Veröffentlicht am Fr., 31. Aug. 2018 12:00 Uhr

Vortragsreihe in St. Remberti Bremen | März - September 2017

Für seinen Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“ wurde der damalige Bundespräsident Christian Wulff gelobt und kritisiert. Doch genauso wenig wie es „das“ Christentum gibt, gibt es „den“ Islam. In beiden Religionen gibt es unterschiedliche Glaubensrichtungen und Traditionen, konservative und progressive Strömungen. Die öffentliche Wahrnehmung wird oft von fundamentalistischen und extremen Gruppen bestimmt.
500 Jahre nach dem Beginn der Reformation erinnern wir uns daran, dass um Freiheit in der Religion gestritten werden muss, dass die unter Traditionen verschüttete Botschaft vom gnädigen Gott neu entdeckt werden kann und die Gemeinde der Gläubigen immer zu Aufbruch und Erneuerung aufgerufen ist. Diese zentralen Anliegen der Reformation wollten wir in den interreligiösen Dialog einbringen. Voraussetzung für einen Dialog ist die sachgerechte Wahrnehmung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Dazu sollte diese Veranstaltungsreihe dienen.
Sechs herausragende Akteure im christlich-islamischen Gespräch führten in Ursprünge und Praxis des Islam ein und zeigten Zusammenhänge mit jüdischen und christlichen Glaubensvorstellungen auf. Sie ermutigten zu einer historisch-kritischen Auseinandersetzung mit der Tradition und stellten zeitgenössische liberale Auslegungen des Islam zur Diskussion. Da die St. Remberti Gemeinde sich selbst als theologisch undogmatisch-liberale Gemeinde versteht, ist uns ein Dialog mit reformorientierten Ausrichtungen auf Seiten des Islam besonders wichtig. Mit den Vorträgen und anschließenden Gesprächen sollte die Verständigung zwischen Christen und Muslimen gefördert und die von vielen Zerrbildern bestimmte öffentliche Debatte versachlicht werden. Im Jubiläumsjahr der Reformation fragten wir danach, was Christen und Muslime in Deutschland gemeinsam zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung beitragen können.

Die Vorträge wurden aufgezeichnet und können an dieser Stelle abgerufen werden.


Freitag, 17. März 2017, 19.30 Uhr
Prof. Dr. Hartmut Bobzin, Erlangen
Der Koran. Eine Einführung

Der Koran, die heilige Schrift der Muslime, hat wie kaum ein anderes Buch den Lauf der Geschichte bestimmt. In seinem Vortrag beschreibt Hartmut Bobzin Entstehung, Aufbau und literarische Form des Korans, erläutert die theologischen Grundlagen und erklärt, warum der Koran für Glauben und Leben der Muslime so wichtig ist.

Hartmut Bobzin ist emeritierter Professor für Islamwissenschaft und Semitische Philologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Zu seinen Hauptarbeitsgebieten zählt der Koran und dessen Druck- und Auslegungsgeschichte in Europa. 2010 hat er eine vielbeachtete eigene Koranübersetzung vorgelegt.



Montag, 3. April 2017, 19.30 Uhr
Dr. Martin Bauschke, Berlin
Der Sohn Marias: Jesus im Koran

Jesus ist dem Koran zufolge ein von Gott Gesandter, der als der Sohn Marias den Menschen durch Wort und Wundertat den Weg wahrer Gotteshingabe weist. Die Kenntnisse von diesem koranischen Jesus sind immer noch relativ klein. Dabei spielt Jesus mittlerweile im Dialog zwischen Christen und Muslimen eine zentrale Rolle.

Martin Bauschke ist Religionswissenschaftler und Theologe. Seit 1999 ist er Leiter des Berliner Büros der Stiftung Weltethos. Sein Buch über Jesus im Koran gilt als wichtiges Standardwerk im christlich-muslimischen Dialog.



Freitag, 19. Mai 2017, 19.30 Uhr
Hamed Abdel-Samad
Der Koran. Botschaft der Liebe - Botschaft des Hasses

Der Koran ist ein vielschichtiges und widersprüchliches Buch: eine Botschaft der Toleranz und des Mitgefühls, andererseits ein religiöser Text, der Brutalität und Mord legitimiert. Hamed Abdel-Samad stellt zentrale Suren vor und kommentiert sie mit Blick auf Entstehungsumstände und Rezeption. Er zeigt, warum sich friedliebende Muslime ebenso auf den Wortlaut des Korans stützen wie dies gewalttätige Islamisten tun, und welche Konflikte daraus erwachsen. Seiner Meinung nach liegt die Lösung nicht in erster Linie in einer zeitgemäßen Interpretation des Koran, sondern in einer Emanzipation von der Göttlichkeit des Textes.

Hamed Abdel-Samad studierte Englisch, Französisch, Japanisch und Politik. Er arbeitete für die UNESCO, am Lehrstuhl für Islamwissenschaft der Universität Erfurt und am Institut für Jüdische Geschichte und Kultur der Universität München. Abdel-Samad ist Mitglied der Deutschen Islam Konferenz und zählt zu den profiliertesten islamischen Intellektuellen im deutschsprachigen Raum.


Dienstag, 13. Juni 2017, 19.30 Uhr
Lamya Kaddor, Duisburg
Auf dem Weg zu einem zeitgemäßen Islam

Viele Musliminnen und Muslime, die in Deutschland bzw. in Europa heimisch sind, fühlen sich nicht mehr allein durch das Islamverständnis der Herkunftsländer ihrer Eltern angesprochen. Lamya Kaddor gibt den liberalen, aufgeklärten Muslimen in Deutschland eine Stimme, vor allem den Frauen, die selbstbestimmt - mit oder ohne Schleier - leben wollen, ohne ihre Religion preiszugeben.

Die Islamwissenschaftlerin und Religionspädagogin Lamya Kaddor, als Tochter syrischer Einwanderer in Deutschland geboren, ist Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes e.V. Sie prägt die Debatten zu Islam in Deutschland, Salafismus und IS-Terror als Expertin mit.
(In Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung)



Donnerstag, 24. August 2017, 19.30 Uhr
Hamideh Mohagheghi, M.A., Paderborn
Chancen und Grenzen des christlich-islamischen Dialogs

Christen und Muslime sind verbunden durch ihren Glauben an einen einzigen Gott. Während für viele Muslime das christliche Gottesbild unverständlich ist, haben Christen den Islam lange zum „Irrglauben“ erklärt. Können Missverständnisse und Missdeutungen überwunden, die Gemeinsamkeiten als Basis für ein Leben in Frieden und Freiheit herausgestellt und zugleich die Unterschiede respektvoll anerkannt werden? Hamideh Mohagheghi berichtet von ihrer vierzigjährigen Erfahrung im interreligiösen Dialog in Deutschland und beschreibt Entwicklungen und Schwierigkeiten.

Hamideh Mohagheghi ist eine aus dem Iran stammende Juristin, islamische Theologin und Religionswissenschaftlerin und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften und am Seminar für Islamische Theologie der Universität Paderborn. Sie ist durch ihre umfangreiche Veröffentlichungs- und Vortragstätigkeit zu Themen des Islam und des islamischen Lebens in den westlichen Gesellschaften sowie zur Koranexegese (speziell Koran und Gewalt) bekannt geworden.


Donnerstag, 28. September 2017, 19.30 Uhr
Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, Münster
Islam ist Barmherzigkeit. Liberale Theologie des Islam

Die meistgenannte Eigenschaft Gottes im Koran ist Barmherzigkeit. Dennoch bestreiten konservative Muslime und Islamkritiker gleichermaßen die Vorstellung von einem allbarmherzigen Gott im Islam. Mouhanad Khorchide zeigt, wie der Islam aus sich selbst heraus zu einem Selbstverständnis kommen kann, das eine fundamentale Wende hin zu einer Theologie eines barmherzigen Gottes vollzieht, die sowohl Gott als auch dem Menschen gerecht werden will.

Mouhanad Khorchide studierte Islamische Theologie und Soziologie in Beirut und Wien. Er ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster und ist der bekannteste muslimische Reformtheologe in Deutschland. Mit seinem dezidiert liberalen Ansatz plädiert er für einen neuen Humanismus aus islamischer Perspektive.

(In Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung)



Die Vortragsreihe wurde in Kooperation mit dem Evangelischen Bildungswerk Bremen und der Bremischen Evangelischen Kirche durchgeführt.

Wir danken Karsten Lehmann für die Videoaufnahmen!

Kategorien Islam in Deutschland