Veröffentlicht von Uli Bandt am So., 27. Jan. 2019 00:00 Uhr

Dialogpredigt in St. Remberti am 27.01.2019 (Auschwitzgedenksonntag)
Dipl.Psych. Sabine Müller & Pastor Uli Bandt

Uli Bandt: Was ist bloß los mit den Menschen?

Mir passiert es zunehmend, dass ich schlaflos über den Zustand unserer Welt grübele.Vor 20 Jahren war die Welt auch nicht ideal, aber ich war viel hoffnungsvoller, dass die Menschheit sich tatsächlich zum Guten hin entwickelt. Heute begegnet mir im Kleinen wie im Großen so viel Engstirnigkeit, als wären die Menschen einer Gehirnwäsche unterzogen worden! Sie glauben plötzlich an die offensichtlichsten Lügen, die uns weis machen wollen, wir könnten ewig weiter so verschwenderisch leben wie bisher. Sollen die Menschen, die die Folgen unseres Lebensstils erleiden, sich doch um sich selber kümmern. Jeder ist sich selbst der Nächste! Wenn im Mittelmeer Migranten ertrinken, sagen sie: „Selber schuld! Wie kann man auch so blöd sein, mit fünfzig anderen in ein kleines Schlauchboot zu steigen!“ So viel egoistisch – nationalistisches Denken! Solch ein unvorstellbar großes Maß an Herzlosigkeit und Gleichgültigkeit!

Waren die Menschen schon immer so und ich habe es einfach nicht gemerkt?

Sabine Müller: Wir erinnern heute an Auschwitz. Also neu ist es nicht, dass Mitgefühl verloren geht. Wir Menschen können uns abspalten von den anderen, von unserer Umgebung, obwohl wir doch verbunden sind. Wir haben das Potential zu beidem: zum Guten und zur Gleichgültigkeit.

U.B.: Wenn das so ist, müsste man doch eigentlich auch sagen können, was das eine oder andere befördert?

S.M.: Du hättest gerne Antworten, möchtest Lösungen...

U.B.: Ja, natürlich! Dazu habe ich dich heute hierher geholt!

S.M.: Ich habe keine Lösung, nur eine Übung. Von Bernie Glassman, der die Meditationswochen in Auschwitz begründete, die dort seit 24 Jahren stattfinden habe ich gelernt, es geschieht in unserem Geist. Wir bilden immerzu Clubs, zu denen wir uns zugehörig fühlen wollen und definieren, wer dazu gehört und wer nicht. Wir bilden Grenzen, schließen andere aus. Das ist der Anfang. Wir brauchen die anderen, damit wir uns in unserem Club zuhause fühlen. Wir machen die anderen zu Anderen.

U.B.: Vielleicht ist das ja eine menschliche Grundbedingung, sich einer Gruppe Artverwandter zugehörig fühlen zu müssen. So wie es in einem Spruch heißt: „Wer für alle offen ist, ist nicht ganz dicht.“

S.M.: Ja, wir suchen Zugehörigkeit. Der Schatten davon ist die Gefahr der Ausgrenzung. Je nachdem, wie hart und undurchlässig unsere Grenzen sind, nehmen wir die Anderen gar nicht mehr wahr. Wir treffen Entscheidungen über Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit. Das ist eine Art von Selektion.

U.B.: Während du das gerade erzählst, merke ich, dass es nicht immer nur die anderen sind, die aussondern. Ich zum Beispiel wünsche mir schon lange für Deutschland ein Einwanderungsgesetz, in dem klare Regeln festgeschrieben sind, wie Menschen aus anderen Ländern nach Deutschland kommen können. Das würde viel Willkür beenden und es gewiss vielen Menschen leichter machen in unser Land zu kommen und hier Arbeit finden zu können. Aber es würde natürlich zugleich auch wieder andere aussortieren. Ein Einwanderungsgesetz entscheidet ja sehr wesentlich danach, wer uns nützlich sein könnte und wer nicht.

S.M.: Ja. Es geht wohl um die Motivation, warum ich mich so entscheide wie ich mich entscheide. Ob ich mich dabei einer Ethik verpflichtet weiß. Und wach und wachsam zu sein, mitzubekommen, welche Grenzen ich aus welchem Anliegen setze und was diese Entscheidungen für andere bedeutet.

U.B.: Lassen wir es damit erst einmal bewenden zum Thema „Mensch“. Wir wollten ja auch noch über Gott sprechen, denn Auschwitz hat ja das theologische Denken grundlegend erschüttert. Wie könnte man danach noch von einem allmächtigen Gott im herkömmlichen Sinne sprechen! Ein Rabbi hat einmal sinngemäß gesagt: Nach Auschwitz könne es auch in der Theologie keine Endlösungen mehr geben.

Das bewegt mich sehr. Wir kommen nicht drum herum, dass gerade das Christentum den Judenhass begründet hat. Wir haben den Juden Jesus seinem Volk entrissen. Ihn zum ersten Christen gemacht und die Juden zu Verrätern abgestempelt.

Unser Absolutheitsanspruch war und ist so etwas wie eine vorweggenommene theologische Endlösung.

Ich kann Agnostiker gut verstehen, die die großen Religionen für die Feindschaft zwischen den Menschen verantwortlich machen, weil sie sich häufig auf exklusive Offenbarungen gründen und ihre Überzeugungen absolut setzen.

- In dieser Hinsicht nun hat mich dein Vortrag über Etty Hillesum sehr berührt gebracht. Sie hat angesichts unvorstellbarem Leiden eine tiefe Gottesbeziehung entwickelt, ohne jemals religiös sozialisiert worden zu sein. Weder jüdisch noch christlich.

S.M.: Etty Hillesum, eine junge holländische Jüdin, schrieb von 1941 bis 1943 Tagebuch. Sie wurde mit 29 Jahren in Auschwitz ermordet. Mitten im Holocaust entdeckte sie das, was sie „Hineinhorchen“ nannte. Sie meditierte, betete und schrieb darüber, mitten im überfüllten, schlammigen Lager Westerbork. Sie nannte Gott „das Tiefste und Wesentlichste in mir“. Darin fand sie die Kraft, „mich leiten zu lassen, nicht von dem, was von außen auf mich zukommt, sondern was innerlich in mir aufsteigt.“ Ihre Gottesbeziehung war frei von Tradition und institutioneller Religion.

Gott beschreibt sie als Brunnen: „In mir gibt es einen ganz tiefen Brunnen. Und darin ist Gott. Manchmal ist er für mich erreichbar. Aber oft liegen Steine und Geröll auf dem Brunnen und dann ist Gott begraben. Dann muss er wieder ausgegraben werden….Die einzige Gewissheit, wie du leben sollst und was du tun musst, kann nur aus dem Brunnen aufsteigen, der aus deiner eigenen Tiefe quillt.“

Diesen Gott erkannte sie auch als verletzlich, er kann verloren gehen. Sie sieht ihre Verantwortung, für Gott zu sorgen: „Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst du auch nicht viel ändern zu können.“

U.B.: Mir ist ein Zitat von ihr in Erinnerung geblieben, in dem sie sagt, sie sei manchmal „gefühls-inkontingent“ und wolle lernen die Gefühle bei sich halten zu können, weil sonst der Brunnen wieder zugeschüttet wird. Da habe ich mich ertappt gefühlt, weil auch ich mich oft von starken Gefühlen, wie Wut, Ohnmacht oder Verzweiflung, aber manchmal auch von aufreibendem Aktionismus fortschwemmen lasse. Dann würde auch mir es gut tun in die Stille zu gehen.

S.M.: Ja auch dies lehrt Auschwitz: Schweigen als angemessene Antwort. Papst Franziskus sprach bei seinem Besuch in Auschwitz kein Wort. Er schwieg, ging herum, setzte sich und betete.

U.B.: Manchmal kann Schweigen ein machtvolles Zeichen sein.

Wenige Tage nach der Pogromnacht vom 9./10. November 1938 begann Helmut Gollwitzer seine Predigt in Berlin-Dahlem mit folgenden Worten:

„Liebe Gemeinde!

Wer soll denn heute noch predigen? Wer soll denn heute noch Buße predigen? Ist uns nicht allen der Mund gestopft an diesem Tage? Können wir heute noch etwas anderes, als nur schweigen? Was hat nun uns und unserem Volk und unserer Kirche all das Predigen und Predigthören genützt, die ganzen Jahre und Jahrhunderte lang, als dass wir nun da angelangt sind, wo wir heute stehen, als dass wir heute haben so hereinkommen müssen, wie wir hereingekommen sind? [...] Was muten wir Gott zu, wenn wir jetzt zu ihm kommen und singen und die Bibel lesen, beten, predigen, unsere Sünden bekennen, so, als sei damit zu rechnen, dass er noch da ist und nicht nur ein leerer Religionsbetrieb abläuft! Ekeln muss es ihn doch vor unserer Dreistigkeit und Vermessenheit. Warum schweigen wir nicht wenigstens?“

S.M.: „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden“, sagt Jehuda Bacon, der israelische Künstler und Auschwitz-Überlebende. Wir müssen uns entscheiden, wann wir schweigen und wann wir handeln, wann wir nach innen schauen und wann wir aufstehen, ob und welche Grenzen wir setzen. Wir müssen uns entscheiden, solange wir leben.

U.B.: Dann ist Gleichgültigkeit so etwas wie die Feigheit vor der Entscheidung. Du zitierst doch so gerne Elie Wiesel...

S.M.: Elie Wiesel sagt: „Das Gegenteil von Liebe, von Hinwendung ist nicht Hass sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Schönheit ist nicht Hässlichkeit sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Leben ist nicht Tod, sondern Gleichgültigkeit gegenüber Leben und Tod. Es ist die Gleichgültigkeit, die uns Menschen unmenschlich werden lässt.“

U.B.: Vielleicht ist das der entscheidende Punkt heute: Dass wir unsere Illusion aufgeben, wir könnten unsere Lebendigkeit bewahren, wenn wir abstumpfen, gleichgültig werden, immer mehr in Distanz gehen. Das führt nicht zu mehr Lebendigkeit, es ist ein Absterben mitten im Leben.

Und dass wir lernen, der Erfahrung von Menschen wie Etty Hillesum vertrauen: Dass, wenn wir unser Herz, unsere Augen und Ohren offen halten, wir nicht im Schmerz verloren gehen, sondern die Erfahrung von Lebendigkeit, von innerer Tiefe und Halt machen können. Und Gott neu entdecken, Gott in uns, Gott in allem und allen.

S.M.: Amen

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