Veröffentlicht von Uli Bandt am Di., 1. Jan. 2019 22:43 Uhr

Predigt in St. Remberti am 31.12.2018  Pastor Uli Bandt

Meine Silvesterpredigt 2018 in vier Schlagworten

1. Statistiken
Manchmal kommen sie wie eine Welle, die Bücher auf dem Buchmarkt. Innerhalb eines Jahres erscheinen dann vier, fünf Bücher zum selben Thema. Im vergangenen Jahr drehten sich viele Veröffentlichungen um die Frage, ob wir die Entwicklungen in unserer Welt wirklich realistisch oder nicht doch viel zu emotional-pessimistisch einschätzen. „Frohe Botschaft“, heißt zum Beispiel ein Buch, und im Untertitel: „Es steht nicht gut um die Menschheit – aber besser als jemals zuvor“. Oder: „Früher war alles schlechter: Warum es uns trotz Kriegen, Krankheiten und Katastrophen immer besser geht“. Oder: „Der Welt geht es besser, als Sie glauben: 50 Gründe, optimistisch zu sein“. Und: „Factfullness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“.
Sie bekommen Bauchgrummeln bei diesen Schlagzeilen? Finden sie vielleicht sogar zynisch? - Dann sind Sie genau die richtige Zielgruppe der Autoren. Denn Sie bilden sich ihre Meinung über den Zustand der Welt wahrscheinlich nicht faktenbasiert durch das Studium umfassender Langzeitstatistiken, sondern emotional durch kurzfristige Schlagzeilen gängiger Medien. Die allerdings unterliegen bestimmten Gesetzmäßigkeiten, von denen eine lautet: „Drohbotschaft schlägt Frohbotschaft!“. Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute. Und sie sind geeignet als spannende Fortsetzungsserie. Tatsächlich wird über ein spektakuläres Verbrechen heutzutage vielfach berichtet: »Das erste Mal, wenn ein Verbrechen passiert, das zweite Mal, wenn der Täter gesucht wird, das dritte Mal, wenn er gefasst wird, das vierte Mal, wenn er in Untersuchungshaft kommt, das fünfte Mal, wenn verhandelt wird, das sechste Mal, wenn das Urteil kommt – und dann gibt es womöglich noch eine nächste Instanz.« (Heribert Prantl, stellvertretender Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung)
Die gefühlte Bedrohung ist ungleich größer als Kriminalitätsstatistiken es belegen. Während die Zahl der Gewaltverbrechen in Deutschland sinkt (!) steigt die Angst unter der Bevölkerung exponentiell. Dies im Übrigen, je mehr die Menschen fernsehen. In Unterhaltungsfilmen wird in einem Ausmaß gemordet und vergewaltigt, wie es in der Realität sonst nur in Kriegszeiten vorkommt. Dass in Deutschland z.B. immer weniger Kinder geschlagen werden. Solche Tatsachen erreichen uns weit weniger als die grauenvollen Geschichten von misshandelten Kindern.
Unsere Hirne reagieren auch in der digitalen Welt noch nach Steinzeitmustern: Zuerst alle verfügbaren Informationen sammeln, die auf potentielle Gefahren hinweisen. Nur die sind existentiell wichtig. Viel zu oft aber kreiert die Bedrohungsangst gerade erst das, wovor wir Angst haben. „Kommt doch endlich wieder auf den Boden der Tatsachen“, sagen, etwas salopp ausgedrückt, die Autoren der eingangs zitierten Bücher. Schaut auf die langfristigen Tendenzen, die sich durch Statistiken glaubwürdiger Organisationen, wie der UNO, der Unesco oder anderer internationaler Organisationen belegen lassen: Es gibt immer wieder kurzfristige Rückschläge, doch die über Jahrzehnte oder Jahrhunderte betrachtet gehen Armut, Kriege, Hunger und Krankheiten gravierend zurück, während Bildungsniveau, verfügbares Einkommen oder Umweltschutz steigen.
Wenn Sie die Zeit dazu haben, lesen Sie einmal eines dieser Bücher. Sie können damit Ihre Lebenseinstellung und die Art und Weise, wie Sie Nachrichten selektiv aufnehmen, hinterfragen. Und dennoch bleibt bei mir ein schaler Geschmack. Und wo sind die Nachtfalter geblieben, die noch vor zwanzig Jahren zu Hunderten nachts vor's Auto flatterten? Die Singvögel, deren Stimmen ich nicht mehr höre? Und den Bewohnern der Inseln, die im Meer absaufen, ist mit optimistischen, langfristigen Statistiken wenig geholfen.
Ja, es geht nicht nur bergab mit dieser Welt! Doch dieses „Nicht nur“ hat wenig Nährwert für meine Seele, die den Schmerz der Delphine spürt, die sich in den herrenlosen Treibnetzen verfangen; die fassungslos vor den Massenvergewaltigungen von Frauen in Kriegen und Bürgerkriegen in Nigeria oder dem Sudan steht. Keine Statistik kann mich vor diesem inneren Zerrissensein trösten.

2. Koans
„Weißt du, was ein Koan ist?“, fragt mich meine Freundin Sabine, die seit Jahrzehnten Buddhistin ist und für die Meditation zum täglichen Leben gehört wie das Essen oder Zähneputzen. Ein Koan ist eine eigentlich paradoxe, mit dem Verstand nicht lösbare Fragestellung, die unsere herkömmlichen Denkmuster durchbrechen will. Nimm die Statistik und deinen Schmerz mit in die Meditation. Es wird nicht das eine über das andere obsiegen. Denn es geht nicht darum, wer Recht hat. Es geht einzig und allein darum, dass wir ins mitfühlende Handeln kommen. Und das kannst du in der Meditation erleben: Dass sich der Streit der Gegensätze auflöst, der Schmerz um das Leiden in dieser Welt einer großen Klarheit und Entschlossenheit Raum gibt, die ins Tun führt.
„Die beiden wichtigsten Dinge auf der Welt sind Liebe und Vorstellungskraft. Und das sind zwei erneuerbare Ressourcen.“, hat Jaques Lecomte, einer der oben erwähnten Autoren, geschrieben. Liebe und Vorstellungskraft, das kann man trainieren.

3. Frieden
 „Suche den Frieden und jage ihm nach!“ So abgedroschen klingt die Jahreslosung. Und doch ist sie so aktuell wie nur irgendetwas. Wir stehen vor einem neuen Wettrüsten: Vor atomarer Aufrüstung und dem Einsatz unvorstellbarer Waffentechnik, die es bisher nur in Sciencefiktionfilmen gab. Wir können als Christen nicht dazu schweigen. Wir haben uns nicht rauszuhalten, sondern uns eine Meinung zu bilden und uns einzumischen. Wir werden unsere Komfortzone verlassen müssen und wieder auf die Straßen gehen. Wir können die paar Tausend Ostermarschierer der letzten Jahre nicht mehr alleine lassen. Greta Thunberg hat uns deutlich gemacht, wie wichtig jedes noch so kleine, aber eindeutige, Zeichen heute ist. Wir sind gefragt, einer jeder von uns. Nicht abdelegieren an andere. Nicht abducken. Sondern tun, was ich tun kann.
Dazu gehört zu allererst auch unser innerer Friede: Wir werden lernen müssen, innerlich abzurüsten: Verbal und materiell.
Wir werden uns nicht anstecken lassen von der Brutalisierung der Sprache. Wir werden üben gewaltfrei, achtsam und dennoch klar mit jenen zu reden, die voller Hass und Menschenverachtung sind. Wir werden Verzicht üben. Uns nicht von den Spielzeugen des digitalen Zeitalters gefangen nehmen und korrumpieren lassen. Wir werden uns gegenseitig ermutigen zu einem erfüllten Leben, in dem Gemeinschaft und Bezogenheit mehr zählen als materielle Statussymbole.
Wir werden immer wieder den Spagat zwischen unserem Verstand und unserem Herzen wagen und nach Wegen suchen, die ins Tun münden und seien es noch so kleine Schritte.
Und überhaupt: Die Jahreslosung ist Teil eines Psalms, der zur Glaubenstradition unserer jüdischen Glaubensgeschwister gehört. Wir werden uns nicht neu erfinden, sondern uns verbinden mit der Geschichte und den Geschichten jener Vorfahren im Glauben, die in unmenschlichen Zeiten nach Frieden gesucht haben.
„Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes; suche Frieden und jage ihm nach! Die Augen des HERRN merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien. Wenn die Gerechten schreien, so hört der HERR und errettet sie aus all ihrer Not. Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben.“ (aus Psalm 34)

4. Hinterfragen
In einem Kommentar zu meiner Predigt zur Goldenen Konfirmation 2018 schrieb ein Predigtleser:
„Sehr geehrter Herr Brandt, an Ihrer Predigt zum Altwerden erkenne ich exemplarisch, wie sich die Evangelische Kirche gewandelt hat. Da ist nichts mehr von Luthers vier Grundfesten christlicher Verkündigung, allein durch den Glauben, allein durch die Gnade, allein durch die Heilige Schrift, allein durch Christus, zu spüren. Kein Bezug zu einer Textstelle der Bibel, kein Bezug zu unserem Herrn Jesus Christus! Genau dieser Blick ist nicht nur für ältere Menschen das Wichtigste. Ich weiß nicht, ob Ihnen die Hohlheit Ihrer Worte nicht selbst auf den Senkel geht. Mit freundlichen Grüßen Werner Blumeyer“
Lieber Herr Blumeyer, ja, manchmal kommen mir meine Worte hohl vor. Gerade jetzt beim Rückblick auf das vergangene Jahr wird mir deutlich, wie sehr ich bei all meinem Aktionismus, Tun und Predigen letztlich immer nur Stückwerk errichte. Neben vielem Gelungenen hinterlasse ich eine lange Liste unerledigter Besuche, enttäuschter Hoffnungen, theologisch unausgereifter Gedanken. Selten wird mir so bewusst, dass ich in all meinem Tun auf Gnade angewiesen bin, wie am Silvesterabend. Bei allem guten Bemühen werde ich meinen Seelenfrieden, so sehr ich auch nach ihm jage, nicht selber machen können. „Suche den Frieden und jage ihm nach“, meint ja einen Frieden, der schon da ist. Den wir nicht machen, sondern den wir ergreifen sollen. Das ist schon ein rechter Koan. Ein scheinbar unlösbares Rätsel, dass wir in dieser friedlosen Welt, die dem Untergang geweiht zu sein scheint, von Gottes Liebe umgeben sind.
Ich werde diesen Koan in meine Gebete und meine Stille hineinnehmen. Und vielleicht wird mir die Gnade zuteil, am Ende wieder zwei wichtige Ressourcen zur Verfügung zu haben: Liebe und Vorstellungskraft.
Lieber Herr Blumeyer, lassen Sie mich, wenn schon nicht mit einem Lutherzitat, so doch mit dem Psalm eines deutschen Theologen der Neuzeit, Hellmut Gollwitzer, schließen. Auch wenn wir theologisch verschiedene Sprachen sprechen, so haben wir wohl doch eines gemeinsam. Wir sind Zeugen einer großen Hoffnung!

„Gott ist mit uns solidarisch. Wir sind umgeben nicht von kaltem und leerem Nichts. Wir sind nicht regiert vom blinden Schicksal. Wir sind nicht ausgeliefert den Folterknechten dieser Welt. Wir sind nicht erwartet vom letzten Henker, vom Tod. Wir sind umgeben, getragen, beschützt, regiert, erwartet von einer ewigen Solidarität, die auf unserer Seite steht, mit uns leidet, für uns kämpft, sich für uns opfert und die Zukunft für uns gewinnt. Das ist unsere Wirklichkeit.
Davon leben wir.“

Amen

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