Veröffentlicht am So., 24. Feb. 2019 12:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 24. Februar 2019
Pastor Dirk von Jutrczenka

Als sie das Kreuz im Wasser treiben sieht, springt sie hinein, ganz spontan, in voller Bekleidung. Sie muss nur einmal untertauchen, schon hat sie es in der Hand, triumphierend hält sie es für alle sichtbar hoch, pitschnass und prustend. Sie hat das Kreuz. Doch es dauert nicht lange, schon reißen es ihr die jungen Männer aus der Hand, sie johlen und feixen. Petrunia schaut erwartungsvoll zu den Priestern und Mönchen auf, die auf der Brücke stehen und das Treiben im Wasser beobachten. Gebt das Kreuz zurück!, ruft der Priester den tobenden Jungs zu, aber die scheren sich nicht darum. Also muss sie selbst es sich zurückholen. In einem günstigen Moment schnappt sie zu, entwindet sich ihren Verfolgern und läuft mit dem Kreuz davon.
Bei der Berlinale, den Internationalen Filmfestspielen in Berlin, hat der mazedonische Film „Gott existiert, sie heißt Petrunia“ gerade den Preis der Ökumenischen Jury gewonnen. Erzählt wird darin die Geschichte der 32jährigen arbeitslosen Historikerin Petrunia, die nach einem weiteren erfolglosen und entwürdigenden Bewerbungsgespräch eher zufällig einen traditionellen Brauch aufmischt, bei dem junge Männer am Dreikönigstag ins eiskalte Flusswasser springen, um ein zuvor gesegnetes kleines Holzkreuz herauszufischen. Doch weil das eben nur Männern vorbehalten ist, zieht sie sich damit den Zorn der aufgebrachten Männermeute ebenso zu wie der Kirche und der Polizei.
Wer mich kennt, weiß ja, dass ich gern von der Berlinale und von neuen Filmen berichte. Aber eigentlich wusste ich nicht, wie und warum ich im Gottesdienst heute von einer mazedonischen Frau erzählen sollte. Doch dann las ich den Predigttext, der für heute vorgesehen ist. Dort geht es um die Geschichte, wie das Christentum nach Europa kam. Die Bibel erzählt, wie Paulus bei seiner zweiten Missionsreise über die Türkei zum ersten Mal europäischen Boden betritt, in Mazedonien.

Apostelgeschichte 16,9-15

Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!
Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt.
Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.
Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

Der christliche Glaube kommt nach Europa. Er ist nicht europäisch. Lydia, nach der biblischen Erzählung die erste Christin in Europa, stammt aus dem Gebiet der heutigen Türkei. Aus Thyatira, einer Stadt in der Nähe von Izmir, ist sie nach Philippi gezogen. Sie handelt mit Purpur, einem begehrten Farbstoff, für den ihre Heimatstadt berühmt war. Mit Lydia, der Frau aus Lydien, beginnt die Geschichte des christlichen Glaubens in Europa, in Mazedonien.
In den letzten Wochen und Monaten haben wir in den Nachrichten oft von Mazedonien gehört. Der Streit um den Namen hat die Gemüter vor allem in Griechenland erregt. Der erste Bezirk Makedoniens, von dem hier in der Bibel die Rede ist, ist der heute griechische Teil. Zur Zeit des Paulus war der aber ebenso wie die anderen Teile Makedoniens eine Provinz des römischen Reiches. Vorher war ganz Makedonien noch ein selbständiges Königreich. Der Film über Petrunia ist in dem Land entstanden, dass seit ein paar Wochen offiziell Nord-Mazedonien heißt und damit Teil der NATO und langfristig der EU werden kann. Nicht nur bei der Ausbreitung des christlichen Glaubens ist diese ganze Gegend wichtig, sie ist es bis heute in der Frage, was Europa ausmacht.
Die Petrunia aus dem Film sieht sich umgeben und bedrängt von den Repräsentanten einer Tradition, die für Frauen wie sie keinen Platz hat, die ihr vorschreiben wollen, wo ihr Ort ist, und sich darauf berufen, dass das eben schon immer so war. Interessant, dass die biblische Lydia am mazedonischen Fluss bei Philippi 2000 Jahre zuvor eine ganz andere Erfahrung macht.
Paulus war mit seinen Gefährten nach Philippi gekommen, um von Jesus zu erzählen. Er hatte eine Stimme gehört, eine Erscheinung gesehen, die ihn rief: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! So hatten sie sich aufgemacht von Troas in der heutigen Türkei nach Neapolis in der Nähe der heutigen modernen Hafenstadt Kavala in Griechenland. Eigentlich nur eine kleine Seereise, zwei Tage durchs Ägäische Meer mit Zwischenstopp auf einer Insel. Im Nachhinein aber wird diese Überfahrt zu einem wichtigen Ereignis. Der christliche Glaube kommt nach Europa.
In Philippi suchen sie Menschen, die ansprechbar sind. „Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte." Die da beten, das sind jüdische Menschen, die in Philippi zwar geduldet sind, ihre Religion allerdings nicht öffentlich praktizieren dürfen. So treffen sie sich in ihren Häusern oder in anderen Gebäuden, hier am Fluss vor den Toren der Stadt. Dort sitzen sie zusammen, beten, singen, lesen die Psalmen, hören auf Gottes Wort.
Sie feiern Gottesdienst und die angereisten Missionare feiern selbstverständlich mit. Die Menschen, die hier zusammen Gottesdienst feiern, sind Brüder und Schwestern. Sie sind jüdisch oder gottesfürchtig, d.h. sie leben nach den Regeln der jüdischen Religion. Sie fühlen sich angezogen durch die Botschaft der hebräischen Bibel, auch wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, nicht oder noch nicht Jüdin oder Jude sind. Sie sind die ersten, auf die Paulus und seine Gefährten zugehen.
„Und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen." Es sind Frauen, die dort Gottesdienst feiern. Sie stehen am Rande der Gesellschaft. Sie haben nicht die vollen Bürgerrechte. Sie üben einen Beruf aus, den man nicht in den Städten haben will: die Herstellung von Purpur ist ein schmutziges Geschäft - es stinkt fürchterlich. Eine solche Arbeit ist nichts für freie Bürger, für freie Männer. Sklavinnen und Sklaven und Freigelassene gehen ihr nach. Sie organisieren sich ihr Miteinander: beruflich, sozial, religiös. Sie bilden ein Haus, eine Gemeinschaft. Sabbat für Sabbat feiern sie zusammen Gottesdienst. Dort erzählen Paulus und seine Gefährten von Jesus.
 „Lydia tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde." Nicht mit Vorträgen und Predigten, mit Drohungen oder mit Gewalt, sondern im Gespräch, durch das Miteinander-Reden, durch aufmerksames Zuhören und Nachfragen, im Wechselspiel von Erzählen, Fragen und Antworten breitet sich das Christentum aus.
Als Petrunia im Film ihr Kreuz auf sich nimmt, soll es ihr mit Gewalt wieder genommen werden. Sie wird von Pontius zu Pilatus geschickt, von Priestern und Polizisten verhört. Die schreienden Männerhorden draußen fordern kurzen Prozess. In einigen Einstellungen erinnert der Film an Jeanne d’Arc, den berühmten Stummfilm von Carl-Theodor Dreyer, den wir einmal mit Orgelbegleitung in der Kirche gezeigt haben. Hier wie dort sind es großformatige Ausschnitte: Petrunia von vorn, neben ihr ein geifernder Männerkopf im Profil, der sie aggressiv von der Seite anschreit und anspuckt. Eine Passionsgeschichte.
Es sind nicht die Reden der Missionare, die Lydia zum Glauben führen. Der Herr tat ihr das Herz auf, heißt es. Es geht in dieser Geschichte aber nicht so sehr darum, dass hier das von außen kommende Wort Gottes seine Wirkung entfaltet, sondern um das, was Lydia in diesem Zusammenhang macht.
„Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns."
Die ganze bisherige Beschreibung der Missionsreise hatte etwas Hektisches. Schon in den vorangehenden Kapiteln und dann hier wird in wenigen Sätzen eine Erfolgsgeschichte konstruiert, die den Missionar Paulus und seine Mitarbeiter bei der Arbeit zeigt. Predigen, überzeugen, taufen, weiterziehen. Lydia aber besteht darauf: Wenn ihr mich ernst nehmt, als Menschen, nicht nur als Missionsobjekt, dann müsst ihr euch jetzt für mich Zeit nehmen.
Glauben, so wird es hier deutlich, ist nicht die passive Annahme irgendwelcher zeitlosen Wahrheiten. Glauben ist Kommunikation, Selbsttätigkeit. Ein kreativer Prozess der Aneignung und Anverwandlung eines Sinns. Ein Resonanzgeschehen: Da ist etwas, das mich anrührt, ich reagiere darauf. Und ich erwarte, erbitte, erhoffe, dass daraufhin wiederum etwas zurückschwingt. Ein Wechselspiel, ein Hin und Her, das nicht allein durch vernünftige Argumente, sondern auch durch Gefühle an Gestalt gewinnt, nicht nur durch emotionale Überwältigung, sondern auch durch plausible Überzeugung.
Ich stelle mir vor, wie Lydia auf die Besucher aus dem nahen Osten reagiert. Sie rühren mit dem, was sie sagen, etwas in ihr an, treffen einen Nerv, eine Sehnsucht, bringen ein unbestimmtes Gefühl in ihr zum Ausdruck. Sie fühlt sich angesprochen, erkannt, gemeint. Sie spürt, dass sie selbst  in dem vorkommt, was die Besucher von Gott und von Jesus erzählen. So lässt sie sich taufen. Und sie besteht darauf, dass der lebendige Austausch, der ihr Vertrauen angeregt hat, noch eine Zeit lang weitergeht: Sie nötigte uns.
Petrunia aus dem Film lässt sich das Kreuz nicht abnehmen. Mit Geduld und Gelassenheit reagiert sie auf die Bedrängnisse von allen Seiten. Sie weiß, dass das Kreuz ihr zusteht, auch wenn die anderen ihr auf alle möglichen Weisen zusetzen. Aufgrund ihrer Beharrlichkeit darf sie es am Ende tatsächlich behalten. Sie hat den Priester und die Polizei überzeugt. Und dann gibt sie es zurück.
Makedonien ist das Einfallstor des Christentums in Europa. Wir machen uns heute anlässlich von Brexit und anderen Zerfallserscheinungen, angesichts von Migration und nationalistischen Strömungen darüber Gedanken, was Europa ausmacht. Das, was gern die abendländische Tradition genannt wird, die doch aus dem Morgenland zu uns gekommen ist. Das Zusammenspiel aus Glaubensüberzeugungen und Glaubensfreiheiten, die Mischung aus Respekt vor der Würde jedes Menschen und dem immerwährenden Kampf gegen alle, die diese Würde missachten.
Im Gleichnis erzählt Jesus davon, wie der Sämann den Samen aussät (Lukas 8,4-8). Das Wort, das von Gott ausgeht, und nicht überall auf fruchtbaren Boden fällt. Es geht aber eben nicht nur darum, dass dieses Wort ausgesprochen wird, sondern wie es aufgenommen wird und welche Frucht es trägt, wie es wirkt und welche Kraft es verleiht bei den Menschen, die es hören und umsetzen.
Lydia und Petrunia haben davon eine ganze Menge verstanden.

(Einige Teile der Nacherzählung von Apg 16,9-15 verdanke ich einer Predigt zum Text von Jochen Cornelius-Bundschuh)

Kategorien Predigten