Veröffentlicht von Uli Bandt am Di., 25. Dez. 2018 00:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 24.12.2018 Pastor Uli Bandt

Alle Jahre wieder wählt die Gesellschaft für deutsche Sprache e.V. ein „Wort des Jahres“. Es sind nicht immer die am meisten gebrauchten Worte, sondern sehr oft Wortschöpfungen, die größere, gesellschaftlich relevante Themen beschreiben. In diesem Jahr war es das Wort „Heißzeit“ und fasste sowohl die ungewohnt lange Hitzeperiode des vergangenen Sommers, als auch den mittlerweile für jeden sehenden Menschen unbestreitbaren Klimawandel zusammen. Es sind also Worte, die auch länger anhaltende Prozesse beschreiben. Über das jeweilige Jahr hinaus.

Ich hätte nicht übel Lust, Sie zu fragen, was Ihrer Meinung nach das Wort des Jahres 2017 war. Bis ich selber nachgeschlagen hatte, war ich fest davon überzeugt, es müsse der Begriff #MeToo sein (oder neudeutsch gesagt: der hashtag „MeToo“).

Doch es war „Jamaika-Aus“. Zweifellos hat das Scheitern der Gespräche zur Regierungsbildung zwischen der CDU, den Liberalen und dem Bündnis 90/Die Grünen viele Gemüter bewegt und die Folgen sind gravierend gewesen...

„MeToo“ jedenfalls landete nur auf dem 3. Platz, obwohl sich dahinter ein unendlich größeres und weitaus gravierenderes gesellschaftliches Problem verbirgt, nämlich das sexueller Belästigungen und sexueller Übergriffe auf (überwiegend) Frauen. Wie eine Flut brachen sich die Berichte betroffener Frauen und Männer Bahn und machten deutlich, wie selbstverständlich die beschriebenen Grenzverletzungen menschlicher Würde in verschiedensten Lebensbereichen schon geworden sind, ohne dass jemand aufgeschrieen oder sich zum Anwalt der Betroffenen gemacht hätte. Über Jahre und Jahrzehnte hat sich die uralte patriarchale Tradition von Übergriffigkeit auch in unserer sich so zivilisiert dünkenden Welt halten können.

Wie schwer es uns fällt, uns gegenüber dem millionenfach erlittenen Leid sexualisierter Gewalt zu positionieren, hat auch unsere, die evangelische, Kirche erfahren. Erst auf der letzten EKD-Synode im vergangenen November verabschiedeten die Delegierten eine Erklärung zu sexualisierter Gewalt, in der sie Betroffene ermutigen, ihr Schweigen zu brechen, aber vor allem auch nach Wegen zur Prävention suchen. Und genau dieses Thema treibt viele, vor allem männliche Mitarbeiter, um: Wie kann ich mich eindeutig und nicht grenzverletzend gegenüber den Bezugspersonen in meinem Arbeitsfeld verhalten? Das scheint unglaublich schwer und mit einer enormen Unsicherheit verbunden zu sein.

In der Diskussion zur EKD-Erklärung soll der Kantor eines Jugendchores berichtet haben, dass er es mittlerweile strikt vermeide, mit seinen Jugendlichen nach der Probe noch in die Kneipe zu gehen. Und in der persönlichen Begegnung versuche er einen Abstand nicht nur von einer Armeslänge, sondern von zwei Metern zu wahren.

Ich habe diesen Bericht nicht persönlich gehört, doch wenn es so sein sollte, entspricht dieses Verhalten einer allgemeinen Verunsicherung vieler Männer, und möglicherweise auch Frauen, die kaum mehr authentisch ihren Schutzbefohlenen begegnen können, weil sie sich mittlerweile permanent hinterfragen, ob ihre spontanen Reaktionen in der Beziehungsgestaltung als Übergriffigkeit verstanden werden könnten.

Kinderpsychologen berichten von Vätern, die so verunsichert sind, dass sie jeglichen körperlichen Kontakt mit ihren Kindern vermeiden, weil sie sich ohne Streicheln und Kuscheln auf der sicheren Seite wähnen.

Aus Amerika wird der sogenannte Pence-Effekt berichtet. Der amerikanische Vizepräsident wie auch Führungskräfte der Wall-Street erzählen in einer jüngst veröffentlichten Studie, dass sie es mittlerweile vermieden allein mit einer Frau essen zu gehen, um potentiellen Gerüchten vorzubeugen. Die Tendenz geht hin zu einer strikten Geschlechtertrennung. Manager erzählen, dass sie den Kontakt zu attraktiven Mitarbeiterinnen meiden. - In der Summe führt dies alles jedoch nicht zu einer höheren Sicherheit der Frauen, sondern zu einer Benachteiligung, weil sie automatisch von bestimmten Karrierebereichen ferngehalten werden, die überwiegend von Männern besetzt sind, von denen höchstwahrscheinlich mindestens einige bereit wären, den Frauen förderung und Zugang zu ermöglichen, sich aber nicht trauen, weil ihre Offenheit ihnen negativ ausgelegt werden könnte.

Wir leben in einer Zeit tiefer Verunsicherung. Wir erleben eine ungebrochene Sehnsucht nach Nähe und Berührung. Und gleichzeitig wird deutlich wie tief viele Menschen verletzt und missbraucht worden sind, um die Sehnsucht nach Nähe und Sexualität anderer Menschen erzwungen und unfreiwillig zu erfüllen. Wir sind hin und her gerissen zwischen unserem Bedürfnis nach Schutz und dem nach Nähe.

Wenn Sie sich nun bisher gefragt haben, warum ich dieses Thema gerade in einer Christvesper zu Heiligabend anspreche, dann lassen Sie sich gesagt sein: Weihnachten ist das genuine Fest der Berührung und Berührbarkeit! Und das sowohl im emotionalen als auch im körperlichen Sinne.

Wenn wir Weihnachten Gottes Kommen in die Welt in der Geburt eines Menschen feiern, dann feiern wir, dass Gott sich berührbar macht. Ja, und in dieser Berührbarkeit auch zutiefst verletzlich wird. Gott gibt seine Allmacht und Distanziertheit auf, die bis dahin unhinterfragten Insignien eines Gottes. Er entäußert sich seiner Macht, damit er uns in dem kleinen Kind in der Krippe, in dem erwachsenen Jesus, wie auch in einem jeden Menschen neben uns begegnen kann.

Man muss sich das einmal bewusst vorstellen: Als Lukas seine Geburtsgeschichte von Jesus erzählte, da gab es wohl Götter, die Menschen geworden sind, aber sie hätten sich niemals so total dem Menschsein ausgeliefert. Die Menschwerdung war Teil eines Machtspiels der Verführung, aber keine Entäußerung der göttlichen Privilegien. Der griechische Göttervater Zeus verwandelte sich sogar in ein Tier! Doch nur um als zahmer Stier jene junge Frau Europa zu entführen. So hatte man sich Götter vorzustellen: Männlich, dominant, gewaltvoll. Herrscher ohne jeglichen Respekt vor der Würde der Menschen. Und schon gar nicht vor der Würde von Frauen. Und da liegt schon das Problem, wenn man vom Fest der Berührung redet. Denn die Geschichte der Menschheit, auch die der christlichen Kirchen, war und ist immer auch die Geschichte der Verletzung des Bedürfnisses nach Respekt vor der Persönlichkeit von Mädchen und Jungen, Frauen und Männern.

Der in Jesus Mensch gewordene Gott durchbricht diese patriarchalen Machtstrukturen der Respektlosigkeit. Er begegnet uns auf Augenhöhe um wirkliche Nähe möglich zu machen. Es gibt nicht mehr „den da oben“ und „uns da unten“. Er durchbricht die Muster von Täter und Opfer. Das Muster des unhinterfragbaren Erwachsenen und des folgsamen Kindes, des beherrschenden Mannes und der demütig sich ergebenden Frau.

Keine Form sexualisierter Gewalt ist durch ihn zu rechtfertigen. Und das ist nicht neu. Gott bleibt sich treu. Der Gott Jesu, den wir gerne als den „christlichen“ Gott beschreiben, ist und bleibt der Gott Abrahams und Saras, der Gott unserer jüdischen Geschwister. Und er hat schon zu Zeiten Davids, des Urahns von Josef, dessen gewaltvollen Ehebruch gegenüber Bathseba und Uria verurteilt. Er ist kein anderer, kein „neuer“ Gott. Man müsste eher sagen, er radikalisiert sich. Er zeigt sich als ein Gott im Werden, der beständig nach neuen Wegen sucht, uns in seiner Liebe zu erreichen. - Zu berühren, in einer Art, die uns menschlicher macht, und uns nicht übergriffig vergewaltigt.

Das beginnt schon in der Deutung von Marias Schwangerschaft. Wer in patriarchalen Denkmustern verharrt, muss sie als eine Adaption der Zeusgeschichte sehen. Jesus wird durch den männlich gedachten Gott gezeugt und das junge Mädchen Maria beugt sich demütig dem männlich-göttlichen Willen. Doch es geht nicht um die Jungfäulichkeit Marias. Es geht darum, dass Maria und auch ihr Verlobter „Ja“ sagen zu einer Schwangerschaft, die sich nicht im Rahmen der gesellschaftlichen Normen erklären lässt. Sie geben dem Leben eine Chance abseits jeglicher gängiger Klischees. Und in dieser Illegitimität kommt Gott in die Welt. Schutzloser und verletzlicher geht es kaum. Aber nur so entsteht ein unfasslicher Raum von Berührung und Berührbarkeit. Und als erste erfahren es die Hirten, jene dreckigen, stinkenden Außenseiter, mit denen keiner so recht etwas zu tun haben will. Sie sind eingeladen, wahr- und ernstgenommen. Im wahrsten Sinne „angefasst“. Berührt eben.

Weihnachten durchbricht die Klischees unserer Geschlechterrollen, um die Grundbedingungen unseres Menschseins und Menschwerdens deutlich zu machen:

Wir brauchen Berührung um Menschen zu werden.

Ohne Berührung können wir nicht leben. Wir brauchen körperliche Berührungen, um uns willkommen zu fühlen in dieser Welt. Und um zu lernen uns zu spüren. Auch unsere Grenzen! Die wir durch ein liebevoll zugewandtes, respektvolles Gegenüber lernen zu verteidigen.

Wir brauchen aber auch die emotionale Berührung. Sind darauf angewiesen, dass ein Gegenüber unsere Gefühle spiegelt. Denn wir sind Geschöpfe eines Beziehungsgottes, die auf Beziehung und ein Gegenüber angewiesen sind.

Ohne körperliche und emotionale Berührungen verkümmern Kinder oder entwickeln schwere Persönlichkeitsstörungen. Sie müssen sich nur einmal anschauen wie Kleinkinder, die eben noch mit einem Elternteil lebendig in Kommunikation waren, verunsichert sind, wenn ihr Vater oder ihre Mutter plötzlich konzentriert auf das Smartphon schaut, keinerlei mimische Reaktion mehr zeigt und das Kind im luftleeren Raum hängen lässt. Binnen weniger Sekunden sind sie total verstört. (Das sogenannte Still Face Experiment zeigt das in eindrucksvoller Weise. Bei youtube finden Sie mehrere Videos dazu.)

Freilich brauchen wir Berührung auch am Ende unseres Lebens. Und ich sage ausdrücklich: Menschliche Berührung. Noch so ausgeklügelte Pflegeroboter und digitale Spielzeuge weden unser Bedürfnis nach Nähe nicht stillen können. - Und wir brauchen Berührung auch in all den Jahren zwischen Kindheit und Pflegebedürftigkeit!

Für diese lebensnotwendigen Erfahrungen brauchen wir Menschen, die sicher sind in ihrer Persönlichkeit. Die körperlich nah, einfühlsam und zugleich auch sensibel und grenzwahrend sein können. Menschen, die seelisch so gut genährt sind, dass sie klar unterscheiden können zwischen ihrer Bedürftigkeit und den Bedürfnissen ihres Gegenübers.

In einer Zeit rasant wachsender Digitalisierung und der Entwicklung virtueller Welten ist die Versuchung groß sich zunehmend in Kommunikationsformen zu flüchten, die uns einen scheinbar sicheren Abstand gewähren. Mal abgesehen davon, dass wir mittlerweile schmerzvoll erfahren haben, dass das Internet keinen demokratischen und machtfreien Raum der Begegnung darstellt, ist Weihnachten mit seiner 2000 Jahre alten Geschichte die andauernde Einladung Gottes, uns immer wieder auf das Original einzulassen: Die unmittelbare, menschliche, nahe Begegnung.

Menschsein ist mit einer hohen Verletzlichkeit und Bedürftigkeit verbunden. Doch wir werden diesen Bedürfnissen nicht gerecht, wenn wir uns alle nur noch mit zwei Metern Abstand begegnen.

Also: Bleiben Sie berührbar – und haben Sie den Mut (mit allem Respekt und aller Feinfühligkeit!) zu berühren!

Amen

PS: Diese Predigt versteht sich als ein Anstoß zum Gespräch. Mancher/manchem mag sie vielleicht einseitig erscheinen. Bitte äußern Sie dann gerne Ihre Meinung oder Erfahrungen in der Kommentarfunktion unter dieser Predigt oder schreiben Sie mir gerne eine Mail (uli.bandt@t-online.de).

Gesegnete Weihnachten! Ihr Uli Bandt

Kategorien Predigten

Kommentare

Francesca.egbert.lorenz@t-online
Dienstag, 25. Dezember 2018, 14:29 Uhr
Sehr geehrter Herr Pastor Bandt,

Ihre Worte berühren mich... danke dafür.
Wunderbar,daß Ihre Predigten online nachlesbar sind!
Ihnen und Ihrer Familie ein wunderschönes und leuchtendes Weihnachtsfest
Herzlichst
Francesca Lorenz

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