Veröffentlicht von Uli Bandt am So., 17. Feb. 2019 12:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 17.02.2019
Pastor Uli Bandt

Haben Sie schon einmal gehasst? Einem Menschen, einer Menschengruppe, einem Unternehmen oder einer Institution von Herzen die Vernichtung oder das denkbar Schlechteste gewünscht?

Ich kenne dieses Gefühl, obwohl man mir nachsagt, ich sei ein eher ausgleichender Mensch. Vor gut zehn Jahren bin ich einem Unternehmen auf den Leim gegangen, das mich letztlich um mehrere tausend Euro betrogen hat. Es ging nicht etwa um Geldanlagen, sondern um die Erstellung einer Homepage für meine damalige Beratungspraxis.

Das System war so ausgefeilt, dass ich mich letztlich sogar noch verpflichten musste, Stillschweigen zu bewahren über den Namen des betreffenden Unternehmens und die Details des Vertrages, bei Androhung von hohen Strafzahlungen im Falle von Zuwiderhandlungen.

Es war die bisher größte Demütigung in meinem Leben und die gravierendste Erfahrung von Hass. Ja, ich habe in jener Zeit viel gelernt über das Hassen. Wochenlang habe ich fast ununterbrochen darüber nachgedacht, wie ich dieses Unternehmen zerstören könnte. Das reichte von Gerichtsprozessen bis hin zu Gewaltphantasien.

Dabei haben jene sich ganz bestimmt nicht als Verbrecher gefühlt. Sie waren clevere Unternehmer, die ihr Produkt im Rahmen eines geschickten Vertragswerkes anboten. Man konnte es annehmen oder eben nicht. - Und ich hatte es angenommen. Hatte sogar meine Frau zur Unterschrift überredet, obwohl sie grundlegend misstrauisch war. Ich war überzeugt, wir könnten unterschreiben, uns dann beraten lassen und innerhalb von 24 Stunden widerrufen. Aber so etwas gilt nur für Privatpersonen, nicht für Unternehmer. Und in diesem Falle hatten wir beide in unserem beruflichen Kontext als Selbständige unterschrieben.

Binnen weniger Stunden zerbrach meine Selbstsicherheit. Ich hatte den bis dahin größten Fehler meines Lebens begangen. Meine Rolle als überlegener Welterklärer meiner Frau gegenüber zerbröselte ins Nichts. Mit einem Male war ich nackt und verletzlich.

All meine Scham, Gebrochenheit, Verunsicherung in meinem Selbstbild, mein zerbrochener Stolz, meine Hilflosigkeit plötzlich nicht mehr zu wissen, wie es weitergehen wird; all meine Ohnmacht flossen in jenes Hassgefühl.

Mein Erlebnis mag auf der Skala der Erfahrungen, die Hass erzeugen können, sich eher im niedrigen Bereich bewegen. Fast belanglos gegenüber unmenschlichen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen. Deshalb will ich meine Erkenntnis auch nicht generalisieren. Doch ich halte sie mindestens für bedenkenswert.

Mein Hass speiste sich in seiner überwältigenden Wucht vor allem aus der Enttäuschung über mich selber. Aus einem selbstbewussten Welterklärer war ein gescheitertes Häufchen Elend geworden, das darauf angewiesen war, dass andere jetzt nicht auch noch das letzte Fünkchen Lebensmut in mir zertrampelten.

Meine Frau ist großartig mit der Situation umgegangen. Obwohl sie allen Grund gehabt hätte, wütend auf mich zu sein, hat sie mich nie bloßgestellt. Nie hat sie darauf beharrt, Recht gehabt zu haben. Und im Rückblick wird mir deutlich, dass mein persönlicher Tiefpunkt eine Sternstunde in unserer Beziehung war.

Doch darüber hinaus verbindet sich mit meiner Krise auch die bisher tiefste spirituelle Erfahrung. Nachdem ich nächtelang wach gelegen hatte, von fruchtlosem Grübeln und Hassen innerlich zerfressen, stand ich eines morgens um halb vier schließlich kurzentschlossen auf, nahm mir eine Decke, hüllte mich darin ein und setzte mich im kalten und dunklen Wohnzimmer auf meine Meditationsbank, entschlossen mich allem, was da in mir aufsteigen würde, zu stellen. Wie Zwiebelsschalen lösten sich meine Gefühle und differenzierten sich. Unter dem Hass kam die brennende Scham zum Vorschein, die Gefühle der Ohnmacht und der Hilflosigkeit.

Aber dann, es war gar nicht lang, vielleicht eine halbe Stunde, plötzlich das Gefühl einer großen inneren Ruhe. Eine Sicherheit und Geborgenheit, wie ich sie schon wochenlang nicht mehr gespürt hatte.

Mit der Erfahrung von Sabine Müllers Vortrag über Etty Hillesum würde ich sagen: Ich hatte meinen Brunnen freigelegt. Vor drei Wochen hatten wir sie ja schon im Gottesdienst zitiert, doch ich tu's jetzt einfach noch einmal: „In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden….Die einzige Gewissheit, wie du leben sollst und was du tun musst, kann nur aus dem Brunnen aufsteigen, der aus deiner eigenen Tiefe quillt.“

Seit jenem Morgen im dunklen Wohnzimmer hat meine intellektuelle Einsicht, Gott sei in seinem Wesen Liebe, ein festes existentielles Fundament erhalten.

Unter all unseren Häutungen ist im tiefsten Kern der Urquell allen Lebens, kraftvolle, nicht versiegende Liebe.

Und sie ist nicht nur in uns. Sie ist in einem jeden Menschen. Egal, welcher Religion er angehört oder welches Geschäftsmodell er vertritt.

Aus diesem Grunde liebe ich den vorhin in der ersten Lesung zitierten Text aus dem 1. Johannesbrief im 4. Kapitel. Manchmal wird er sogar als Tauf- oder Konfirmationsspruch gewählt: „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“

Und dass wir Gott nicht aus Furcht lieben sollen, sondern aus dem Bedürfnis heraus, die von ihm oder ihr empfangene Liebe in unserem Leben weiterzugeben.

Im Bild von Etty Hillesum würde das heißen, wenn es uns gelingt unseren Brunnen frei von allen möglichen Verschüttungen zu halten, dann wird das daraus sprudelnde Wasser nicht nur unsere Seele erfrischen.

Und dann noch diese Stelle, dass jemand, der von sich behauptet, Gott zu lieben, auch seine Schwestern und Brüder lieben müsste.

Das ist christliche Prosa vom Feinsten. Seelenbalsam. Und doch so weltfremd wie nur irgend etwas.

Und das scheinen auch die Briefschreiber damals gespürt zu haben: Fast im selben Atemzuge, in dem sie die Geschwisterliebe predigen, verdammen sie den Kontakt zu Andersgläubigen. In diesem Falle übrigens sind die „falschen Propheten“ und „Antichristen“ nicht etwa Satanisten oder Menschen, die heidnischen Kulten angehören. Nein. Es sind Christen, die sich ernsthaft gefragt haben, wie man sich denn das Verhältnis von Gott und seinem Sohn Jesus vorstellen kann. Es sind Fragen, die auch wir uns heute noch stellen. Wenn man denn sagt, dass Gott in Jesus Mensch geworden ist, wieviel Mensch und wieviel Gott war in Jesus? Wie kann Gott am Kreuz sterben und gleichzeitig Jesus wieder auferwecken? Tausend, sehr nachvollziehbare Fragen.

Jene in den Johannesbriefen Verdammten, hatten eine eigene Erklärung, die offenbar damals viele Menschen überzeugte. Sie waren sogenannte Doketisten, vom griechischen „dokein“ (scheinen) abgeleitet. Sie versuchten die eben benannten Probleme so zu lösen, dass sie sich vorstellten, Gott sei im geistigen Wesen Jesu präsent gewesen, aber nie in der materiellen Gestalt. Jesus habe nur einen Scheinleib gehabt. Es gab auch die Überlegung, dass Gott im Moment der Taufe Jesu in ihn hineingefahren sei (Lukas 3,22 „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“) und ihn kurz vor dem Todeszeitpunkt wieder verlassen habe (und deshalb Jesus am Kreuz spricht: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“). Wie auch immer man diese Überlegungen betrachtet. Sie waren ernsthafte theologisch-philosophische Lösungsversuche und machen deutlich wie vielfältig vom ersten Zeitpunkt an die Traditionen der christlichen Gemeinden waren.

Soll sich Gottes Liebe nun tatsächlich nur in unserer Hinwendung zu den Menschen zeigen, die das Gleiche glauben wie wir? Man könnte freilich sagen, selbst das ist schon schwierig und eine große Aufgabe.

Existiert das Christentum auch 2000 Jahre nach Jesus noch, weil sich eine dominierende Tradition durchgesetzt hat? Oder gibt es heute das Christentum noch, weil es allen Kämpfen und binnenchristlichen Streitereien zum Trotz seine Pluralität bewahrt hat?

Hat das Christentum nur dann eine Zukunft, wenn endlich alle Gläubigen sich zum einzig wahren Glauben evangelikaler Fundamentalisten bekennen oder liegt unsere Chance in der Einheit in der Vielfalt?

Ich bin von letzterem überzeugt. Die Bibel und gerade die Evangelien und Briefe im Zweiten Testament sind ein Zeugnis nicht vom einzig richtigen Glauben, sondern dem staunenden Suchen nach der Quelle unseres Lebens. Sie sind sehr menschliche Zeugnisse davon, dass es uns manchmal gelingt, die Steine im Brunnen fortzuräumen und das Wasser zum Sprudeln zu bringen. Und manchmal davon, dass wir im besten Bemühen und Gewissen Steine in den Brunnen werfen. Der Abstand zwischen beiden ist manchmal nur ein paar Verse weit.

Müssen wir nun alle lieben? Es wäre wohl in Jesu Sinn, wenn wir ganz im Kleinen beginnen. In unserem kleinen konkreten Umfeld.

Ja, eigentlich sogar zuerst bei uns selbst. Mit dem Entdecken und der Pflege des Brunnens in uns selbst. Alles weitere wird sich dann schon ergeben.

Amen

Ich bin damals übrigens zu einem Rechtsanwalt gegangen. Er war mir empfohlen worden, obwohl ich schon ahnte, dass ich mich mit meinem Anliegen lieber an eine jüngere Fachkraft wenden sollte, die sich mit Internetrecht auskennt. Das war bei seinem Alter nicht zu erwarten.

„Überlegen Sie sich genau, was Sie wollen“, hat er mir gesagt. „Sie können den Prozess vielleicht gewinnen. Das kann sich drei Jahre hinziehen. In dieser Zeit werden Sie ständig mit Ihrem Kampf beschäftigt sein. Sie können jetzt aber auch loslassen, das Geld bezahlen und Ihre Kraft in den Aufbau Ihrer Praxis stecken.“

Ich habe losgelassen.

Und war befreit und voller neuer Kraft.


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