Veröffentlicht von Uli Bandt am Mi., 5. Sep. 2018 00:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 02. September 2018

Pastor Uli Bandt

(Die Predigt bezieht sich auf die Geschichte von Abrahams Verhandlung mit Gott über die Zukunft der Stadt Sodom im Buch Genesis 18, 20 - 33. Sie finden den Text sowie eine Geschichte von Elie Wiesel im Anschluss an die Predigt.)

1. Versuch: Häftlingsfreikauf

Das ist ja ein Gefeilsche wie zwischen Abraham und Gott, nur andersherum, geht es mir durch den Kopf, als ich vor zwei Wochen eine Sendung des SWR über den Freikauf ostdeutscher Häftlinge durch die bundesdeutsche Regierung höre.

1962 begann die DDR-Regierung auf den Geschmack zu kommen, sich politischer Häftlinge gegen Zahlung von Devisen durch die BRD zu entledigen. 40 000 Westmark konnte so für einen unliebsamen Oppositionellen für die Schwarzkasse der SED erwirtschaftet werden. Später erhöhte sich der Preis sogar auf knapp 96 000 Deutsche Mark.

Im Herbst 1962 wurde Ludwig Rehlinger, damals Ministerialbeamter beim Bundesministerium für gesamtdeutsche Fragen, damit beauftragt, von den im Westen bekannten 12 000 ostdeutschen politischen Häftlingen 1000 für einen potentiellen Freikauf auszuwählen. Er erzählt, er hätte nie eine belastendere Aufgabe zu bewältigen gehabt. Doch nachdem er eine Liste mit den 1000 seiner Meinung nach schwerwiegendsten Fällen erstellt hatte, bekam die ostdeutsche Verhandlungsseite Bedenken vor der Größe des unbedingt geheim zu haltenden Unternehmens und forderte von ihm die Reduzierung der Liste auf 500. Auch das tat er. Doch damit war noch lange nicht Schluss. Es mussten hundert werden. Dann fünfzig. Und schlussendlich waren es acht.

Wer ist unter den Gerechten wohl der Gerechteste? Und wer wollte das entscheiden?

2. Versuch: Chemnitz 2018

Vor einer Woche zieht durch eine jener sächsischen Städte, die für sich einen wesentlichen Anteil an der friedlichen Revolution in der DDR und damit auch am Ende jener menschenunwürdigen Häftlingsschacherei beanspruchen, ein lynchender Mob von 800 offen rechtsextrem eingestellten Demonstranten. Bengalische Feuer statt Kerzen. Gebrüll, Gehetze, Gewalt und pure Angstmache. Hetzjagd auf jeden, der nicht deutsch aussieht. Es hätte auch das Mordopfer treffen können, wenn er noch gelebt hätte und zufällig den vorgeblich trauernden rechten Schlägern ins Blickfeld geraten wäre. Denn er hatte kubanische Wurzeln und sah nicht blond und blauäugig aus.

Zwei Tage später folgt eine neuerliche gewaltvolle Machtdemonstration mit mehr als 6000 Teilnehmern, denen sich etwa 1500 Gegendemonstranten entgegenstellen.

Mir läuft es kalt den Rücken herunter, weil ich selber mich oft gefragt habe, wie ich wohl reagiert hätte damals, als die SA-Horden durch Deutschlands Straßen grölten. Als sie jüdische Geschäfte zerstörten und jüdische Mitbewohner öffentlich quälten und demütigten. Es war eine theoretische Überlegung. Ich habe dabei nie daran gedacht, in der Bundesrepublik Deutschland jemals in die Verlegenheit kommen zu können, mir für fast deckungsgleiche Situationen eine Verhaltensoption überlegen zu müssen.

Wo hätte ich in Chemnitz gestanden in den letzten Tagen?

Vielleicht wäre ich wie die meisten Chemnitzer zu Hause geblieben. Unentschlossen. Sowohl als auch. „Man muss die in ihrem Zorn doch auch verstehn! Unsere Regierung hat eben versagt. Die da oben haben sich das alles viel zu einfach vorgestellt. Dann führt eben sowas zu sowas. Da brauchen die sich doch nicht zu wundern.“

Vielleicht wäre ich auch zu einer der Gegendemonstrationen gegangen. Aber ist das genug? Wievieler Menschen und welchen Engagements bedarf es, um die braune Flut aufzuhalten?

Oder in biblischer Sprache: Was ist in Gottes Augen so gerecht, dass die Stadt nicht seinem Zorn verfällt?

3. Versuch: Was ist Sodomie?

Der Begriff „Sodomie“ leitet sich von den vermuteten Sünden Sodoms ab. Umgangssprachlich bezeichnet er heute fast ausschließlich sexuelle Handlungen mit Tieren. Doch im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit wurde damit jegliche sexuelle Handlung beschrieben, die nicht der Fortpflanzung diente, zum Beispiel Analverkehr. „Sodomie“ bezeichnete so lange auch gleichgeschlechtliche Sexualität als pervers und strafbar. Biblisch begründete man diese Deutung mit dem Verhalten männlicher Bewohner Sodoms gegenüber zwei Gästen Lots, die ihn im Auftrage Gottes besuchen und vor dem bevorstehenden Untergang der Stadt warnen (Genesis Kapitel 19). Vor Lots Haus versammelt sich ein Lynchmob, der die Auslieferung der Gäste fordert, um sie zu vergewaltigen. Der Urtext verwendet tatsächlich das gebräuchliche hebräische Wort für Geschlechtsverkehr („erkennen“). Doch diese verengte Sichtweise, die Sünde Sodoms beziehe sich auf ausschweifende perverse und gewaltvolle Sexualpraktiken, findet sich in der Bibel erst im Judasbrief (1,7) wieder. Dieser ist ein feurig apokalyptisches Mahnschreiben aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts, das vermeintliche Irrlehrer abzuwehren versucht.

In allen anderen biblischen Erwähnungen jedoch stehen Sodom und Gomorrha für sündiges Verhalten im Allgemeinen. Jesus nennt Sodom fünfmal. Keine seiner Erwähnungen bezieht sich auf sexuelle Verfehlungen. Dafür steht Sodom bei ihm dreimal als Beispiel für Ungastlichkeit und das Nichtaufnehmen von Gottes Boten.

Ich denke, wir können mit guten Gründen davon ausgehen, dass die Ursünde Sodoms ihre Gewalt gegenüber Fremden war.

4. Versuch: Rollentausch

Es ist, als hätte Gott sein 'Versprechen nach der Sintflut vergessen. Er fällt zurück in jene vorsintflutliche Logik, der er eigentlich abgeschworen hatte: Gewalt mit noch größerer Gewalt auszumerzen. Jener Irrglauben, dass die Welt gut würde, wenn „die Bösen“ ausgerottet würden.

Für eine solche Weltverbesserungsideologie sind auch gewaltige Kollateralschäden im Dienste des höheren Gutes legitim. Wie bei der Sintflut werden in Sodom nicht nur die Gewalttäter mit dem Tode bestraft, sondern auch die große Masse der „unbescholtenen“ Bürger. Jene, die einfach nur unentschlossen, unsicher oder ängstlich waren.

Die Mehrheit der Menschen sind ja nicht böse. Doch sie sind eben auch keine Widerständler gegen das Böse. Sie sind keine Gerechten. Sie sind abwartend, unsicher, hin und her gerissen, fühlen sich ohnmächtig und überfordert.

Menschen wie du und ich. - Schrecklich der Gedanke, dass wir mit den anderen gemeinsam untergehen werden, nur weil wir uns nicht klar positioniert haben.

Genau so ergeht es den Menschen in Sodom und Gommorha. Und nicht nur ihnen. Es ist offenbar ein historisches Gesetz, dass die Masse der durchschnittlichen, unpositionierten Menschen mit den sogenannten Bösen untergehen wird. Da hilft es nichts, wenn wir mit gutem Gewissen behaupten können, wir seien keine Nazis gewesen; hätten einfach nicht gewusst, was wir machen sollten. Und irgendwie sei ja auch nicht alles schlecht gewesen und manche ihrer Ansichten ja durchaus berechtigt. Es reicht nicht aus, nur dabei gestanden und keinen Stein geworfen zu haben.

Doch Abraham wird zu unserem Fürsprecher. Es ist als würde er die Rollen mit Gott tauschen und sich zum Verteidiger und Erinnerer des grenzenlosen Erbarmens Gottes machen, der sein Versprechen nach der Sintflut vergessen zu haben scheint. Abraham ist es, der mit seinem Einsatz für die kleine Gruppe der Gerechten zugleich auch die Lebenschance der gesamten Gemeinschaft wahrt; auch die der Fremdenhasser.

Indem er sich zum Fürsprecher für die wenigen Gerechten in Sodom macht, wird der Stammvater der drei monotheistischen Religionen aber auch zum Urvater und Schutzpatron der Minderheiten. Er macht die enorme Bedeutung qualifizierter Minderheiten deutlich: Nur zehn Menschen, die sich in Sodom klar für die Gastfreundschaft eingesetzt hätten, wären zu Rettern der gesamten Stadt geworden.

Wir müssen nicht unbedingt die Mehrheit für unsere Überzeugungen gewinnen, es reicht, wenn wir eine Minderheit sind, die klar und mutig Stellung bezieht.

Das kann vielleicht nicht jeder von uns. Aber es sind sehr viel mehr unter uns dazu fähig, als sie es sich heute zutrauen. - Wenn denn unsere Gemeinden nicht nur Orte des Gebets und des kirchlichen Freizeitangebots bleiben, sondern zu Schulen der Zivilcourage und Ermutigung werden.

Wir müssen eine größere Minderheit werden, die die Barmherzigkeit Gottes verteidigt, dann werden wir Gott auf unserer Seite haben. Das hat Abraham für uns herausgehandelt.

5. Versuch: Bin ich's?

Bin ich's, dessen Stimme vielleicht gerade noch gefehlt hat, um die Zahl derer voll zu machen, die die Dynamik der Zerstörung stoppen?

Bin ich's, der einen Untentschlossenen überzeugen kann, weil ich den Mut hatte, den Mund aufzumachen?

Bin ich's, der als Sandkorn das Getriebe zum Knirschen bringt?

Bin ich's, die Schneeflocke, die den Ast brechen lässt?

Bin ich's?


Genesis Kapitel 18 (Einheitsübersetzung)

20 Der Herr sprach also: Das Klagegeschrei über Sodom und Gomorra, ja, das ist laut geworden, und ihre Sünde, ja, die ist schwer.

21 Ich will hinabgehen und sehen, ob ihr Tun wirklich dem Klagegeschrei entspricht, das zu mir gedrungen ist. Ich will es wissen.

22 Die Männer wandten sich von dort ab und gingen auf Sodom zu. Abraham aber stand noch immer vor dem Herrn.

23 Er trat näher und sagte: Willst du auch den Gerechten mit den Ruchlosen wegraffen?

24 Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte in der Stadt: Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?

25 Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann ginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?

26 Da sprach der Herr: Wenn ich in Sodom, in der Stadt, fünfzig Gerechte finde, werde ich ihretwegen dem ganzen Ort vergeben.

27 Abraham antwortete und sprach: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden, obwohl ich Staub und Asche bin.

28 Vielleicht fehlen an den fünfzig Gerechten fünf. Wirst du wegen der fünf die ganze Stadt vernichten? Nein, sagte er, ich werde sie nicht vernichten, wenn ich dort fünfundvierzig finde.

29 Er fuhr fort, zu ihm zu reden: Vielleicht finden sich dort nur vierzig. Da sprach er: Ich werde es der vierzig wegen nicht tun.

30 Und weiter sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich weiterrede. Vielleicht finden sich dort nur dreißig. Er entgegnete: Ich werde es nicht tun, wenn ich dort dreißig finde.

31 Darauf sagte er: Ich habe es nun einmal unternommen, mit meinem Herrn zu reden. Vielleicht finden sich dort nur zwanzig. Er antwortete: Ich werde sie um der zwanzig willen nicht vernichten.

32 Und nochmals sagte er: Mein Herr zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.

33 Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg und Abraham kehrte heim.

Der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, als Fünfzehnjähriger aus Buchenwald befreit, erzählt eine Geschichte zu Sodom.

Einer von den gerechten Leuten geht nach Sodom. Er ist fest entschlossen, die Leute aus dem drohenden Untergang zu retten. Er arbeitet Tag und Nacht, um auf die katastrophalen Folgen ihrer Habgier und Ungerechtigkeit, ihrer Falschheit und Gleichgültigkeit hinzuweisen. Anfangs hört man ihm zu, später verlacht man ihn, bald schon kümmert man sich nicht einmal mehr um den einsamen Rufer. Wie kann ein Einzelner schon Recht haben gegen eine auf sich selbst bezogene Mehrheit? Eines Tages spricht ihn ein Kind voller Mitleid mit ihm an. Es sagt: Armer, fremder Mann, du schreist dich heiser. Siehst du denn nicht, dass es hoffnungslos ist? Natürlich sehe ich das, antwortete er. Das Kind fragt zurück. Und warum machst du trotzdem weiter? . Das will ich dir sagen; Am Anfang dachte ich, ich könnte die Menschen ändern. Heute weiß ich, dass ich es nicht kann. Wenn ich aber immer noch gegen das Unrecht schreie, dann deshalb, weil ich verhindern will, dass sie mich ändern!“


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Kommentare

Dieter Haver
Freitag, 7. September 2018, 15:28 Uhr
Eine "schöne" Predigt - doch soviel zu

2. Chemnitz:
Beide christliche Kirchen müssen sich mit ihrem Antijudaismus den Vorwurf der Mitschuld am heute wieder auflebenden Antisemitismus gefallen hat. "Die Juden" haben Jesus nicht gekreuzigt; er war selbst Jude durch und durch. In Synagogen und im Jerusalemer Tempel hat er gelehrt. Seine Jünger, seine ersten Anhänger und auch der eigentliche Begründer des "Heiden"-Christentums, Paulus von Tarsus, waren alle Juden. Trotzdenm hat die römische Kirche "die Juden", an die natürlich Jesu Botschaft gerichtet war, schon seit dem Urchristentum (jedenfalls bis zum II. Konzil 1963) verteufelt.
Und Martin Luther hat es vor fast genau 500 Jahren in seinem Büchlein "Die Juden und ire Lügen" genauso gemacht. "Verbrennet ire Synagogen und Schulen", hat der den Nazis damals schon "gerathen". Die haben sich das gut gemerkt. Vergessen wir Christen das nicht, bevor wir auf andere zeigen und den ersten Stein erheben.

zu 5. Bin ich's?
"Bin ich`s, der die Dynamik der Zerstörung stoppen kann?", fragt Pastor Bandt. Und tatsächlich gibt der Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel die Antwort: …… "Am Anfang dachte ich, ich könnte die Menschen ändern. Heute weiß ich, dass ich es nicht kann. Wenn ich aber immer noch gegen das Unrecht schreie, dann deshalb, weil ich verhindern will, dass sie mich ändern!"

Wir brauchen viele Elie Wiesels heute.

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