Veröffentlicht am Do., 2. Feb. 2017 10:00 Uhr

… ist eine berechtigte Frage, die im Schaukasten an der Remberti-Wiese im Hinblick auf das gestellt wird, was seit Mai 2016 auf der Wiese steht, liegt, vergeht, sich verändert, neu entsteht und sich wie die groß angelegte Mission MARE NOSTRUM nennt, die die italienische Regierung in den Jahren 2014 bis 2015 zur Rettung der in Seenot geratenen Migranten unternommen hat. Bevor Sie die Frage im Schaukasten für sich beantworten, stellen wir hier ein paar Gedanken des Künstlers Peter Weismann zu den Vorgängen auf der Remberti-Wiese vor.


Ab Ende August 2016 stand auf der Remberti-Wiese die Installation EIN ZIMMER FÜR ABDOLLAH. Es erinnerte an das Selbstverständliche, dass der Mensch ein Dach über dem Kopf braucht, vor allem die Menschen, deren Zuhause von Krieg, Gewalt und Not zerstört wurde, und die sich auf die Suche nach einer menschenwürdigen Bleibe machen. Abdollah hat ein Zimmer im Gemeindehaus gefunden; sein Name steht stellvertretend für die, die „draußen“ sind.
Mitte Dezember hat das ZIMMER unter freiem Himmel jemanden gestört oder so verstört, dass er es zerstörte. Ich empfinde diese Reaktion nicht als eine “Zerstörung“, sondern als einen Vorgang: Jemand hat Abdollahs ZIMMER ver-rückt.
Die Dinge in der Welt verändern sich in immer kürzeren Zeitabständen. Es ist zum Verrücktwerden. Aber jeder Störung des Gewohnten wohnt ein neuer Anfang inne und die Möglichkeit zum öffentlichen Dialog mit dem „Störer“ - ich nehme ihn oder sie und seine/ihre Beweggründe ernst.
Ende Dezember habe ich die Teile zu einer neuen Installation zusammengefügt mit dem Titel: ABDOLLAHS VER-RÜCKTES ZIMMER


Blick zurück in den Sommer 2016:
Wir begannen, hier auf der Rembertiwiese eine Installation aufzubauen, nannten das Projekt: MARE NOSTRUM.
„Mare Nostrum“ - unser Meer, das Mittelmeer, das über Jahrhunderte die Kulturen Asiens, Afrikas und Europas verband, wird heute zum Massengrab.
Die Installation besteht aus Sperrmüll, aus Unnützem. „Sperrmüll“ drängt sich als ein provokantes Synonym für Flüchtlinge auf. 200.000 sind genug, heißt es hierzulande. Der Rest ist sperrig, wird nicht gebraucht, gehört nicht zu uns, soll weg, entsorgt werden, abgeschoben!?
Mein Kunstbegriff bezieht sich auf den Vorgang, den öffentlichen Prozess, den flüchtigen aber vielleicht nachhaltigen Dialog im öffentlichen Raum, – nicht auf das Ergebnis als fertiges Produkt. Auf der Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten begegnen mir Materialien. Der Zufall spielt dabei eine Rolle. Was mir zu fällt sind zum größten Teil ausgemusterte, geldwertlose Alltagsgegenstände mit denen ich arbeite. Hier beginnt die Kommunikation – so geldwertlos die Dinge sind, gehören sie meist jemandem, der gefragt sein will, der wissen will, was ich mit dem „ollen Tüch“ vorhabe. Im Juni 2016 fielen mir ein Tisch und zwei Stühle zu. Ein Anfang. Ich stellte sie als eine fast archaische Metapher für Kommunikation, für das: sich zusammensetzen, auf die Wiese und nannte das Ensemble „Dialog“.
Als die Skulptur zu nächtlicher Stunde von Unbekannt zerlegt wurde, fragte der Weser-Report „Ist das Kunst oder kann das weg?“. Die Antwort auf diese anregende Frage war die Skulptur „Aufenthalt“, die aus den Teilen des zerlegten „Dialogs“ entstand. Ein Koffer kam hinzu und eine schlichte Modellpuppe als Andeutung „Mensch“. Ein Tuch verhüllt die Bruchstücke von Tisch und Stuhl und erinnerte mich zugleich an die Höhle, die wir uns als Kinder bauten, indem wir große Decken und Tücher über den Esstisch legten, die an den Seiten bis zum Boden herunter hingen, – eine Höhle, in der wir Kinder uns geborgen fühlten.
Stete Transformation als Prozess, als Kunst, als Bewegung, das bewegt mich wie Wellen das Meer bewegen. Menschen nehmen Einfluss, werden Teil der Installation, das Wetter bewirkt Veränderung, Zerfall, aus dem Neues entstehen kann. Man muss sich nur darauf einlassen – oder eben nicht.
peter weismann.


Peter Weismann wird zum Frühlingsanfang am 21. März 2017 wieder in Bremen sein, um ABDOLLAHS VER-RÜCKTES ZIMMER weiter zu verrücken. Am 24. März ist er Gast im „Religionsphilosophischen Salon“ von Pastorin Isabel Klaus, um sich dort mit seiner Arbeit auseinander zu setzen. Sie sind herzlich dazu eingeladen.

Kategorien Mare nostrum