Veröffentlicht am So., 3. Jun. 2018 13:00 Uhr

Predigt in St. Remberti am 3. Juni 2018
Pastor Dirk von Jutrczenka

Lesung I: Das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus  Lukas 16,19-31

Lesung II aus: Stephanie Saldaña, Das Brot der Engel. Ein Jahr in Damaskus, 2010 (S. 164f. – Die Autorin erzählt von einem Gespräch, dass sie mit Pater Paolo dall'Oglio im Kloster Mar Musa in der Nähe von Damaskus geführt hat.)
„Stephanie, du musst glauben, dass Gott der Gewalt wie ein Kind gegenübersteht. Du musst glauben, dass er dies alles nicht erschaffen hat, sondern verletzt und kümmert ist, wenn er die Welt so sieht, wie sie ist.“
Ich stelle mir Gott vor, wie er ihn schildert – weinend, das Gesicht in den Händen vergraben, wie Michelangelos Jeremias in der Sixtinischen Kapelle angesichts des brennenden Jerusalem. „Aber warum spricht man dann immer von einem zürnenden Gott? Warum redet man davon, dass Gott Menschen in die Hölle stürzt? (…) Ich habe Angst vor einem Gott, der die Menschen in die Hölle schickt. Und noch mehr Angst habe ich davor, dass, wenn die Hölle existiert und ich nicht hineinkomme, dann jemand anderes an meiner Stelle gehen muss. Dann ist das ganze Gerede über christliche Nächstenliebe Blödsinn.“ (…)
„Stephanie“, setzt er an, „wir müssen glauben, dass Gott von der Erlösung der gesamten Menschheit träumt, dass Schöpfung und Erlösung ein und derselbe Akt sind. Anders geht es nicht. Sonst träumen wir, dass wir in den Himmel kommen, während andere in die Hölle müssen, und dass unser Himmel dazu beiträgt, dass die anderen in die Hölle gestürzt werden. Wenn das wahr wäre, bliebe uns nichts anderes übrig als gegen Gott zu rebellieren, uns freiwillig in die Hölle zu stürzen, aus Solidarität mit den aus dem Himmel Verbannten, weil wir uns weigern, am Leiden der anderen beteiligt zu sein.“
Er hält inne und sieht mich an. „Ich kann einfach nicht glauben, dass Gott will, dass die Gläubigen in der Hölle brennen. Uns bleibt nur der Glaube, dass auf irgendeine Art, die wir noch nicht ganz verstehen, dieses Chaos eines Tages ein Ende haben wird und alles verwandelt wird.“
Ich möchte ihm so gern glauben, aber es kommt mir alles zu einfach vor.
„Weißt du, die Muslime haben ein Sprichwort“, sagt er zum Schluss. „Sie sagen, niemand entkommt der Macht Gottes, und die Macht Gottes ist sein Erbarmen.“


Predigt
Jesus erzählt eine Geschichte: Es war einmal… Das hört sich an wie ein Märchen, und tatsächlich klingt die Geschichte märchenhaft. Ein Glaubensmärchen. Es sind beeindruckende, reich ausgeschmückte Bilder von der Existenz nach dem Tod, von Paradies und Hölle. Bilder, die einem Genugtuung verschaffen oder erschrecken, je nachdem, mit wem man sich identifiziert.
Da ist der Reiche. Alles steht ihm zur Verfügung. Er hat Geld und Besitz. Ihm fehlt es an nichts. Er hat Lebensmittel im Überfluss. Was soll er mit der Überproduktion machen? Trotzdem will er noch mehr haben.
Und dann ist da der Arme. Er hat nichts. Keinen Besitz, keine Arbeit, keine Gesundheit, nichts zu essen. Er möchte von dem Überfluss des Reichen etwas abbekommen, wenigstens von den Resten, von dem, was reichlich und überall weggeworfen wird.
Diese beiden haben etwas mit uns und unserer Wirklichkeit zu tun. Die Frage ist nun: Wo stehen wir? Bin ich, sind wir der Arme, dem verwehrt ist, am Leben der Reichen und Besitzenden teilzunehmen? Wer von uns kann sich einen Ferrari kaufen oder eine Villa? Wer hat Zugang zum Luxusbuffet auf der Privatyacht von Konsul soundso? Klar, es gibt eine Art von Reichtum, da gelangen selbst die nie heran, denen es sonst im Leben gar nicht schlecht geht. Aber sind wir deshalb arm? Sicher nicht.
Manche Menschen durchaus auch in unserer Gemeinde erleben sich aber wirklich als arm. Der Langzeitarbeitslose ohne Chancen. Die Familie, die trotz Arbeit rund um die Uhr einfach nicht mehr über die Runden kommt und von Monat zu Monat mehr Schulden aufnimmt. Die Jugendliche, die schon so viele Bewerbungen geschrieben hat, immer wieder vergeblich, und sie weiß nicht, was sie machen soll. Die Leute, die auch morgen wieder zur Ausgabe der Bremer Taler ins Gemeindehaus kommen, mit denen sie im Bremer Treff umsonst eine warme Mahlzeit bekommen. Sind diese Leute gemeint? Erzählt die Geschichte von ihrer Sehnsucht nach ausgleichender Gerechtigkeit? Es klingt ja faszinierend: Irgendwann kommt die große Wende, da kehren sich die Verhältnisse um.
Vielleicht kehrt sich die Geschichte aber auch gegen uns allesamt hier in Mitteleuropa. Ich bin, wir sind die Reichen, wir haben Teil an der Überflussgesellschaft und die Armen dieser Erde liegen vor unserer Tür, die Armen aus Bangladesh und Ruanda und und und... All die im Weltmaßstab wirklich Armen dieser Erde, von denen wir zwar täglich hören, deren Schicksale uns aber nicht wirklich erreichen. Bei ihnen geht es um das pure Überleben. Wie erscheinen demgegenüber unsere Probleme?
In der Geschichte, die Jesus erzählt, wendet sich das Blatt ganz radikal. Die Nöte und Sorgen des Armen Lazarus werden aufgehoben, für all seine Entbehrungen wird er tausendfach belohnt. Da gibt es zwar den Tod. Aber für ihn hat er allen Schrecken verloren, er bringt die Wende, er ist ein Eintritt in ein neues Leben. Der ehemals Arme darf in Abrahams Schoß sitzen und all seine irdischen Qualen vergessen.
Für manche klingt das tröstend. Aber auch vertröstend. Es gehört ja auch zur Geschichte der Religion, dass Menschen, die in Armut und Unterdrückung lebten, vertröstet wurden auf ein Leben im Jenseits. Nur nichts ändern. Nur nicht aufmucken. Vertrösten will Jesus offensichtlich nicht, und der Evangelist Lukas, der als einziger diese Geschichte aufgeschrieben hat, ebenso wenig, Überwindung von Armut ist sein Thema. Was will er aber dann? Will er uns Angst machen?
Wenn wir die Geschichte aus der Perspektive des Reichen hören, dann kann uns ja tatsächlich angst und bange werden. Nun ist Vergeltung angesagt. Der Reiche sitzt im ewigen Feuer, wie umgekehrt der Arme in der ewigen Freude sitzt. Und als er bettelt, Abraham möge ihm doch den Armen schicken, damit er etwas Kühlung gegen die Glut des Höllenfeuers bringt, wird es erst recht gruselig. Denn da wird knallhart ein Schlussstrich gezogen. „Jetzt bist du an der Reihe mit Armut und Leiden. Zwischen uns und euch besteht eine große Kluft; niemand kann von hier zu euch hinüber kommen und auch niemand von dort zu uns herüber." Niemand kann hinüber noch herüber. Niemand entkommt.
Allerdings bitte nicht vergessen: Dies ist ein Gleichnis, keine Jenseitsvision, kein Tatsachenbericht. Eher Theater mit V-Effekt als schwarze Pädagogik. Es ist eine Geschichte, die Jesus erzählt, um seinen Zuhörern etwas klarzumachen.
Auch sie fragen sich: Wo stehen wir? Wo stehe ich, jeder einzelne von uns, in seinem Leben? Die Geschichte hat ja noch eine Fortsetzung. Der Reiche möchte seine Brüder warnen lassen, damit sie das nicht auch mitmachen müssen. Er, der immer meinte, man können die Welt und die Ungleichheit von Armen und Reichen nicht ändern, will nun doch, dass seine Brüder etwas ändern an ihrem Leben. Aber Abraham macht ihm keine Hoffnung: "Deine Brüder haben ja die Möglichkeit, sich zu ändern. Aber sie denken nicht daran. Sie machen vom Angebot zur Umkehr keinen Gebrauch. Darum hat es keinen Sinn, ihnen jemand zu schicken. Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde." Die Lage ist hoffnungslos, so scheint es. Genauso wenig wie der Arme irgendwann im Lauf seines Lebens aus der Armut kommt, lässt der Reiche seinen Reichtum hinter sich. Erst der Tod bringt da eine Änderung. Erst der Tod bringt die Erlösung.
Ist es so? „Das könnte den Herren der Welt ja so passen, wenn erst nach dem Tode Gerechtigkeit käme“, hat der Theologe und Dichter Kurt Marti geschrieben. Nicht der Tod will eine Änderung herbeiführen, sondern das Leben, Gott selber. Gott hat geholfen - so heißt der Name des Armen Lazarus (Elʿāzār) übersetzt. Jesus hilft im Namen Gottes, im Namen des Lebens, im Namen der Liebe zu einem Neuanfang, zur Umkehr, zur Umkehrung schon hier und jetzt. Da ist tatsächlich einer von den Toten auferstanden! Da will tatsächlich einer die Gleichgültigkeit oder Feindseligkeit der Menschen gegeneinander ändern. Da will einer uns bewegen, aufeinander zu und vor allen hin zu denen, denen es schlechter geht als uns.
Aber das ist nun wirklich der Maßstab. Gottes Option für die Armen, die unser kirchliches Leben und unser aller Alltagsleben viel mehr noch als bisher von Grund auf prägen, bestimmen, umkrempeln müsste. Noch einmal Kurt Marti:
„Trefflich sorgt
hierorts die Kirche für einige Nebenbedürfnisse des Mittelstands.
Gefragt sind
ein Hauch heiler Welt mit Dias und Filmen bei Kuchen und Tee.
Ist dafür
einer
einst aufgehängt
worden?“
Jesus lebte und starb für eine Befreiung, die noch viel umfassender ist als man es in ökonomischen Kategorien ausdrücken könnte, keine Frage. Arme habt ihr allezeit bei euch, sagt er zu den Jüngern, die darüber die Nase rümpfen, dass eine Frau ihn mit kostbarem Öl salbt. Trotzdem bleibt die Kompassion für die Armen, die Solidarität mit den Entrechteten, die Arbeit an Gerechtigkeit und Chancengleichheit ein wesentliches Element des christlichen Glaubens, das kann man spiritualisieren wie man will.
Wir haben im Leben wahrlich genug Gelegenheiten dazu. Wenn wir an der bettelnden Frau in der Fußgängerzone vorbeigehen. Wenn wir kritisch darauf schauen, wie viel wir selber wirklich brauchen fürs Leben und was wir wofür ausgeben. Wenn wir Flüchtlingen begegnen, die alles verloren haben und noch nicht wissen, wie es weitergeht. Dann können wir uns selbst die Frage stellen: Auf welcher Seite stehst du? Gott will nicht vergelten am Ende der Zeiten, Gott will helfen und er will, dass wir helfen. Gott will Menschen zum Neuanfang bewegen und wir sollen das auch. Wir können anderen eine Chance geben und uns selbst auch.
Niemand entkommt, heißt es in dem muslimischen Sprichwort. Niemand entkommt der Macht Gottes, und die Macht Gottes ist sein Erbarmen. Die Macht Gottes besteht nicht darin, dass er die einen in den Himmel und die anderen in die Hölle schickt. Die Macht Gottes ist sein Erbarmen, von dem in den Psalmen der hebräischen Bibel, in den Geschichten und Gleichnissen des Neuen Testaments und in den Suren des Koran gleichermaßen die Rede ist. Dieses Erbarmen, das eine grenzenlose Liebe ist, eine Liebe, die keinen Unterschied macht in Freund und Feind. Eine Liebe, die die Welt verwandelt, und darum auch uns verwandeln kann, ja verwandeln wird, verwandeln muss. Niemand entkommt.

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