Veröffentlicht am So., 25. Nov. 2018 12:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 25. November 2018 (Ewigkeitssonntag)
Pastor Dirk von Jutrczenka

Sie legt die Blumen auf das Grab. Tritt einen Schritt zurück und steckt die kleinen Hände wieder in die Jackentasche. Es ist kalt, sie trippelt frierend von einem Bein aufs andere. Ihr Atem löst sich in kleinen Wölkchen von ihrem Mund, sie schweben eine Weile unentschlossen vor ihrem Gesicht und lösen sich dann auf.
Oma, sagt sie und legt ihr Händchen in die warme Hand der Großmutter, Oma, wo ist denn der Opa? Ist er hier?
Die Großmutter schaut verlegen zur Seite. Was soll sie antworten?
Oma, ist der Opa hier oder ist er im Himmel? - Ja, also, sagt die Großmutter. Wie soll sie es dem Kind erklären? Welche Worte finden? Was glaubt sie denn eigentlich selbst?

Der Opa ist im Himmel, hört sie sich leise sagen, und dabei kommen ihr alte Bilder in Erinnerung. Damals, als sie selbst gerade so alt war wie ihre Enkelin jetzt. Ihr Großonkel war gestorben. In der großen Diele war er aufgebahrt. Das weiße Kissen, die Hände gefaltet, Kerzen links und rechts. Zuerst hatte sie ihn nur von weitem durch die Tür gesehen. Da, wo die Erwachsenen mit ihren schwarzen Jacken und Röcken flüsternd aus und ein gingen. Dann war sie selber hindurchgeschlüpft und hatte sich leise neben den Großonkel gestellt, unbemerkt von den anderen. Sie hatte seine kalte Hand angefasst, noch immer erinnerte sie sich an die Berührung.
Da lag der Großonkel. Und zugleich hörte sie die Erwachsenen leise vom Himmel reden. Eine Erlösung. Nun ist er wieder mit seiner Käthe zusammen. Gott der Herr hat ihn heimgerufen in sein Reich.
Viele geheimnisvolle Dinge. Sie stellte sich das vor: Der Großonkel dort oben im Himmel, über den Wolken. All die anderen Gestorbenen sind auch dort, auch Tante Käthe, die schon lange tot ist. Und Gott selbst. Der Onkel oben - und doch lag er hier aufgebahrt.
Das war ein Widerspruch, er machte die Sache nur noch geheimnisvoller. Es bereitete ihr aber keine Mühe, beides gleichermaßen für richtig zu halten. Bei der Beerdigung sah sie, wie der Sarg im Grab versank. Dort ist er. Und zugleich woanders.
Als sie älter wurde, legte sie manches ab, was zu ihrem Kinderglauben gehörte. Gott ein alter Herr mit Bart im Himmel - nein, das war wohl doch etwas anders. Genauso wie ihr die alten Kinderschuhe nicht mehr passten, passte auch der Kinderglaube nicht mehr. Eine Zeitlang meinte sie, die Frage nach Gott sei für sie erledigt.

Dann kam die Sache mit Christoph. Ein guter Freund, schon seit Schulzeiten. Er hatte einen Unfall. Es ging alles ganz schnell. Ein Schock für alle. Warum er? Keiner konnte es verstehen. Sie spürte abwechselnd hilflose Leere und bittere Wut. Wie kannst du das zulassen, Gott? Lange Zeit machte ihr das zu schaffen.
In dieser Zeit ging sie einmal nachts am Meer spazieren. Die Wellen brandeten mit sanfter Regelmäßigkeit an den Strand. Der Mond schien hell, sein Licht spiegelte sich auf ein paar Steinen, die dort im Wasser lagen. Sie nahm einen Stein in die Hand und dachte plötzlich: Was hat dieser Stein schon alles erlebt? In wie vielen Jahrtausenden, Jahrmillionen hat das Meerwasser ihn glattgewaschen? Unvorstellbar die Zeit. Unvorstellbar das Leben, das gewesen ist vor meinem Leben. Das nach mir sein wird. Den Stein in der Hand, schaute sie zum Himmel auf, die Sterne glänzten in der klaren Nacht. Wer bin ich? fragte sie halblaut in die Dunkelheit. Sie setzte sich und spürte den weichen Sand unter ihrem Körper. Ich bin ein Teil dieses Lebens. Der Himmel, die Erde, das Meer. Sie blieb noch lange dort sitzen, merkwürdig berührt.
Sie fand ihren Weg durchs Leben. Ausbildung, Arbeit, dann lernte sie Dieter kennen. Sie heirateten, ein Kind wurde geboren. Als sie zum ersten Mal das greisenhafte Gesicht des Neugeborenen sah, spürte sie wieder, dass sie mit allem Leben eigentümlich verbunden war. Dieses Kind war ein Teil von ihrem Leben. Beseelt mit derselben Kraft, die in allem Leben steckt.
Das Leben ist schön. Das Leben ist schrecklich. Beides musste sie erfahren.
Ein weiteres Kind wurde geboren. Der Mann starb viel zu früh. Umzug, neu anfangen. Krankheit. Enttäuschungen.

"Ich habe viel mitgemacht in meinem Leben," schrieb sie später an eine Freundin. "Ich liebe das Leben. Ich weiß, dass es unendlich wertvoll ist, jeder einzelne Tag. Und zugleich hat mir das Leben soviel Leid und Schmerzen bereitet. Gibt es da noch mehr, etwas, von dem wir nichts wissen? Manchmal sehne ich mich danach, aber ich weiß nicht genau, wonach eigentlich. Ich wünsche mir, dass all die Dinge, die geschehen, nicht nur zufällig passieren, sondern irgendeinen Sinn haben. Es ist mir nicht wichtig, dass ich den Sinn verstehe. Hauptsache, es gibt ihn."
Seit dem Tod ihres Mannes ging sie wieder häufiger in die Kirche. Oder las in der Bibel. Keine fertigen Antworten, aber eine Ahnung von dem Sinn, nach dem sie suchte. Die Worte der Bibel waren wie der Stein damals am Strand: seit Jahrtausenden vom Leben umspült, abgeschliffen, weitergesagt. Uralt - und trotzdem trafen sie manchmal genau ein unbestimmtes Gefühl in ihr.
In der letzten Zeit bemerkte sie häufiger, dass sie - am Tisch, vor dem Spiegel, beim Zeitunglesen, wo auch immer - über sich und ihr Leben nachdachte. Werde ich jetzt alt?, fragte sie sich. Früher hatte ich doch dazu gar keine Zeit. Aber ihr wurde schnell klar, dass das keine Folge des Alters war. Die Erfahrungen des Leids und des Todes hatten ihr Leben verändert. Sie lebte bewusster.
Wer bin ich? Was wird sein, wenn ich einmal nicht mehr bin? Wie wird das sein, wenn ich sterbe? Der Körper ganz leicht, alle Schmerzen abgestreift. Ein Weg, ein dunkler Gang, doch am Ende scheint es hell. Und dann, was kein Auge je gesehen und kein Ohr gehört hat. Wärme. Licht.

Ist der Opa im Himmel?, hört sie jetzt wieder die Enkelin fragen. Da stehen sie beide am Grab, die Kleine friert immer noch. Ja, meine Liebe, der Opa ist im Himmel, sagt sie, ganz gewiss.

Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr... Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,1-5)
Amen.

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