Veröffentlicht von Uli Bandt am Sa., 22. Sep. 2018 00:00 Uhr

Predigt  in St. Remberti am 16.09.2018

Pastor Uli Bandt

Die nachfolgende Predigt war neben der Remberti-Gemeinde vor allem an die Goldenen Konfirmanden des Jahrgangs 1968 gerichtet. Zu den hier geäußerten Gedanken zum Altwerden hat mich ein Radiobeitrag des Freiburger Medizinethikers Prof. Giovanni Maio angeregt (https://www.swr.de/-/id=216825... )

Was haben wir geheult, vorgestern, als meine 97-jährige Schwiegermutter nach ihrem Umzug in ein Pflegeheim nur 500 Meter von uns entfernt das erste Mal am Abendbrotstisch saß und sich ihren beiden Nachbarinnen vorstellte. Und keine der beiden reagierte auf sie.

Doch Schwiegermutter hat das sehr gelassen genommen. Voller Dankbarkeit hat sie uns verabschiedet und lauter positive Aspekte ihres Umzuges aufgezählt. Jetzt sei sie nachts nicht mehr allein und überhaupt sei es doch toll, dass nun alles für sie gemacht werde. Sie bereue nichts. Ihre Wohnung, in der sie immerhin 17 Jahre gewohnt hat, wolle sie nicht mehr sehn.

Sie war längst nicht immer so. Voller Verbitterung hat sie uns verantwortlich gemacht dafür, dass sie als glühende Kommunistin zu uns in den ungeliebten Westen ziehen musste. Jede Woche bekamen wir von ihr den Spiegel (also die Wochenzeitung), auf dem Titelblatt schon die Seiten der wichtigen Artikel vermerkt und diese mit dem Textmarker bearbeitet und mit beißenden Kommentaren versehen. Jeden Abend sah sie mindestens eine Talkshow, über die sie sich dann beim nächtlichen Gute-Nacht-Telefonat echauffierte, dass wir Angst bekamen, sie könne Schaden an ihrem Herzen nehmen.

Doch seit ein paar Jahren hat sie sich gänzlich gewandelt. 'Sie ist vergesslich geworden (oder sagen wir ehrlicherweise dement), Augen und Gehör haben erheblich nachgelassen. Aber sie nimmt es mit fast fröhlicher Gelassenheit: „Das wird euch auch mal so gehen, wenn ihr so alt seid wie ich...“

Ach ja: Der Spiegel ist in den letzten Jahren übrigens viel objektiver und linker geworden! - sagt Schwiegermutter. Auch der Deutschlandfunk hat sich sehr zum Positiven verändert…

Das alles ist für uns Kinder schon erleichternd. Und dennoch schaudert es uns, wenn wir an unser Altwerden denken. Wie wird das sein?

Alt werden wollen wohl die meisten, aber alt sein die wenigsten.

Ab wann beginnt das?

Meine Frau berichtet von ihrem Schock als sie in einem Werbeblatt für Computer-Einsteigerkurse liest: „Für Senioren – ab 50“… Sie ist schon zwölf Jahre darüber hinaus, aber als Seniorin fühlt sie sich noch lange nicht.

Und bei uns in Remberti scheint das Seniorenalter erst so etwa ab 85 zu beginnen. Ich muss als Pastor für die Seniorenarbeit schon gewaltig aufpassen, nicht in ein Fettnäpfchen zu treten, wenn ich ein Gemeindeglied zum 80. Geburtstag besuchen will. Da hat mir schon mancher deutlich gemacht, er gehöre noch nicht zu meiner Klientel.

Bis vor kurzem gab es eine Jungseniorenfreizeit in Hohenfelde. Das Alter lag zuletzt zwischen Anfang siebzig und circa neunzig Jahren… Mittlerweile haben die Betreffenden auf diese Selbstbezeichnung, glaube ich, verzichtet. Es muss ihnen selber etwas merkwürdig vorgekommen sein.

Und Sie, liebe Goldenen Konfirmanden, wo sortieren Sie sich hin? Sie befinden sich ja gerade an einer wichtigen Schwelle zwischen Berufstätigkeit und Ruhestand. Wie schauen Sie auf diese neue Lebensphase? Fühlen Sie sich schon alt? Ja, gewiss, manchmal suchen auch Sie schon mindestens einmal am Tag Ihre Lesebrille und die Knochenschmerzen treiben Sie morgens aus dem Bett. Aber ist das schon alt?

Giovanni Maio erzählt, er sei vor kurzem auf einen Werbeslogan für eine Anti-Aging-Hautcreme gestoßen. Der Slogan lautete: „Älter werden – kein Problem. Nachzulassen kommt für mich nicht Frage!“

Altsein ist also nur dann gut, wenn du nicht nachlässt. Dein Alter liegt ganz in deiner Hand. Du musst nur kämpfen und nicht schwach werden, dann wirst du auch nicht alt!

Was für ein Quatsch: Alter soll nicht bewältigt, sondern vermieden werden. Es soll nicht gemeistert oder gefüllt, sondern am liebsten ganz abgeschafft werden. Dann braucht man auch nicht mehr auf das Sterbenmüssen zu schauen.

Eigentlich könnte der Blick auf unser Lebensende uns bewusster leben lassen. Doch die Aufmerksamkeit der Werbung als auch unserer Gesellschaft geht gerade dorthin, wie man das Sterben verhindern kann. Die Diskussion dreht sich viel mehr um Organtransplantation und die Möglichkeit, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, als um die Frage, wie wir würdig alt werden und sterben können.

Wir wehren radikal unsere Zeitlichkeit ab, als könnten wir so die Spuren der zerronnenen Zeit tilgen, ja vielleicht die Zeit sogar noch einmal zurückdrehen.

Der moderne Mensch geht davon aus, dass er einen Zugewinn hätte, wenn er seine Zeitlichkeit aufhöbe, doch genau das Gegenteil davon ist der Fall. Denn die Tiefe und die Zeitlichkeit bedingen einander. Man kann nicht einfach ein altersloses Leben führen wollen und zugleich erwarten, dass dann trotzdem alle Gefühlsqualitäten erhalten bleiben. Das ist ein großer Irrtum, weil die Qualität des Fühlens gerade daran gebunden ist, dass wir wissen, dass unser Leben begrenzt ist.

Altsein bedeutet, sich damit anfreunden zu müssen, dass man immer mehr schon gelebt hat und nicht noch einmal eine Chance bekommt. Das Alter ist ein Probe darauf, ob man es schafft, sich mit seiner Lebensgeschichte anzufreunden. Die gegenwärtig zu konstatierende Flucht vieler Menschen in die Jugendlichkeit ist letztendlich der verzweifelte Versuch, diese Unwiederbringlichkeit zu verdrängen.

Eigentlich wünscht sich die heutige Zeit nicht nur ein gesundes Altern, sondern eher ein „Einfrieren“ des jungen Menschen bis ins hohe Alter, am besten bis kurz vor dem Sterbenmüssen. Doch dieses Verlängern der Phase unserer Jugendlichkeit bis ganz zum Schluss verkennt, dass unser Leben in Zyklen verläuft, von denen jeder seinen Sinn hat und in sich wertvoll ist.. Das gesamte Leben könnte man so begreifen als einen Prozess der Wandlung vom tätigen zum betrachtenden Leben.

Doch, was macht nun den Sinn des Altseins aus?

Zunächst einmal bietet das schrumpfende, noch verbleibende Zeitkonto die Möglichkeit, sich von Illusionen zu befreien. Alternde Menschen müssen sich nicht mehr viel vormachen. Der Blick auf mein Alter fördert die Entscheidung zwischen dem, was wichtig und dem, was unwichtig ist.

Man kann sich im Alter den wesentlichen Gundbedingungen des Menschseins immer weniger entziehen: Dazu gehören unsere grundsätzliche Verletzlichkeit, unsere immer da seiende Leidbedrohtheit und unsere grundlegende Schutzlosigkeit. Wenn die Antike von Altersweisheit redete, dann meinte sie ganz überwiegend die Anerkenntnis dieser Grenzen.

Alte Menschen können leichter realisieren, wie sehr die Endlichkeit des Menschen überhaupt erst Sinn ermöglicht und wie sehr die Erfahrung der Begrenztheit eine Grundbedingung für das Gefühl der Erfüllung darstellt. Begrenztheit und Erfüllung sind keine Gegensätze, sondern bedingen einander!

Alte Menschen haben eine wichtige Signalfunktion für die Gesamtgesellschaft. Über die Konfrontation mit dem Altwerden erinnern sie die Gemeinschaft daran, dass nicht die Unabhängigkeit, sondern die Angewiesenheit eine Grundsignatur des Menschen darstellt.

Wir brauchen offensiv gelebtes Altern und würdiges Angewiesensein, damit unsere Gesellschaft nicht immer weiter der Illusion der absoluten Machbarkeit verfällt. Altsein ist ein Lernmodell für unsere Gesellschaft, damit wir mit unserer Angewiesenheit und Begrenzheit gut und konstruktiv umgehen.

Alter ist mehr als das „Nicht-mehr“ und „Immer weniger“. Solange wir unser Altern nur unter dem Gesichtspunkt des Defizitären betrachten, verstellen wir uns den Blick für die Tatsache, dass unser Leben ohne das Alter nicht rund werden kann. Damit sollen die Beschwernisse des Alters nicht bagatellisiert werden. Sie sind da und manchmal wirklich kaum zu ertragen. Aber dieses Ertragen wird ja nicht leichter durch die Slogans der Anti-Aging-Industrie, die uns weiss machen wollen, das Alter sei etwas (mit ihren Waffen) zu Bekämpfendes. Sie spielen uns wieder den Ball zu und nähren die Illusion, es läge nur an unserer Kampfbereitschaft, das Nachlassen zu vermeiden. Sterben ist für sie eine Niederlage, der man sich so lange als möglich widersetzen muss.

Da liegt mir Romano Guardini näher, der einmal sagte: „Es gibt ein falsches und ein richtiges Sterben; das bloße Ausrinnen und Zugrundegehen – aber auch das Fertig- und Vollwerden, die letzte Verwirklichung der Daseinsgestalt. Wenn das vom Tod gilt, dann umso mehr vom Altern.“

Würdevolles Altern wird in unserer Gesellschaft gleichgesetzt mit leistungsfähigem Altern. Uns wird suggeriert, dass Menschen mit Krankheiten, Behinderungen und Gebrechen keinen Lebenswert mehr empfinden könnten. Doch Menschsein bedeutet mehr als leistungsfähig zu sein. Unsere Angewiesenheit macht uns menschlicher als es die von unserer Gesellschaft gepriesenen Werte von Autonomie, Produktivität und Leistungsfähigkeit tun. Unser Leben verläuft anders, wenn wir es im positiven Bewusstsein unserer Angewiesenheit auf die anderen Menschen leben, als wenn wir bestrebt sind, alles allein tun zu müssen.

Und noch ein Letztes lehrt uns das Altsein: Man kann das Leben nicht allein durch Aktivität und Kampf bewältigen. Man kann und muss manchmal auch seine Lebensziele verändern. Das muss kein Resignieren sein. Es kann oft einfach klug und weise sein.

Alte Menschen machen uns, wenn wir uns denn auf sie wirklich einlassen, deutlich, wie relativ Werte und Lebensvorstellungen sind. In unseren leistungsfähigen Ochsenjahren sind wir oft wie blind für andere Lebensmöglichkeiten als jene, die sich durch dauerndes Arbeiten und Rackern und Schaffen eröffnen. Alte Menschen können in dieser Hinsicht wie eine Lupe sein, die uns hilft, rechtzeitig unsere Begrenzungen zu erspüren und wieder den Blick auf das Wesentliche im Leben zu gewinnen.

Liebe Goldene Konfirmanden, ich möchte Ihnen Mut machen zu jenem Übergang rund 50 Jahre nach ihrer Konfirmation, jenem heiß ersehnten Ritual zur Aufnahme in die Welt der Erwachsenen. 1968 war eine Zeit, in der die Rede von Autonomie und Individualität Konjunktur hatte.

Lasst uns heute voller Vertrauen auf unser Älterwerden schauen und die damit verbundene Tasache unserer grundsätzlichen Angewiesenheit. Vielleicht eröffnet sich hier ein neues Projekt für die „Alt-Achtundsechziger“...

Auch wenn Gott in dieser Predigt so gar nicht vorkam: Seine Versprechen stehen hinter allen eben genannten Einsichten. Je weniger wir unser Leben selber in der Hand haben, desto größer wird unsere Chance, Gottes Nähe zu spüren. Das, finde ich, sind, spirituell gesehen, gute Aussichten für die neue Lebensphase fünfzig Jahre nach Ihrer Konfirmation.

Amen

Kategorien Predigten

Kommentare

Lia und Christian Woiwode
Mittwoch, 3. Oktober 2018, 16:16 Uhr
Lieber Uli,
wir haben gerade Pflaumenkuchen gegessen und Deine Predigt gelesen.
Vielen Dank für die vielen Anregungen, die darin zu finden sind. Wir werden sie heute Abend beim 65. Geburtstag einer Freundin gerne mit einbringen.
Deine Predigt über Sodom und Gomorra, die wir kürzlich gelsen haben, ging uns auf eine ganz andere Weise auch sehr nah. Vielen Dank, dass Du immer wieder Worte findest und sie auch ins Netz stellst! :-)
Herzliche Grüße
Lia und Christian Woiwode
Werner Blumeyer
Donnerstag, 8. November 2018, 17:39 Uhr
Sehr geehrter Herr Brandt,
an Ihrer Predigt zum Altwerden erkenne ich exemplarisch, wie sich die Evangelische Kirche gewandelt hat. Da ist nichts mehr von Luthers vier Grundfesten christlicher Verkündigung, allein durch den Glauben, allein durch die Gnade, allein durch die Heilige Schrift, allein durch Christus, zu spüren. Kein Bezug zu einer Textstelle der Bibel, kein Bezug zu unserem Herrn Jesus Christus! Genau dieser Blick ist nicht nur für ältere Menschen das Wichtigste.
Ich weiß nicht, ob Ihnen die Hohlheit Ihrer Worte nicht selbst auf den Senkel geht.
Mit freundlichen Grüßen
Werner Blumeyer
Dieter Haver
Samstag, 22. Dezember 2018, 16:26 Uhr
Eine lebendige Kirche muss verschiedene Meinungen, wenn schon nicht repräsentieren, so doch zumindest aushalten können. Ich z.B. habe eine ganz andere Einstellung zu Predigten wie mein "Vor-Schreiber" Herr Blumeyer. Ich komme gerade mit meiner Frau von einem Kurzaufenthalt in einem AI-Hotel im Ausland zurück: Lobby, Speisesaal und alle Gemeinschaftsräume atmeten dort das Flair eines Altersheims: 95 % der Gäste im ausgebuchten Hotel jenseits der Siebzig. Teilweise bis zu neun Wochen verbringen sie nach eigener Aussage über Weihnachten und Neujahr dort. "Zuhause wartet ja niemand auf uns, da verreisen wir halt das Erbe unserer Kinder".
Die Predigt von Herrn Pastor Bandt hätte dort tiefen Eindruck hinterlassen. Worin besteht sonst der Sinn des Lebens als sich - auch ethisch - mit der Zielgeraden seines Lebens auseinanderzusetzen. Grauköpfe wie ich sitzen da ja in den Bänken. Kirche (wer sonst?) kann dabei wertvolle Stütze und Gebrauchsanweisung sein.
Ich habe die kritisierte Predigt original gehört und jetzt nach meinem Hotel-Altersheim nochmal nachgelesen. Bibelsprüche, die sich überwiegend sowieso alle widerlegen, brauche ich nicht (nur). Das ist nämlich "Hohlheit der Worte", Herr Blumenthal, die einem "auf den Senkel geht", wie Sie schreiben. Darum freue ich mich schon auf morgen, den vierten Advent und Pastor Bandts "Sturz der Gewaltigen vom Thron" und den zweiten Weihnachtstag, wo Pastorin Klaus offensichtlich nach der Jungfrauengeburt nun auch noch die Legende von der Jesuskrippet kassieren wird.
So nahe an der Wahrheit muss Kirche sein und sich äußern. Dann kann sie den jahrzehntelangen Rückgang der Gläubigen und Kirchenmitglieder vielleicht noch stoppen. Davon bin ich jedenfalls überzeugt.

Mit freundlichen Grüßen
Dieter Haver

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