte sich der kleine Schmetterling ab, aus dem Kokon zu schlüpfen, aber es schien nicht zu gelingen. Die Öffnung hatte sich trotz der übermäßigen Anstrengungen kaum vergrößert, obwohl dieser immer wieder einen neuen Versuch unternahm. Und dann schien es, als hätte der Schmetterling aufgegeben. Nichts rührte sich mehr. Der Mann hatte den Eindruck, dass der kleine Schmetterling alles versucht hatte, was in seinen Kräften lag und nun völlig verausgabt war.

Er tat ihm zutiefst Leid. „Das arme Ding“, dachte der Mann bei sich, „es ist überfordert, es schafft es nicht!“ Also entschied der Mann zu helfen. Er holte sein Taschenmesser heraus und machte ganz vorsichtig einen Schnitt in den Kokon, sodass nun die Öffnung groß genug war, dass der Schmetterling bequem und ohne Anstrengung herausschlüpfen konnte.

Da war er nun endlich, der neugeborene Schmetterling, befreit aus dem engen Kokon. Der Mann fühlte sich glücklich und irgendwie auch stolz, da er ja der Geburtshelfer gewesen war. Doch fiel ihm auf, dass der Körper des Schmetterlings klein und verkrampft war, auch die Flügel waren wenig entwickelt und bewegten sich kaum. Geduldig wartete der Mann darauf, dass der Schmetterling jeden Augenblick seine Flügel ausbreiten und losfliegen würde. Doch nichts geschah, solange er auch ausharrte. Die Flügel waren zu schwach, um den Körper zu tragen. Der Schmetterling war nicht fähig zu fliegen und würde den Rest seiner Tage mit dem verunstalteten Körper und den wenig entwickelten Flügeln kriechend verbringen müssen.

Was der Mann in seiner wohlmeinenden Hilfsbereitschaft nicht verstanden und bedacht hatte, war die Sinnhaftigkeit der Vorkehrung der Natur. Die Anstrengung, durch das kleine Loch im Kokon zu schlüpfen war notwendig, damit sich die Körperflüssigkeit des Schmetterlings in die Flügel verteilte und diese kräftig genug würden, den Körper im Flug zu halten. Das war der Weg zu Wachstum und Entwicklung.

Ohne Beschwernisse und Anstrengungen im Leben können sich niemals jene Kräfte und Fähigkeiten im Leben entwickeln, die uns in die Lage versetzen, Begrenzungen zu überwinden und uns zu neuen Höhen emporzuschwingen.

Aus: „goldene Äpfel - Spiegelbilder des Lebens“ von Kambiz Poostchi


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