Veröffentlicht von Uli Bandt am So., 24. Mär. 2019 12:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 24.03.2019  Pastor Uli Bandt

Gewaltlosigkeit und Feindesliebe sind die wohl am häufigsten zitierten Prinzipien Jesu. - Und gleichzeitig die am wenigsten praktizierten.

Es gab Jahre, in denen wir in unseren Gottesdiensten und Predigten intensiv um die Frage gerungen haben, inwiefern diese Forderungen Jesu in der Bergpredigt auch in die Politik übertragbar wären. Ganz besonders intensiv nach dem NATO-Doppelbeschluss 1979, in dessen Folge in Westeuropa Pershing II – Raketen als Antwort auf die sowjetischen SS 20 – Raketen stationiert werden sollten.

Sind Sie damals mit auf die Straße gegangen?

Was für eine Erleichterung war es dann 1987, als im Dezember Ronald Reagan und Michail Gorbatschow den INF-Vertrag unterzeichneten, der die Vernichtung aller Kurz- und Mittelstreckenraketen sowie den Verzicht auf weitere Forschung und Produktion beinhaltete. Ohne diesen Vertrag und die damit einhergehende relative Entspannungsperiode wäre wohl eine friedliche Revolution, wie sie etwa eineinhalb Jahre später in der DDR stattfand, nicht denkbar gewesen.

Plötzlich hatten wir keinen Grund mehr auf die Straßen zu gehen. Waren mit anderen Dingen beschäftigt. Haben zu Ostern wieder Ostereier gesucht, anstatt an Demos teilzunehmen. Hatten die Ostermärsche 1983 noch circa 700.000 Teilnehmer, so waren es im vergangenen Jahr deutschlandweit gerade noch ein paar zehntausend.

Doch nun ist der INF-Vertrag zu Makulatur geworden. Es werden neue Raketen gebaut und bald wird auch wieder die Frage im Raum stehen, ob diese Raketen auch auf deutschem Territorium stationiert werden.

Dies alles ist eine unglaublich komplizierte Materie. Wer bedroht hier wen? Wie berechtigt sind die Forderungen nach abschreckender Aufrüstung? Dürfen wir als Laien uns überhaupt eine Meinung bilden und die Kirchen sich über solch politische Fragen äußern? Und das womöglich noch mit dem Hinweis auf das Gebot der Feindesliebe?

Es ist ein verwirrend aktueller Kontext, in dem der heutige Predigttext aus der Bergpredigt steht.

„Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.“ (V.43) So beginnt er…

Die einleitende Formel: „Ihr habt gehört, dass gesagt wurde...“ dient im rabbinischen Sprachgebrauch stets zur Einleitung eines Gotteswortes aus der Tora. Doch was dann folgt, ist nur noch ein verstümmeltes Zitat aus dem hebräischen Nächstenliebegebot in Levitikus 19,18: „Räche dich nicht an deinem Mitmenschen und trage niemand etwas nach. Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Ich bin der Herr!“ Nichts steht dort von einem Gebot den Feind zu hassen. Dafür fehlen aber im Text der Bergpredigt wesentliche Aussagen, nämlich das „wie dich selbst“ und die Schlussformel „Ich bin der Herr!“.

Es ist fast undenkbar, dass Jesus einerseits in Matthäus 5,17 zitiert wird mit den Worten „Bis Himmel und Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota von der Tora vergehen“, er dann aber andererseits so unachtsam mit seiner Heiligen Schrift umgegangen sein sollte.

Ganz offenbar hat ein griechischer Redaktor den ursprünglichen Worten Jesu eine antijüdische Tendenz gegeben. Mit furchtbaren Nachwirkungen, weil der Text nicht selten als Fundament verwendet wurde für das Klischee, das die jüdischen Glaubensgeschwister als rachsüchtig und selbstbezogen hinstellt, die Christen jedoch in ihrer Nächsten- und Feindesliebe als die Spitze der religiösen Evolution.

Doch studiert man die jüdische Tora und die rabbinischen Auslegungen, so kommt man nicht umhin festzustellen, dass die „Erfindung“ der Feindesliebe nicht auf Jesus zurückzuführen ist. Er steht in guter jüdisch-rabbinischer Tradition, wenn er das sogenannte Heiligkeitsgesetz aus dem Buch Leviticus (dem 3. Buch Mose) (19,9-18) zitiert. Nur dass er den Begriff des „Mitmenschen“, von Luther als „Nehster“ übersetzt, zuspitzt auf den ganz Anderen, den uns Fremden, Verunsichernden, Fernen, - eben den „Feind“.

Und doch ist selbst schon diese Zuspitzung im hebräischen Wort für Mitmensch re'a der Fremdling mit eingeschlossen. Auf die Frage „Wer ist mein re'a, mein Nächster“, die Lukas einem Schriftgelehrten in den Mund legt, „antworten die Rabbiner gut jüdisch mit einer Gegenfrage: Warum schuf Gott nur einen Adam? Und sie antworten: um des Völkerfriedens willen – denn nun kann kein Adamskind zu seinem Nachbarn sagen: Mein Blut fließt röter (oder: blauer) in den Adern als deines! Auf dass kein Hochmut oder Rassendünkel aufkomme, hat uns der Schöpfer einen gemeinsamen Stammvater gegeben. … Aus dieser gottgewollten Gleichheit aller menschlichen Anfänge … fließt nicht nur die Demokratie der globalen Gleichberechtigungund die pluralistische Glaubensfreiheit im Judentum, sondern nicht zuletzt der gleiche Heilsanspruch aller Gotteskinder.“ (PL Die Bergpredigt 84f)

Jeder Mitmensch, egal wie weit oder fern, ist nach dem Zeugnis der Tora zu lieben. Eine Einschränkung der Nächstenliebe, wie Paulus sie im Galaterbrief empfiehlt: „Lasset uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an den Glaubensgenossen!“ (6,10) würde Jesus gewiss nicht gebilligt haben.

Gerade der Mitmensch in seinem gottgewollten Anderssein ist es, der uns zu wahrem Menschsein verhelfen kann. Nach Gottes Willen können wir wahre Menschen nur zu zweit werden, im Teilen und Mitteilen jener Liebe, die Gott uns eingestiftet hat. Wir sind im tiefsten Kern keine Einzelwesen, sondern dialogische Geschöpfe, die einen Mitmenschen brauchen, um unser keimhaftes Menschsein zur vollen Blüte zu bringen. „Unvergänglich eingemeißelt steht im Schöpfungsplan, dass jedes Ich sein Du benötigt, um an ihm zu wachsen, heranzureifen und mündig in seinem Menschsein zu werden.“ (PL 86)

Auch wenn der andere uns in seinem Andersein als Gegner begegnet, emtbindet diese Tatsache uns nicht von unserer Liebespflicht. „Denn wenn du deinem Gegner zum Gegner wirst, so gibst du dein Bestes auf, nur um dir das Ärgste des Anderen zu eigen zu machen.“ (86)

Wenn Jesus fordert, wir sollten unsere Feinde zu lieben, dann steht er damit fest in seiner jüdischen Glaubenstradition und spitzt sie allein durch den Begriff der Feindesliebe zu.

Für die Behauptung, man solle seinen Feind hassen, gibt es in der jüdischen Bibel keinerlei Belege. Die meisten Ausleger halten diesen Satzteil für antijüdische Polemik.

Wenn nun aber „Schadenfreude, Feindeshass und Vergeltung des Bösen mit Bösem“ schon im Judentum nachdrücklich verboten sind, während Großmut und Liebesdienste für den Feind in der Not geboten werden, wie ernst müssen wir dann die Zuspitzung dieser Gebote zur Feindesliebe als moralisches Prinzip nehmen?

Martin Luther zum Beispiel hielt die Feindesliebe grundsätzlich fü unerfüllbar und beschränkte ihre Geltung allein auf den persönlichen Bereich der Christen. Die Obrigkeit sei von dem Gebot des Gewaltverzichts befreit. Im Falle eines Verteidigungskrieges sei „es christlich und ein Werk der Liebe, unter den Feinden unverzagt zu würgen, zu rauben und zu brennen und alles zu tun, was Schaden bringt, bis man sie überwindet...“ (Von weltlicher Obrigkeit und Wieweit man ihr Gehorsam schuldig sei.) Aber ob auch Jesus das so gesehen hat?

Lapide weist darauf hin, dass Jesus eher alltagsnah sehr praktische Liebeserweise gefordert hat: Krankenbesuche, Trauernde zu trösten oder Gefangene zu besuchen, liegt es nah, dass er auch hinsichtlich der Feindesliebe keine schwärmerischen Vorstellungen gehabt hat. Er hat seine Gegner nicht Feinde genannt, sondern „Hasser“ (Lk 6,27). Ein Feind ist im allgemeinen Sprachgebrauch immer ein Feind. Ein Hasser hingegen „ist ein Mensch, der dich gestern gehasst hat, und heute noch immer hasst; der es aber morgen keineswegs tun muss – wenn du nur den Weg zu seinem Herzen findest.“ (101)

Feindesliebe heißt nicht, sich dem Gegner zu unterwerfen, sondern ihn aus seiner Rolle zu bringen. Ihn zu entfeinden.

Das geschieht sinnvoller Weise zuerst in meiner eigenen Sichtweise, indem ich den Feind und Hasser nicht auf diese Rolle reduziere, sondern ihn als Geschöpf Gottes sehe, der die gleichen Grundbedürfnisse nach Respekt und Wertschätzung hat.

„Alles was ihr wollt, dass die anderen euch tun, das tut auch ihnen.“ (Mt 7,12), heißt es ganz proaktiv in der sogenannten Goldenen Regel gegen Ende der Bergpredigt.

Feindesliebe bedeutet keine altruistische Selbstverleugnung, sondern die Wahrung der eigenen Interessen durch die Wahrung der Interessen meines (heute noch) Gegners.

Carl Friedrich von Weizsäcker prägte 1980 den Begriff der „Intelligenten Feindesliebe“, mit der er mitten in der Zeit des Kalten Krieges deutlich machte, dass Sicherheit nur mit dem Gegner (damals die Sowjetunion) und nicht gegen ihn zu erreichen ist. Wir werden nur gemeinsam oder gar nicht überleben.

Und das stimmt auch heute noch. Im Hinblick auf Russland, auf die Taliban in Afghanistan, wie auch auf die vielen anderen Feinde, von denen wir unsere Werte bedroht sehen.

Gehen wir nun Ostern wieder auf die Straße? Das sei Ihnen selber überlassen. Aber wir sollten uns als Christen, Gemeinde und Kirche nicht den Mund verbieten lassen, in der Nachfolge Jesu auf das Gebot intelligenten Feindesliebe hinzuweisen, die nicht danach fragt, wie ich dem Anderen maximalen Schaden androhen kann, sondern mit ihm einen Interessenausgleich finde. So kompliziert und unüberschaubar die politische, wirtschaftliche und militärische Gemengelage auch sein mag, wir können und müssen mit gutem Gewissen eine Stärkung der zivilen Konfliktforschung gegenüber neuen Rüstungsprojekten fordern.

Wenn die CDU-Führung die Anschaffung eines neuen Flugzeugträgers für 10 Milliarden Euro erwägt, sollten wir fordern, dass diese Mittel in die Förderung gewaltfreier Konfliktbearbeitung investiert werden.

Ein kleines Beispiel für solche Arbeit ist das Engagement des ehemaligen Bundeswehroffiziers Reinhard Erös, der mit einer privaten Kinderhilfe-Organisation seit 2002 29 Schulen, eine Berufsschule, eine Mutter-Kind-Klinik und zahlreiche andere Projekte in von den Taliban beherrschten Gebieten gegründet hat. In den Schulen werden vormittags Jungs, nachmittags Mädchen und abends Erwachsene unterrichtet. Erös einzige Bedingung für die Unterstützung der Schulen ist, dass dort auch Mädchen unterrichtet werden. Manchmal können die Stammesführer sich nicht dazu entscheiden. - Doch 29 Mal taten sie es...

Auch wenn wir selber solches Engagement nicht leisten können. Wir können es unterstüzten, uns informieren, wir können beten, wir können unseren Geist und unser Tun ausrichten auf solche Möglichkeiten. Uns selber entfeinden.

Amen

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