Veröffentlicht von Uli Bandt am So., 23. Dez. 2018 20:41 Uhr

Predigt in St. Remberti am 4. Advent 2018 Pastor Uli Bandt

Die einducksvolle Rede Greta Thunbergs vor dem UN-Klimagipfel in Katowice hat mich dazu bewogen, den Mut junger Frauen in das Zentrum der Predigt über das Magnificat, den "Lobgesang der Maria", zu stellen.

Hier zunächst die Rede der 15-jährigen Greta Thunberg aus Schweden, die seit dem Sommer 2018 eine Schulstreikbewegung für Klimagerechtigkeit initiiert hat, der sich mittlerweile Schülerinnen und Schüler in 270 Städten rund um den Erdball angeschlossen haben.


Wer kennt schon Odo von Sully? Er war Bischof in Paris rund um das Jahr 1200 herum.

In seinem Nachlass findet sich eine Anweisung, die sich auf das Magnificat bezieht, das damals nur lateinisch gesprochen und gesungen wurde. Nur fünfmal dürfe in der 2. Vesper zu Silvester das „Deposuit“ gesungen werden. Auf keinen Fall mehr. - Fünf Mal ein spezieller Vers des Magnificats, das hört sich eigentlich nach viel an. Aber den Gottesdienstbesuchern damals scheint es nicht ausgereicht zu haben. Gelangte die Liturgie an eben jene Stelle, wiederholten sie den Vers, als hätte ihre Schallplatte einen Sprung bekommen: „Deposuit potentes de sede et exaltavit humiles.“ - „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen!“. So populär muss dieser Höhepunkt der Vesper gewesen sein, dass die ganze Veranstaltung im Volksmund als das „Festum Deposuit“ bekannt war.

Das Alles spielte sich im Rahmen eines zu jener Zeit gerade noch geduldeten, weit verbreiteten Brauches ab: des Festes der Narren, „la fête des foules“.

In der Weihnachtsoktave durften die niederen, in erster Linie klerikalen Stände die Macht in den Kirchen übernehmen. Die Priester und Bischöfe mussten ihre Gewänder und Insignien ablegen, und die kleinen Leute in der klerikalen Hierarchie (oft Mönche und Chorknaben) schlüpften für einige Stunden in die Rollen der machtvollen Zelebranten. Dabei gab es kaum ein Tabu, das in den karnevalmäßigen Inszenierungen nicht gebrochen wurde.

Das gemeine Kirchenvolk muss das alles mit großer Anteilnahme verfolgt haben. In der Feier des „Magnificat“ erlebten sie endlich „ihre“ Bibel. Da war Maria keine ferne vergoldete Gottesmutter mehr, sondern eine arme Frau aus ihren Reihen. Und sie besingt das machtvolle Wirken Gottes, der die Herrschaftsverhältnisse umkehrt.

Ich habe mich oft gefragt, warum die Narrenfeste so lange von den Kirchenoberen toleriert wurden. Offenbar hatten die damals herrschenden Kleriker einen feinen Instinkt für „Brot und Spiele“, mit denen sie dem gemeinen Volk ein Ventil für ihren Unmut verschaffen konnten, um sie dann für den Rest des Jahres wieder im Zaum halten zu können. Eine wirklich durchtragende revolutionäre Kraft hat das Magnificat im Mittelalter nicht erlangen können.

Und so ist es ihm zu allen Zeiten ergangen: So lange die Menschen arm und unterdrückt waren, lasen sie das Magnificat als Hoffnungs- und Identifikationstext. Partizipierten sie an Macht und Wohlstand, blendeten sie die Option Gottes für die Armen aus. Aus ehemals unterdrückten Christen wurden schon im 4. Jahrhundert Unterdrücker. Vornehmlich der jüdischen Glaubensverwandten.

Dabei ist das Magnificat, der Lobgesang der Maria, obwohl es eines der liturgischen Hauptstücke des Christentums ist, eigentlich nichts anderes, als eine Zusammenfassung alttestamentlicher, jüdischer Armenfrömmigkeit. Das Zeugnis vom ewig einen Gott, der Gerechtigkeit und sozialen Ausgleich will, durchzieht bereits die Thora.

Im Kontext des Neuen Testamentes fällt jedoch solch drastische Sprache auf. Es ist, als wollte Lukas, indem er das Magnificat seinem Evangelium voranstellt, deutlich machen, dass es in seinem Bericht über die Menschwerdung Gottes, das Leben und Sterben Jesu, ganz wesentlich um das Auf-den-Kopf-Stellen der herrschenden Verhältnisse geht. Der politischen, religiösen und Geschlechter-Verhältnisse.

Freilich, die derzeitigen Realitäten scheinen das genaue Gegenteil zu bestätigen. Es ist, als wären alle zivilisatorischen Errungenschaften im politischen Diskurs auf den Kopf gestellt. Menschenverachtung und militärische Willkür, Lüge, Betrug und Prunksucht feiern Konjunktur. Es ist wieder die Zeit der starken, muskelspielenden Männer auf der Weltbühne. Kein Platz mehr für einen nachdenklicheren, zögerlichen Barak Obama – und schon gar nicht mehr für Frauen; selbst dann nicht, wenn sie virtuos die Klaviatur des politischen Ränkespiels bedienten...

Wenn man dem gegenüber bedenkt, dass Lukas den Lobgesang auf einen trotz allen Scheins gerechten und barmherzigen Gott einer jungen, vielleicht 16-jährigen, Frau in den Mund legt, könnte der Kontrast gar nicht größer sein.

Hier kurz ein Exkurs zur „Jungfräulichkeit“ Marias, auch wenn schon oft darüber gesprochen wurde:

Maria ist eine Frau, von der wir, wenn man es ganz realistisch betrachtet, nur eines wissen: Dass sie jung war und Jesus mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr erstes Kind. Die ersten Christen wussten nichts von einer übernatürlichen Geburt Jesu. Paulus zum Beispiel betont im Galaterbrief (4,4), dass Jesus von einer Frau geboren wurde, also Mensch unter Menschen war. Alle anderen Informationen sind mythisch geprägt in dem Bemühen, nach Jesu Tod und Auferstehung sein Leben und Sterben im Licht der Weissagungen der alten jüdischen Propheten zu deuten.

Dort ist freilich im Hebräischen von einer Jungfrau nicht die Rede. Bei Jesaja (7,14) steht dort: „Siehe, die Alma wird schwanger und gebiert einen Sohn.“ Und Alma ist eine junge Frau. Die griechische Übersetzung der Thora, die Septuaginta, auf die sich dann die Evangelisten Lukas und Matthäus stützen, verwendet für Alma den griechischen Begriff „parthenos“ - Jungfrau. Und so hören wir nun Weihnachten um Weihnachten die alttestamentliche Geburtsverheißung Jesajas: „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie Immanuel heißen.“ - Und die ganze Weihnachtsgeschichte ist dem nachgebildet.

Hätte Jesaja wirklich von einer Jungfrau im physiologischen Sinne sprechen wollen, hätte er das hebräische Wort „Bethula“ verwendet. Aber er nahm das Wort für junge Frau „Alma“, das in den alten Schriften nur selten verwendet wurde.

Um so mehr fällt auf, dass es in einer der bedeutendsten Geschichten der jüdischen Tradition auftaucht: In der Geschichte der Errettung des neugeborenen Moses.

Aus Angst vor dem angeordneten Kindermord des Pharao steckt seine Mutter den drei Monate alten Mose in ein mit Pech abgedichtetes Schilfkörbchen und übergibt ihn dem Nil. Die Tochter des Pharaos entdeckt das Körbchen. Die ältere Schwester Moses, Mirjam, beobachtet das jedoch und bietet der Pharaostochter an, eine Amme zu besorgen. - Und das ist Moses leibliche Mutter.

Von Mirjam nun heißt es (2. Mose 2,8): „Da sagte ihr die Tochter Pharaos: Gehe hin. Und die Alma ging hin und rief die Mutter des Kindes.“

Die junge Frau Mirjam... Mirjam. So hieß auch Jesu Mutter. Erst über den Umweg über das Griechische „Mariam“ wurde daraus im Lateinischen „unsere“ „Maria“.

Und nun zurück zum Magnificat.

Es geht nicht darum, ob wir eine unbefleckte, jungfräuliche Empfängnis für wahr oder nicht wahr halten. Es geht darum, ob wir in einer von männlichem Dominanzgebaren geprägten Welt Gottes Wirklichkeit und seiner verändernden Liebe in uns Raum gewähren, so wie es Maria sinnbildlich mit Jesus getan hat. Es geht darum, ob wir das in aller Not vor männlichem Zerstörungswahn ins Wasser gesetzte Leben herausfischen und beherbergen. So wie es Mirjam mit ihrem kleinen Bruder Mose getan hat.

Es geht darum, dass wir trotz all unserer deprimimierenden Erfahrungen offen und empfänglich bleiben für Gottes Hoffnung und wahre Menschlichkeit. - Und wir sind dabei, um noch einmal auf die Jungfräulichkeit zu kommen, bei dem, was Männer in ihrem Verhaltensrepertoire bereit halten, wirklich nicht gut aufgehoben...

Die Kraft des Magnificat haben wir Christen nicht erfunden und nicht für uns gepachtet. Wir sind Miterben einer uralten jüdischen Hoffnung, die weit über uns und unsere Religionsschranken hinaus geht und in einer unüberhörbaren Klarheit auch heute durch junge Frauen weitergetragen wird.

Zum Beispiel durch Nadia Murad aus dem irakischen Sindschargebirge, die wie viele andere jesidische Frauen und Mädchen unendliches Leid durch Männer erfahren hat und dennoch aus ihrer Scham heraustritt, das Leid benennt und Gerechtigkeit für die totgeschwiegenen Opfer einklagt. Sie hat in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten.

Von dieser uralten Hoffnung redet auch Malala Yousafzai, die junge Muslimin aus Pakistan, der 2014 der Friedensnobelpreis zuerkannt wurde. Sie tritt offensiv für das Recht von Mädchen auf Schulbildung ein und hat wie durch ein Wunder einen Mordanschlag radikaler Islamisten überlebt:

„Liebe Schwestern und Brüder, wir erkennen die Bedeutung von Licht, wenn wir Dunkelheit sehen. Wir erkennen die Bedeutung unserer Stimme, wenn wir zum Schweigen gebracht werden. Und genau so haben wir in Swad in Nordpakistan, die Bedeutung von Stiften und Büchern erkannt, als wir die Waffen sahen. Die Stimme, die sprach: ‚Der Stift ist mächtiger, als das Schwert’. Es ist wahr. Die Extremisten hatten und haben Angst vor Büchern und Stiften. Die Macht der Bildung erschreckt sie. Sie haben Angst vor Frauen. Die Macht der Stimme von Frauen erschreckt sie.“

Und nun Greta Thunberg, die mit unbestechlich klarer Stimme uns unsere Inkonsequenz und Feigheit vor Augen hält.

Alle drei sind Frauen im Alter und in der Tradition von Mirjam, der Mutter Jesu.

Was für ein Glück, dass diese Tradition nicht abbricht und so Gott auch heute auf's Neue in unsere Welt geboren werden kann. Durch den Mut junger Frauen.

Amen


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